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Marburg So prägt Corona unseren Alltag
Marburg So prägt Corona unseren Alltag
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17:44 03.03.2020
Das neue „blaue Gold“: Desinfektionsmittel wird knapp. Quelle: Foto: Nadine Weigel
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Marburg

Drei Verdachtsfälle im Landkreis Marburg-Biedenkopf, dazu zehn Menschen in Quarantäne: Das ist der aktuelle Coronavirus-Stand in der Region. Und so schlägt die Krankheit auf den Alltag durch:

„Wir empfehlen unseren Vereinen derzeit, auf den obligatorischen Handshake zu verzichten“, sagt Stefan Reuß, Präsident des Hessischen Fußball-Verbandes (HFV) mit Verweis auf die Fairplay-Geste. „Bis auf Weiteres“ würden zwar alle Spiele und Turniere im Landkreis stattfinden – aber man beobachte die Entwicklung und würde dann auch „kurzfristig reagieren“, wie Matthias Gast, HFV-Sprecher, auf OP-Anfrage gestern sagte.

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Kindergärten sind vorbereitet

Auch Kindergärten wappnen sich: Viele Betreiber schicken aktuell Hygiene-Infos an die Eltern – und beschäftigen sich auch mit Sicherheitsvorkehrungen für die Erzieherinnen. Erika Völker, Leiterin der Kindertagesstätte "Löwenzahn" in Cölbe, bleibt zwar unaufgeregt und sagt: „Wir haben auch die Empfehlungen des Kreisgesundheitsamtes gelesen und die Devise ausgegeben, derzeit auf das Händeschütteln und Umarmen zu verzichten.

Aber: „In der Regel halten wir es sowieso immer sehr mit der Hygiene und Sauberkeit, denn unter 134 Kindern hat man immer welche, die erkältet sind. Allerdings haben wir die Raumpflegerin noch einmal eigens angewiesen, stets alle Türklinken zu desinfizieren.“

Keine Auswirkung auf Konzerte

In Kirchen gilt nicht zuletzt im Vorfeld des Weltgebetstags am Freitag auch: Vorsicht ist bei Menschenansammlungen besser als Nachsicht. Im evangelischen Pfarramt Sterzhausen-Caldern zeigt sich Pfarrer Ralf Ruckert unaufgeregt. Man empfehle zwar gründliche Hygiene, habe Desinfektionsmittel, aber er selbst bleibt seinen Verhaltensweisen treu: „Jeder der wollte, wurde wie immer mit Händeschütteln an der Kirchentür verabschiedet. Es ging aber auch mit einem Nicken.“ Man habe „auch bei der Schweinegrippe Abendmahl gefeiert und werden es auch jetzt tun.“ Und niemand sei gezwungen, aus dem Gemeinschaftskelch zu trinken. Viele würden sowieso die Oblate in den Wein tunken. „Und Menschen, die erkältet sind, verzichten oder gehen bewusst ganz zum Schluss.“

Der Konzertveranstalter Depro aus Gemünden hat bisher noch keine Auswirkungen der Corona-Angst auf den Ticketverkauf festgestellt. „Ich merke momentan noch nichts“, sagt Ingrid von Müller vom Ticket-Team bei Depro. „Wir haben gerade auch nicht so viele Veranstaltungen. Aber die Leute bestellen im Augenblick die Tickets.“

Die Verbreitung des Coronavirus stelle den Veranstalter vor eine völlig neue Situation, deshalb könne sie aktuell die Frage noch nicht beantworten, wie man damit umgehe, falls Kunden aus Angst vor einer Corona-Infektion Tickets zurückgeben wollen. Normalerweise gehe das nur, wenn die Veranstaltung nicht stattfindet.

Beim Marburger Kulturzentrum KFZ gab es bisher „einen einzigen Fall“, dass jemand aus Angst vor dem Coronavirus eine Karte zurückgeben wollte, sagt Matthias Wussow von der Programmplanung. „Wir haben weiterhin ausverkaufte Veranstaltungen.“

Das Publikum bleibt also offenbar nicht aus Furcht vor Viren zu Hause. Wenn aber jemand seine Karte stornieren wolle, könne er das bis drei Tage vor der Veranstaltung problemlos tun, erklärt Wussow. Wer wegen des neuen Coronavirus in noch kürzerer Frist die Karte zurückgeben wolle, müsse anrufen. „Wir sind durchaus offen dafür“, verspricht Wussow.

Am Uni-Institut für Virologie auf den Lahnbergen sind die Mitarbeiter wegen des Coronavirus intensiv gefordert. So hat sich die Zahl der eingesandten Blutproben, die mit einem speziellen Nachweistest für das neuartige Virus untersucht werden, seit einigen Tagen stark erhöht. „Wir müssen umschichten und brauchen mehr Mitarbeiter“, sagte Instituts-Chef Professor Stephan Becker auf OP-Anfrage. Eingesandt werden die Proben von Gesundheitsämtern, niedergelassenen Ärzten und dem Uni-Klinikum. Dabei handelt es sich vorwiegend um die Untersuchung der Proben von Kontaktpersonen von Erkrankten – wie etwa der Fall aus Wetzlar.

Noch ist laut Becker nicht klar, ob das neuartige Coronavirus zu der Art von verwandten Coronaviren gehört, für die die Saison ähnlich wie bei der alljährlichen Grippewelle bereits im Frühjahr ende. Dies sei zwar „möglich, aber noch nicht hinreichend erforscht“.

Dr. Ortwin Schuchardt, Allgemeinmediziner aus Stadtallendorf und Sprecher der heimischen Ärztegenossenschaft PriMa, glaubt, dass die Hausärzte im Kreis „im Prinzip bewältigen können, was jetzt im Zuge von Corona auf sie zukommt."

Er formuliert allerdings auch ein "Aber". Zentraler Punkt, wenn ein Patient für sich den Verdacht hegt, infiziert zu sein, ist, dass er sich zwingend vor dem Hausarztbesuch telefonisch anmeldet.

Ein Problem in Marburg und anderen Krankenhaus-Standorten: Dutzende Menschen, die glauben, sie seien mit Corona infiziert, kommen seit dem Ausbruch in die Notaufnahmen der mittelhessischen Kliniken.

Die Kassenärztliche Vereinigung Hessen warnt: „Das kann binnen kurzer Zeit dazu führen, dass klinisch kritische Fälle – alle möglichen Krankheiten und Verletzungen – nicht mehr adäquat versorgt werden können.“

Eine Sorge, die es auch unter Marburger Medizinern gibt. Besonders kritisch ist: Wenn sich so die Krankheit in Krankenhäusern selbst, vor allem auf Krebsstationen und den dort untergebrachten, hochgradig für Ansteckungen gefährdete Patienten ausbreitet.

Von unseren Redakteuren

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