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Marburg So lief die Rettung von Haus Waldblick in Moischt
Marburg So lief die Rettung von Haus Waldblick in Moischt
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11:24 23.12.2020
Corona-Ausbruch im Alten-und Pflegeheim "Haus Waldblick" in Moischt. Mitarbeiter des Katastrophenschutzes und der Heimaufsicht des RP stehen vor dem Eingang.
Corona-Ausbruch im Alten-und Pflegeheim "Haus Waldblick" in Moischt. Mitarbeiter des Katastrophenschutzes und der Heimaufsicht des RP stehen vor dem Eingang.  Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Als das medizinische Personal des Gesundheitsamts Mitte vergangener Woche in Moischt vor dem „Haus Waldblick“ vorfuhr, sich vor dem Seniorenheim in Schutzanzüge hüllte, um die mehr als 40 Bewohner zu versorgen, war das das vorläufige Ende einer Katastrophe. Einer, die sich ankündigte. Die OP rekonstruiert, wie es zum Kollaps des Altenheims kommen konnte, wie welche Behörden wann reagiert haben – und was nun passieren könnte.

Am 3. Dezember wurde nach Angaben des Gesundheitsamts der erste Positivfall registriert, am selben Tag folgten zwei weitere. Damit war das „Haus Waldblick“ als Ort eines Corona-Ausbruchs definiert, spezielle Schutzmaßnahmen griffen.

Die Heimleitung wurde vom Gesundheitsamt sofort informiert, es folgten Tests von Mitarbeitern und tägliche Telefonate, wie es mit den internen Dienst- und Schichtplänen aussehe.

Personalausfall war klar

Am 7. Dezember steht fest: 14 Mitarbeiter sind Corona-positiv, werden in Quarantäne geschickt. Der massive Personalausfall ist also bereits klar, als eine weitere Woche später nochmal 14 Mitarbeiter infiziert und Anfang vergangener Woche dann nur noch zwei Pfleger für 40 alte Corona-Patienten übrig sind.

Brisant: Das Gesundheitsamt hat der Heimleitung bereits am 7. Dezember angeboten, Quarantäne-Zeiten von Mitarbeitern nach sieben Tagen zu verkürzen, sodass diese – wenn sie ihr Einverständnis geben – angesichts einer eventuellen Notsituation eingesetzt werden könnten. Auch gab es Angebote zur Personal-Vermittlung. Etwas, das vom privaten Betreiber aber offenbar nicht angenommen wurde.

Als entscheidendes Datum könnte sich der 10. Dezember herausstellen. An diesem Tag wies die Kreisverwaltung nach OP-Informationen das eigentlich als Heimaufsicht zuständige Regierungspräsidium Gießen auf die Waldblick-Situation, auf die umfassende Personal-Quarantäne, den somit absehbaren Fachkräfte-Engpass – auf die Sorge vor einem Zusammenbruch hin.

„Wir ahnten, was da auf das Haus zukommen könnte und wollten Vorkehrungen treffen“, heißt es aus der Kreisverwaltung.

RP: Haben erst am 15. Dezember davon erfahren

Auf OP-Anfrage heißt es vom RP allerdings: Das Infektionsgeschehen selbst sei – als Aufgabe der Heimleitung – am 9. Dezember „erstmals angezeigt“ worden, Kenntnis von dem hohen Personalausfall habe man erst am 15. Dezember – also am Tag des Rettungseinsatzes – erhalten.

Fünf Tage liegen also zwischen dem Alarmsignal aus dem Gesundheitsamt und dem Eingreifen der Heimaufsicht, dem Rettungseinsatz selbst. Der Vorwurf des Behördenversagens, der seit dem Waldblick-Kollaps in Marburg kursiert, richtet sich somit wohl nach Gießen.

Immerhin: Von den seit dem Corona-Ausbruch im Heim Verstorbenen, ist die Todesursache nach OP-Informationen in keinem Fall auf mangelnde medizinische oder pflegerische Versorgung zurückzuführen.

Für den Heimleiter, praktisch für das ganze Heim könnte der Kollaps jedoch Konsequenzen haben. Nach OP-Informationen prüft das RP derzeit die Neubesetzung der Heimleitung, gar eine Schließung des privatwirtschaftlichen Betriebs samt Verantwortungsübertragung an die Pflegekasse. Hintergrund soll sein, dass die Eignung der aktuellen Heimleitung angezweifelt wird. Das RP hält sich auf OP-Anfrage bedeckt, es könne „gegebenenfalls nötige Schritte“ geben.

Derzeit stehe „die Stabilisierung der Lage in der Einrichtung im Fokus“. Vorerst stemmen Externe die Pflege und Leitung.

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Eine freiwillige Helferin berichtet hier von ihren Erfahrungen im "Haus Waldblick".

von Björn Wisker

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