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Marburg So lief das Advents-Shopping unter 2G-Regeln
Marburg So lief das Advents-Shopping unter 2G-Regeln
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20:00 13.12.2021
Anne-Kathrin Stengel bei 2G-Kontrollen am Haupteingang im Kaufhaus Ahrens in Marburg
Anne-Kathrin Stengel bei 2G-Kontrollen am Haupteingang im Kaufhaus Ahrens in Marburg Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Hinter dem Einzelhandel liegt nun das erste Advents-Shopping-Wochenende unter 2G-Bedingungen. Die Regelung verdirbt den Händlern aus Sicht des Handelsverbandes Deutschland (HDE) das wichtige Weihnachtsgeschäft. Bei Geschäften mit Artikeln des nicht-täglichen Bedarfs seien Umsatzeinbrüche zu beklagen, kritisierte HDE-Hauptgeschäftsführer Stefan Genth am Sonntag. Laut einer aktuellen Umfrage des HDE unter 1 100 Händlern blickten mehr als 70 Prozent der Unternehmen negativ auf die restlichen Tage des Jahres. Viele hätten das Weihnachtsgeschäft bereits abgeschrieben.

„Was eigentlich der positive Höhepunkt des Jahres sein sollte, ist jetzt oft ein Loch ohne Boden“, so Genth. Händler mit 2G-Zugangsbeschränkungen verloren demnach in der abgelaufenen Woche knapp ein Drittel ihrer Vorkrisenumsätze. Gut laufe es nur im Lebensmitteleinzelhandel sowie im Onlinebereich. „2G beim Einkaufen bringt uns im Kampf gegen die Pandemie nicht weiter“, betont Genth. Die aktuellen Regelungen schreckten Kunden ab und erforderten hohen Personaleinsatz.

Das sind Erfahrungen, die Ulrich Mücke, Prokurist des Marburger Kaufhauses Ahrens, nicht teilen kann: „Die Kunden kamen alle an und hatten ihren Impfnachweis und einen Ausweis oder Führerschein parat – der Einlass hat super funktioniert.“ Offensichtlich hätte die Kundschaft die Regeln bereits verinnerlicht, „sodass es keine langen Wartezeiten gab. Es lief richtig diszipliniert ab – dass es so gut funktioniert, damit hatte ich nicht gerechnet“, gibt Mücke zu. Der Personaleinsatz bei Ahrens sei jedoch an den fünf Zugängen entsprechend hoch gewesen. Und Diskussionen mit Kunden „hat es nur vereinzelt gegeben – das war keine Handvoll Kunden“. Dabei war das Ahrens-Team auch auf Ärger eingerichtet, „die Mitarbeiter an den Kontrollstellen hatten Walkie-Talkies, waren mit dem Hausdetektiv und der weiteren Hausmannschaft verbunden“. Benötigt worden sei dies jedoch nicht.

„Kunden kommen mit klarer Kaufabsicht“

Und wie war das Geschäft? „Die Frequenz war vergleichbar mit dem vergangenes Wochenende“, sagt Mücke, und auch die „Durchschnittsbons“ seien höher ausgefallen. Heißt: „Die Kunden haben mit einem höheren Bon-Wert gekauft. Man sieht: Wer ins Haus kommt, kommt mit einer klaren Kaufabsicht und kauft dann auch.“ Das kompensiere auch die im Vergleich zum vergangenen Jahr etwas niedrigere Kundenanzahl. Damals seien extrem viele Kunden gekommen, „weil klar war, dass es der letzte Samstag vor dem angekündigten Lockdown war“. Mückes Hoffnung: „Dass das Geschäft jetzt die kommenden Wochen so durchläuft.“

Wie lief das Geschäft in Marburgs größtem Spielwaren-Fachmarkt Sulzer? „Anstrengend war es“, sagt Florian Sulzer lachend. Von der Kundenfrequenz her „sind unsere größten Befürchtungen zum Glück nicht wahr geworden. Es gab viele Kunden, die trotz der aktuellen Regelungen zu uns gekommen sind“, freut er sich. Doch habe sich noch nicht herumgesprochen, dass auch für Kinder und Jugendliche ab sechs Jahren das Testheft aus der Schule benötigt werde, um Zugang zu den Geschäften zu bekommen. „Scheinbar wird das Heft von manchen Schulen gar nicht rausgegeben, weil sie Angst haben, dass die Schüler das verlieren“, sagt Sulzer. Entsprechend „hätten Kinder, die auf Schulen gehen, wo das Heft einbehalten wird, jetzt quasi einen Lockdown“, sagt Sulzer.

Die Kundschaft reagiere größtenteils mit Verständnis auf die Zugangsregelungen, „nur in ganz wenigen Fällen kam es zu Diskussionen“. Ach seien die Einlasskontrollen flüssig gelaufen, „es kam trotz der hohen Frequenz nur zu relativ kurzen Wartezeiten – wenn viele Kunden warten mussten, haben wir das Personal bei den Kontrollen kurzfristig erhöht“. Auch, wenn durch den Weihnachts-Lastwagen-Konvoi, der ja vom Messeplatz aus gestartet sei, „stellenweise Verkehrschaos herrschte“. Und: Alles sei besser als der Lockdown des vergangenen Jahres.

Keine Zugangskontrollen in Gladenbach?

Harsch mit dem Handel ins Gericht geht ein Kunde aus Gladenbach, der jedoch anonym bleiben möchte: Er kritisiert, dass die Gladenbacher Händler überhaupt nicht oder nur sehr unzureichend 2G-Kontrollen vornehmen würden. „In nahezu keinem Einzelhandelsgeschäft, welches unter die 2G-Regel fällt, gibt es Zugangskontrollen oder ähnliche Maßnahmen, die Ungeimpften den Zutritt verwehren. Sprich: Jede oder jeder hat freien Zutritt“, bemängelt er – das sei hochgradig unfair, weil vor allem gefährdeten Personengruppen „durch diese, den Profit in den Vordergrund stellende, Vorgehensweise der Einzelhändler ein sicheres Einkaufserlebnis verwehrt wird“. Im Gespräch mit der OP berichtet der Mann davon, dass er in einem Geschäft quasi ausgelacht worden sei, „als ich gefragt habe, ob denn nicht kontrolliert wird“.

Gladenbachs Bürgermeister Peter Kremer kann diese Kritik nicht nachvollziehen. „Bei den bisher durchgeführten Kontrollen unseres Ordnungsamtes und auch speziell bei den am vergangenen Freitag zusammen mit der Polizei durchgeführten Kontrollen in der Gladenbacher Gastronomie“ habe sich der Eindruck des Kunden, dass es in Gladenbach unfair zugehe, „gerade nicht bestätigt“. Weder in den Geschäften noch in den gastronomischen Betrieben habe es laut Kremer Anlass zu Beanstandungen gegeben, „im Großen und Ganzen waren wir sehr zufrieden mit dem Ergebnis“.

„2G-Regelung wird Opfer fordern“

Die 2G-Regel kommt für die Händler zur Unzeit, kritisiert Burghard Loewe, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Lahn-Dill. Viele Einzelhändler litten noch immer an den Lockdown-Folgen des vergangenen Winters. Loewe: „Das Weihnachtsgeschäft wird sich erneut in Richtung Onlinehandel verlagern. Unsere Händler rechnen mit 30 bis 50 Prozent Umsatzeinbußen im Weihnachtsgeschäft.“

Corinna Wolf, stellvertretende Vorsitzende des Handelsausschusses der Kammer, bestätigt das: „Mit 2G fällt uns ein Drittel unserer Kundschaft weg. Dazu kommen Belastungen durch die geforderten Zugangskontrollen zum Geschäft.“ Kundenberatung und Einlasskontrolle seien für eine Person gleichzeitig kaum noch zu schaffen. Und Handelsausschussmitglied Reiner Eitzenhöfer sagt: „Der Händler muss jetzt eine App einsetzen, um die Echtheit des Impfzertifikats zu überprüfen und sich zusätzlich den Personalausweis zeigen lassen. Hier werden staatliche Aufgaben auf die Einzelhändler abgewälzt.“ „Der Gesundheitsschutz hat für die heimische Wirtschaft und den Handel oberste Priorität“, so IHK-Chef Loewe. „Doch wir bezweifeln, dass 2G im Einzelhandel der richtige Weg aus der Pandemie ist. Der Einzelhandel ist nach wie vor kein Infektionstreiber.“

Die IHK Lahn-Dill befürchtet erneute Wettbewerbsverzerrungen. Loewe: „Grundversorger wie Supermärkte und Drogerien stehen allen Kunden offen, Sortimentsanbieter müssen auf ein Drittel ihrer Kundschaft verzichten. Die 2G-Regelung wird weitere Opfer unter den stationären Einzelhändlern fordern. Die Auswirkungen – auch was die Attraktivität unserer Innenstädte anbelangt – werden immens sein.“

Von Andreas Schmidt