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Marburg So tickt Marburgs Jugend
Marburg So tickt Marburgs Jugend
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12:00 09.07.2020
Einer der beliebtesten Jugendtreffpunkte Marburgs: der Skate-Park am Georg-Gaßmann-Stadion. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Zu wenig angesagte Freizeitmöglichkeiten und coole Treffpunkte im Zentrum, zu viel Schulaufgaben und Studentenfokus in der Stadt: Das sind einige der Ergebnisse des ersten Marburger Jugendberichts, der nun vorliegt. Die OP stellt Inhalte vor und hat mit Teenagern über ihre Wünsche gesprochen.

Auf dem Boden sitzen ist zwar keine Freizeitbeschäftigung, aber beim Breakdance landet man eben hin und wieder mal auf dem Hosenboden. Das weiß Leon Opper nur zu gut seitdem er vor einigen Monaten mit dem Hobby begonnen hat. „Ich mag Musik und habe viele Videos gesehen, in dem Leute echt krass tanzen. Das wollte ich auch mal ausprobieren, um so Moves zu können", sagt der 17-Jährige. 

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Leon Opper. Foto: privat

Er weiß: Bis dahin, bis er sein sportlich-kreatives Können mal in Hallen oder auf Straßen zeigen kann, wird noch einige Zeit vergehen. „Ich mache es ja aber für mich, für meinen Spaß. Learning by doing ist mein Ding, wenn ich nicht mehr mag, mache ich halt was anderes."

Opper sagt mit diesem Satz etwas, das die kommunale Jugendarbeit schon seit Jahren und nicht nur in Marburg vor Probleme stellt: Neigungen der jungen Mädchen und Jungs wandeln sich im Laufe der Jahre und das immer schneller, Trends kommen nicht zuletzt dank sozialer Netzwerke im Internet so zügig wie sie wieder gehen, einstmals angesagte Angebote etwa in Jugendclubs sind schon kurz danach wieder out. Da will die Stadt Marburg ran, besser Schritt mit der Entwicklung halten.

Zwei Jahre lang arbeiteten Jugendamt und Wissenschaftler daher an einem 200-seitigen Werk, das die Situation von Marburgern zwischen 14 und 21 Jahren – speziell von 14- bis 18-Jährigen – darstellt. Der Bericht listet, fußend auf Befragungen von Teenagern, Mängel auf und soll als Grundlage für eine Neugestaltung der Jugendhilfe, dem Aufbau zeitgemäßer Angebote für die Jugendlichen in der Stadt dienen.

In den Befragungen kam heraus, dass es zwar durchaus beliebte Treffpunkte gibt, vor allem rund um das Cineplex-Kino, das Georg-Gaßmann-Areal samt des Skateparks. Aber es sind nicht viele Orte und vor allem dienen sie meist eher als Ausgangspunkt, um auf der Suche nach irgendwelchen Aktivitäten durch die Stadt zu ziehen oder einfach rumzuhängen, Musik zu hören, zu quatschen. Von der Stadt oder freien Trägern organisierte Angebote werden hingegen von der Altersklasse 14+ kaum wahrgenommen.

Wie Leon Opper ist auch Timothy Wagner einer der 2.250 Marburger Jugendlichen, auf die sich der Bericht bezieht. Für den 18-Jährigen ist die Universitätsstadt schon gar kein Ziel mehr, seit Beginn des Ausgeh-Lebens zieht es ihn und seine Clique eher nach Gießen, dank des hessenweit gültigen Schülertickets gar nach Frankfurt. 

Timothy Wagner. Foto: privat

Wieso? „Marburg ist schön und so, aber manchmal echt uncool. Es ist nicht leicht, was Besonderes zu erleben. Es fehlen ein paar Sachen, die Spaß machen“, sagt er und wünscht sich mehr öffentliche Groß-Veranstaltungen wie die Innenstadtkirmes oder Konzerte.

Vieles sei auf Studenten –auch das steht als Kritik in einigen Teenager-Interviews – ausgelegt. Für Jugendliche gerade auf den Dörfern bleibe, nicht zuletzt wegen der mauen Busanbindung oft nur das Vereinsleben etwa in Fußballverein oder Feuerwehr. Dazu wird vielen Jugendlichen die Situation durch die Schule erschwert, die über Nachmittags- und Arbeitsgruppenangebote immer mehr Zeit einnehme und so wenig Platz für eigene Freizeitgestaltung lasse. Viele Ergebnisse des Jugendberichts decken sich mit einer großangelegten Befragung des Kinder- und Jugendparlaments vor etwa fünf Jahren.

All das ist laut Ulrike Munz-Weege der unmissverständliche Auftrag an die Stadt, die Jugendarbeit zu reformieren. „Wir müssen neue Formate entwickeln, on- wie offline. Es gilt, den Jugendlichen im wahrsten Sinne des Wortes Raum zu geben, damit sie dort so frei wie es geht das machen können, was sie machen wollen“, sagt die Jugendförderungs-Leiterin bei der jüngsten Fachausschuss-Sitzung. Das geht von gemeinschaftlichem Hip-Hop-Hören und Musik machen bis zum Zocken von Videospielen – und zwar in der Innenstadt, etwa in leerstehenden Ladenlokalen in der Oberstadt. Zu viele, zu laut, zu lange: Munz-Weeges Idee kollidiert mit den bisherigen Erfahrungen vieler Jugendlicher, die sich laut Bericht aus der Innenstadt eher verdrängt, zumindest nicht gebilligt fühlen. Etwas, das in den Augen einiger durch die nun von der Stadtparlaments-Mehrheit beschlossenen Späti-Sperrzonen symbolisch ausgedrückt wurde.

Für Wagner ist klar: „Es geht nicht nur um Party machen, aber außerhalb der Schule kommt man eigentlich nur mit den eigenen Leuten zusammen. Und wenn mal irgendwo was los ist, ein paar Leute chillen, ist das gleich ein Problem“, sagt er und meint die in den vergangenen Jahren aufgekommenen Kriminalitäts- und Lärmdebatten rund um die Lahnterrassen, Northampton Park, Innenstadtkirmes oder eben Oberstadt. Das sieht Opper ähnlich: „Wir leben nun mal auch in Marburg und wollen was erleben. Weder ich noch meine Freunde spielen nur Playstation und machen mit dem Handy rum. Wenn wo etwas los ist, ist es eben auch mal lauter.“

Freizeitverhalten der Deutschen

Die Shell-Jugendstudie, zuletzt Ende 2019 erschienen, hat neben der grundsätzlichen Lebenseinstellung der 12- bis 25-Jährigen in Deutschland auch deren Freizeitverhalten untersucht. Demnach geben von den rund 2.500 Befragten etwa 57 Prozent an, in ihrer Freizeit häufig Musik zu hören. Rund 55 Prozent treffen sich oft mit Freunden, die Hälfte verbringt Zeit im Internet, schaut Filme oder Serien. Ungefähr je ein Viertel der Befragten treiben Sport, lesen Bücher oder machen oft nichts in ihrer freien Zeit und entspannen sich.

Für die Shell-Jugendstudie werden seit 1953 alle drei bis fünf Jahre junge Menschen zu ihren Einstellungen befragt.

Von Björn Wisker