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Marburg So lebt es sich ohne Maske an der Uni
Marburg So lebt es sich ohne Maske an der Uni
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12:59 21.05.2022
Der Philosophie- und Geschichtsstudent Gabriel Schnizler hat für sich – vorübergehend – die Maskenpflicht an der Philipps-Universität gekippt.
Der Philosophie- und Geschichtsstudent Gabriel Schnizler hat für sich – vorübergehend – die Maskenpflicht an der Philipps-Universität gekippt. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Er öffnet die beiden grauen Türen spürt die Blicke, die ihm einige Kommilitonen in der Phil-Fak zuwerfen. Der junge Mann an der Plakatwand, der ihn skeptisch mustert, die junge Frau mit Kaffeebecher in der Hand, die ihre Augen verdreht, der ältere Herr, der ihn von der Sitzbank aus anstarrt.

Was Gabriel Schnizler vom Großteil der anderen 26.000 Studentinnen und Studenten in Marburg unterscheidet, ist, dass er trotz der an der Philipps-Universität geltenden Maskenpflicht keinen Mund-Nase-Schutz trägt.

Hausordnung als Rechtsgrundlage

Der Philosophie-Student war es, der kürzlich die Maskenpflicht an der Uni zu Fall brachte – jedenfalls für einen Tag. Das Verwaltungsgericht Gießen (VG) gab seiner Klage gegen die Uni statt, wonach die Arbeitsschutzverordnung als Begründung nicht trage. Resultat: Schnizler muss keine Corona-Maske tragen.

Kurz darauf reagierte die Uni und stellte auf die Hausordnung als Rechtsgrundlage um; etwas, das das VG in einem anderen Verfahren als zulässig bestätigte. Resultat der Entwicklung ist, dass der 29-Jährige wieder – mindestens bis 25. Mai – Maske tragen muss.

Tragen müsste – was er aber nicht macht, schon im gesamten Sommersemester nicht tat.

Argumente von Rudi Dutschke

Aus Vorsicht belege er aktuell wenig Präsenzveranstaltungen, da es „ständig zu Konfrontationen, zu Konflikten kommen kann. Ich muss immer mit einer Eskalation rechnen.“ Der Student versteht sein Verhalten nicht als Egoismus, nicht als Trotz oder Widerborstigkeit. Er lädt die Maskenverweigerung eher mit einer freiheitlich-demokratischen Argumentation auf. „Es geht letztlich um Mündigkeit, Eigenverantwortung oder den einfachen Weg des Konformismus, der Folgsamkeit.“

Schnizler ordnet sich selbst dem politisch linken Lager zu und argumentiert tatsächlich gern mit Rudi Dutschke, Rosa Luxemburg, auch mit Philosophen wie Hannah Arendt, Theodor Adorno und Herbert Marcuse.

Das sagen Studierende

„Ich habe mich an die Maske gewöhnt, sie stört mich nicht und auch an anderen stört sie mich nicht. Für den Moment ist es nun mal so, wie es ist“, Elisabeth Reimann (24), Sprachwissenschaftsstudentin
„Was andere schützt, tue ich gerne. Ich finde es unsolidarisch und unsensibel, wenn manche dabei nicht mitmachen", sagt Fabio Kutsche (23), Politikwissenschaftsstudent.
„Spaß macht mir das Maskentragen nicht, aber ich setze sie eben auf, wenn es gewollt ist. Ich freue mich aber, wenn normal wirklich wieder normal ist“, sagt Ben Brauer (25), Jurastudent.

Sieben Jahre Fallschirmspringer

Aber er ist auch Teil von „Weiterdenken Marburg“, kandidierte für Stadt- und Kreisparlament.

Der 29-Jährige bestreitet nicht, dass es Situationen geben kann, in denen Masken nützlich sein könnten – in Altenpflegeheimen, in Krankenhäusern, aber eben nicht an Hochschulen. Vielmehr erkennt er im Masketragen ein „politisches Symbol, eine demonstrative Haltung“.

Der Mann, der sieben Jahre als Fallschirmspringer bei der Bundeswehr war, spricht von „typischem Armee-Verhalten“ das nicht nur an der Uni Einzug gehalten habe. „Vermummung und Denunziation waren mal ein Unding, ich möchte Werte wie Vernunft und Eigenverantwortung zurück – gerade an einer Hochschule sollte Freiheit viel zählen.“

Hausrecht – jeder kann anders entscheiden

An welchen Universitäten Masken getragen werden müssen, ist nach der Änderung des Infektionsschutzgesetzes im Frühjahr eine Frage des Hausrechts, also des jeweils vor Ort entschiedenen Vorgehens. So verzichten im Gegensatz zu Marburg und Gießen etwa die Unis Frankfurt und Heidelberg auf eine Maskenpflicht.

„Sichere Präsenzlehre in unserem Sinn“

„Sichere Präsenzlehre ist in unserem Sinn, wie man das genau ausgestalten sollte, da sind wir in internen Abstimmungen“, sagt Marc Oran, Asta-Finanzvorstand auf OP-Anfrage.

Dass es innerhalb der Studierendenschaft wegen Nicht-Einhaltung der Maskenpflicht zu größeren Konflikten kommt, sei ihm nicht bekannt. Nach OP-Informationen sind die Studentenvertretungs-Gremien selbst jedoch tief gespalten über die Maskenpflicht-Frage. Indes ordnet auch die Uni ein: Bei 26.000 habe es zwei Klagen – beide Urteile sind noch nicht rechtskräftig – gegeben.

Von Björn Wisker

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