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Marburg So lief das Weltkriegs-Ende in Marburg
Marburg So lief das Weltkriegs-Ende in Marburg
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07:00 08.05.2020
Amerikanische Truppen marschieren am 6. März 1945 in die Domstadt Köln ein. Am 8. Mai 1945 endete der Zweite Weltkrieg mit der Kapitulation Deutschlands.  Quelle: dpa
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Marburg

Den Geschichtsbüchern zufolge war es ein Mittwoch mit schönem, frühlingshaften Wetter, als am Morgen – was damals noch keiner wusste – ein letztes Mal die Alarmsirenen heulten und die Stadtbewohner in ihre Keller, in die Luftschutzräume oder in die Bunker – etwa hinter dem Europäischen Hof in der Elisabethstraße oder in der Alten Kasseler Straße – flüchteten. Kurze Zeit später kreisen Flugzeuge über der Stadt, Granateinschläge, Gewehrfeuer, Kettenrasseln von Panzern sind zu hören.

Als dann am späten Vormittag amerikanische Soldaten in die Stadt einrücken, durchsuchen die GIs zuerst Häuser und Wohnungen nach versteckten Soldaten und Waffen. „Ich war bei meiner Großmutter in Zwischenhausen und hatte eine kleine weiße Fahne, an den Häusern in Zwischenhausen und der Ketzerbach hingen weiße Tücher, wo früher die Hitlerfahnen befestigt waren“, so steht es in der „Ketzerbach-Chronik 1938–1963“. Es ist ein Eintrag von Zeitzeuge Rolf G. Vaupel: „Plötzlich kamen die ersten Jeeps mit den amerikanischen Soldaten und anschließend größere Lkws und Panzer auf die Ketzerbach gefahren.“

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Schreiner Richard Rösler wohnt ebenfalls in der Ketzerbach. Er verlässt die Wohnung, um zu schauen „wie so‘n Krieg eigentlich gemacht wird. Ich getraute mich bis zur Elisabethkirche vor und besah mir seelenruhig die fremden Panzer. Kein amerikanischer Soldat würdigte mich eines Blickes. So nach und nach kamen auch ein paar Leute, gesellten sich zu mir. Da, auf einmal am Bunker im Europäischen Hof, kamen eine Menge deutsche Soldaten raus, die Hände auf den Kopf gelegt, ein Zeichen, daß sie sich ergeben hatten“, heißt es in den Aufzeichnungen des Schreiners.

Am Nachmittag füllen sich den Aufzeichnungen zufolge die Straßen in Marburg mit Menschen. Vor allem sind es Kinder, die sich bei Sonnenschein die Panzer ansehen, während die Amerikaner sich Quartiere suchen, unter anderen das Rathaus, das Café Vetter und das ehemalige Sparkassengebäude in Beschlag nehmen.

75 Jahre später äußert sich Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) anlässlich des Jahrestags des WeltkriegsEndes: Der Tag der Befreiung habe „uns in besonderer Verantwortung den Weg zu unserem sozialen, demokratischen Rechtsstaat geebnet“. Es sei vor allem „ein Tag der Mahnung“, denn „wieder stehen die braunen Rattenfänger bereit. Sie verbreiten Lüge, Hass und Hetze, sie zündeln, prügeln und morden.“ In Marburg wisse man, dass die friedlichen, freundlichen, weltoffenen Demokraten in der Mehrheit seien. Das aus Deutschland kommende „unermessliche Grauen des Faschismus“ – vom Krieg selbst über den Holocaust und die Verfolgung – habe die „menschliche Zivilisation in einem Scherbenhaufen zurückgelassen“.

von Björn Wisker

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