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Marburg So soll die Oberstadt fit für die Zukunft werden
Marburg So soll die Oberstadt fit für die Zukunft werden
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07:58 27.08.2020
Teilnehmende der Oberstadt-Perspektivwerkstatt im regen Gespräch. Quelle: Foto: Björn Wisker
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Marburg

Plakatwände, Arbeitstische und jede Menge vollgeschriebenes Papier: Um die Oberstadt fit für die Zukunft zu machen, haben Dutzende Marburger an einer Perspektivwerkstatt in der Stadthalle teilgenommen und Ideen gesammelt, wie die Oberstadt als Handels-, Wohn- und Freizeitzentrum gestaltet werden kann.

„Die Oberstadt steht, wie viele Altstädte, unter Druck und droht, Lebenswert zu verlieren. Damit sie nicht nur museal-schöne Kulisse wird, sondern als Viertel lebendig bleiben kann, muss etwas passieren“, sagte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) und setzt auf konkrete Vorschläge, Projekte der mehr als 50 Bürger. Die steckten stundenlang die Köpfe zusammen, arbeiteten die Mängel- und Wunschlisten zu Themenbereichen – von Einzelhandel über Sauberkeit bis zu Verkehr und Wohnen – ab und kamen mit diesen Ideen bei der Ergebnis-Präsentation aus den Arbeitsgruppen zurück:

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Eine Teilnehmerin am Arbeitstisch in der Stadthalle Quelle: Björn Wisker

Offene Bühne: Eine dauerhafte Auftrittsgelegenheit für Kreative und Künstler mit wechselnden Programmpunkten wie etwa Musik, Poetry-Slams oder Graffiti-Shows. In Zusammenarbeit oder Ergänzung des Kulturmobils.

Erlebenswerte Oberstadt: Unter dem Motto „Raus auf die Gass’“ sollen regelmäßige kulturelle und künstlerische Angebote, Veranstaltungsreihen, Aktionstage mit Handel, Gastronomie und Handwerk oder auch Modeschauen organisiert werden. Der Steinweg als Tor zur Oberstadt solle optisch wie über regelmäßige Kulturbeiträge vor Ort attraktiver gemacht, zu einer „Marke Oberstadt“ beitragen.

Multifunktionshaus: Ein Treffpunkt mit neuen Freizeitangeboten, unter anderem mit der Möglichkeit, etwa Bücher oder andere Gebrauchsgegenstände zu leihen, ein Repair-Café einzurichten, oder es als – mit freiem WLAN ausgestatteten – Aufenthaltsraum ohne „Konsum-Zwang“ zu nutzen.

Schloss-Erreichbarkeit: Als ein touristischer Höhepunkt, als Aussichtspunkt und Teil einer möglichst barrierefreien „Erlebniswelt Oberstadt“ soll das Areal besser genutzt werden und dafür eine bessere Nahverkehrstaktung, ein Strecken-Haltestellenverlauf der Linien 10 und 16 geschehen.

Sichtbare Stadtgeschichte: Info-Tafeln und Broschüren zu Marburger Häusern bereitstellen, einen Zeitstrahl zu markanten Punkten der heimischen Studenten-Historie zwischen den 1960er-Jahren bis heute entwickeln.

Müll-Prävention: Verbot von Einwegverpackungen, Plakate zu Mülltrennung und Vermeidung an alle Haushalte verteilen, Sensibilisierung der Immobilieneigentümer bezüglich der geltenden Straßenreinigungsregeln, damit sich diese verstärkt um Sauberkeit kümmern.

Oberstadt-Kümmerer: Veränderung der Lieferzeiten hin zum Zeitraum zwischen 6 und 11 Uhr samt täglicher Kontrollen durch die Stadtpolizei nach Fristende (11.30 Uhr). Für Bewohner solle ein fester Ansprechpartner als Obmann fungieren, um bei Mieter- und Wohnungsproblemen zu vermitteln.

Problem Gentrifizierungtreibt viele um

Vielen Teilnehmern geht es auch um den Charakter der Oberstadt als Wohngebiet. Die seit Jahrzehnten andauernde Gentrifizierung, die Verdrängung von Familien und Älteren durch Studenten-WGs soll nach dem Wunsch vieler gebrochen, das Viertel wieder durchmischter werden. „Es war ja mal so, dass hier kleine Kinder zwischen Alten rumgesprungen sind. Solche Bilder sollten mehr wert sein als die höheren Mieteinnahmen durch fünf Studenten“ sagt ein Veranstaltungsteilnehmer. „Frommer Wunsch, ich weiß“, schiebt er hinterher.

Magistrat wirbt fürRegional-Bewusstsein

Die Oberstadt-Entwicklung, von Laden-Leerständen (in den letzten Jahren schwankte die Zahl zwischen 16 und 19 verwaisten Geschäftsräumen) bis eben zur Gentrifizierung des Wohnraums, ist seit Jahren Thema in der Kommunalpolitik. Vor rund vier Jahren stießen die BfM eine parlamentarische Initiative an, die erst in eine Mängelliste, nun in die Ideensammlung mündet.

Der Magistrat will bei den Bürgern verstärkt für Regional-Bewusstsein werben, appelliert an die Bereitschaft von Kunden, bei lokalen Händlern nicht nur – wenn überhaupt – etwas höhere Preise zu zahlen, sondern vor allem die Mausklick-Bequemlichkeit zu beenden. „Online-Shopping von zu Hause steht im Gegensatz zu innerstädtischer Lebendigkeit“, sagt Spies.

Info-Tafeln zeigen die vorab erstelle Mängel- und Wunschliste zu Oberstadt-Themen. Quelle: Björn Wisker

„Weitere Schrittenach vorn“

Die Möglichkeiten von Politik und auch Gewerbetreibenden seien „nicht unendlich, am Ende entscheidet jeder Kunde mit seinem Kaufverhalten“. Einige Mängel, wie die von vielen als eintönig empfundenen Ladenbesetzungen – also die Verpachtung an Gewerbe, die weiter keinen Nahversorger umfassen – seien von öffentlicher Hand aber nicht zu entscheiden, kaum zu steuern. An einer Verbesserung der Rahmenbedingungen habe man bereits gearbeitet, arbeite man weiter und erhoffe sich von den Bürger-Vorschlägen „weitere Schritte nach vorn“.

Von Björn Wisker

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