Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg So schützt die Feuerwehr die Elisabethkirche
Marburg So schützt die Feuerwehr die Elisabethkirche
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
21:02 27.07.2021
Spektakuläre Übung: Die Feuerwehr Marburg trainierte gestern, wie sie mit der Drehleiter an den Dachstuhl der E-Kirche herankommt.
Spektakuläre Übung: Die Feuerwehr Marburg trainierte gestern, wie sie mit der Drehleiter an den Dachstuhl der E-Kirche herankommt. Quelle: Fotos: Nadine Weigel
Anzeige
Marburg

Mit besorgten Blicken beobachten zahlreiche Passanten das Spektakel. Feuerwehrfahrzeuge fahren vor die Elisabethkirche, die Drehleiter wird ausgefahren. Doch keine Bange, nichts brennt. Es handelt sich lediglich um eine Übung. Und zwar eine sehr wichtige. Schließlich ist die Elisabethkirche Marburgs Wahrzeichen schlechthin. Ab 1235 erbaut, ist die E-Kirche die älteste rein gotische Kirche in Deutschland. Und die muss geschützt werden. Regelmäßig übt die Feuerwehr Marburg deshalb, wie im Falle eines Brandes vorgegangen werden muss. Keine leichte Aufgabe. „Im Kircheninnern ist die Brandlast nicht sehr hoch, aber eine große Herausforderung ist der Dachstuhl“, erklärt Brandoberinspektor Marc-Phillip Preis und beobachtet, wie sich die Drehleiter, die vor dem Eingangsportal Stellung bezogen hat, auf gut 23 Meter ausfährt. In dieser Höhe befindet sich der Turmvorsprung unterhalb der Uhr und auch der Aufgang zum Dachstuhl. Sollte es dort brennen, können sich die Einsatzkräfte nur über die Drehleiter dem Brand nähern. „Die Wendeltreppe hat eine Breite von circa 60 Zentimetern, da passen wir mit unserer Atemschutzausrüstung und den Schläuchen nicht durch“, weiß Preis.

Bereits ohne die bis zu 35 Kilo schwere Ausrüstung sind die mehr als 100 Stufen hinauf zum Dachstuhl beschwerlich. Selbst Hauptküster Wilhelm Lichtenfels, der wohl mit am häufigsten die schmale Wendeltreppe bezwingt, kommt ganz schön außer Atem. Er erläutert den Einsatzkräften die Besonderheiten des riesigen Raumes mit der jahrhundertealten Balkenkonstruktion. „Durch ein Absaugsystem wird die Luft in den Firsten permanent nach Rauchpartikeln gescannt. Schlägt das Messgerät an, wird sofort die Feuerwehr alarmiert“, sagt Lichtenfels und zeigt die Schläuche, die sich an den massiven Balken entlangschlängeln. Das Messgerät sei so sensibel, dass er bei Konzerten mit Nebel im Kirchenschiff immer darauf achten müsse, dass Nebelpartikel nicht in den Dachstuhl ziehen und einen Alarm auslösen. „Wichtig ist deshalb ja auch, dass wir keine Sprinkleranlage haben, die mit ihrem Wasser einen großen Schaden im Gewölbe anrichten würde“, so der Küster.

Im Brandfall hat die Feuerwehr verschiedene Schläuche am Turm gelagert, auf die sie zurückgreifen kann, wenn sie über die Drehleiter in den Dachstuhl gelangt.

Im Kircheninnern selbst kann eigentlich nur wenig brennen. Das wertvollste, was es aber im Brandfall zu retten gilt, ist der goldene Schrein in der Sakristei. Die ist streng gesichert. Nur über ein ausgeklügeltes Schlüsselsystem kommt man in diesen Bereich der E-Kirche. Das hat seinen guten Grund: „Vor rund 100 Jahren verschafften sich Ganoven aus Frankfurt Zutritt zur Sakristei und stahlen zahlreiche Edelsteine vom Schrein“, erinnert Lichtenfels. Heute bedarf es eines genauen Planes, um all die Schlüssel ihren jeweiligen Schlössern zuzuordnen, welche die Feuerwehrleute aber erst einmal mit ihrem Schlüssel aus einem in der Kirche befindlichen Tresor holen müssen.

Es ist ein bisschen so wie beim Action-Spiel „Escape Room“ – nur dass die Protagonisten hinein-und nicht herausfinden müssen. „Auch im Einsatzfall muss man da ruhig bleiben und sich die Zeit nehmen, denn vor allem die kleinen Schlüssel sehen sich doch schon recht ähnlich“, sagt Hauptbrandmeister Swen Geltner, der an diesem Dienstagmorgen das ausgefallene Schlüsseltraining zum ersten Mal macht. Nach einigen Anläufen öffnet er schließlich auch die letzte Tür, die zur Oberkapelle führt. Auch hier hängt an der Gewölbedecke einer von diversen Brandmeldern. Die finden die Feuerwehrleute über sogenannte Laufkarten, die den kürzesten und schnellsten Weg zu den Brandmeldern zeigen. „Sollte es aber wirklich brennen, sodass wir keine Zeit haben, werden wir natürlich von außen durch die Fenster in den Löschangriff gehen“, betont Feuerwehrmann Preis. Wie allerdings der gut 700 Kilogramm schwere Schrein in einem Brandfall aus der Kirche gerettet werden soll, weiß auch er noch nicht so recht.

Er kann aber etwas beruhigt sein: Der Schrein, der aus vergoldetem Kupfer über Eichenholzkern besteht und 1240 zur Aufnahme der Gebeine der Heiligen Elisabeth angefertigt wurde, ist in all den Jahrhunderten erst einmal durch Feuer in Mitleidenschaft gezogen worden. Und das war nicht in der Elisabethkirche, sondern in Kassel. Um 1820 hatte Jérôme Bonaparte, Napoleons jüngster Bruder, den goldenen Schrein mit in seine Residenz nach Kassel genommen. Als es dort zu einem Brand kam, wurde auch das Marburger Heiligtum beschädigt.

Von Nadine Weigel

27.07.2021
27.07.2021
27.07.2021