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Marburg So läuft die Rettung des Lokschuppens
Marburg So läuft die Rettung des Lokschuppens
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17:58 11.07.2019
Exklusive Einblicke für die OP: Nach Monaten der Kaufverhandlungen und Planungen fiebert der neue Lokschuppen-Besitzer Gunter Schneider dem Baubeginn entgegen. Bisher liefen nur Sanierungsarbeiten an.  Quelle: Björn Wisker
Marburg

Die Sonnenstrahlen brechen durch die Löcher im Dach. Das Licht, das durch die vielen Öffnungen dringt, kopiert die fragile Dachstruktur auf den Erdboden und taucht die von Graffiti übersähten Wände in ein dubioses Zwielicht.

In dieser Atmosphäre, die eher an einen verlorenen Drogen-Treff als an eine historische Eisenbahn-Werkstatt erinnert, steht ein großgewachsener Mann und erzählt mit leuchtenden Augen von seinem Traum. Nein, kein Traum, einem Plan: Aus dem Lokschuppen am Ortenberg soll ein schillernder Festsaal, ein Firmengründer-Zentrum und eine Gastronomie werden.

„Alles, was man anfasst, ist marode. Aber wenn man es anfasst, spürt man die Geschichte des Bauwerks. Jeder Winkel scheint etwas zu erzählen zu haben“, sagt der Chef des Fronhäuser Unternehmens Optik Schneider.

„Das alles hier“, sagt er und deutet mit dem Zeigefinger erst auf das brüchige Dach, dann auf das lückenhafte Mauerwerk „kann man nicht einfach rausreißen, wegwerfen und durch Neues ersetzen. Dann würde der Geist verloren gehen“.

Dass der Lokschuppen-Umbau, die Errichtung von zwei Nebengebäuden – eines als Lager, eines als Arbeitsraum-Ersatz für einen eingemieteten Künstler – und sowieso Abriss und Hotelbau am Platz des Werkstattgebäudes, ihn tendenziell mehrere Millionen Euro mehr kosten wird als kalkuliert?

Zumal er in Kooperation mit Stadtverwaltung und Stadtwerken das gesamte Areal mit Fernwärme ausstatten, für alle Nutzer ein neues Leitungssystem entstehen wird? „Manches macht man einfach, weil es gut ist und Sinn macht“, sagt er mit Verweis auf CO2-Einsparungen von mehr als 60.000 Tonnen pro Jahr.

Doch seit Wochen und bis vor wenigen Tagen wird sich – weil die Baugenehmigung der Stadt seit Monaten auf sich warten lässt – nur um das Dach, um die erlaubten Sanierungsaspekte gekümmert. Eine Denkmalschutz-Detailarbeit, die „ebenso aufwändig ist, wie sie den Aufwand wert ist“, sagt Bernhard Paulik, Architekt.

So wird jeder einzelne Balken der Dachkonstruktion an der Technischen Universität Darmstadt untersucht, von Experten aufgearbeitet und erhalten – nur die besonders maroden Elemente werden ausgetauscht, optisch aber originalgetreu wieder eingesetzt.

Um 17 dieser dicken Balken geht es, und Abbau, Untersuchung und Aufbau dauern je rund eine Woche. Dafür muss ein eigens gebautes Holz-Gerüst, das wie ein trojanisches Pferd aussieht, im Lokschuppen-Inneren meterweise verrückt werden. Auch alle Hutzen, alte Dach-Aufbauten werden von einem Schlosser restauriert.

Marode Wand: „Auch sie ist 
Zeitzeuge der Eisenbahner“

Schneider und Paulik wollen­ das Vorgehen bei Materialuntersuchung und Sanierungsvorgehen als Beispiel dafür verstanden wissen, wie akribisch sie all das schützen, was nicht schon längst verloren ist. „Alles für den Erhalt des alten Charakters“ – das ist Schneiders und Pauliks Parole.

Und das, obwohl die Substanz in einem noch schlechteren Zustand sei als das die Befürchtungen und Voruntersuchungen schon ­andeuteten. So wird eine der Außenwände, so hemdsärmelig gemauert und gemörtelt, dass man auf die andere Seite hindurch schauen kann, eigentlich nur durch Boden- und Steinaufschüttungen gehalten.

„Die Wand schwebt mehr als dass sie steht. Die ist damals quasi von heute auf morgen hingestellt worden, als Zweckbau“, sagt Paulik. Die mit Farben bemalte, wie so viele Stellen von Graffiti übersähte Wand hätte alleine aus Sicherheitsgründen abgerissen werden können.

Schneider, auch bei den kaputtesten Bestandteilen voll auf Sanierung getrimmt, entschied anders: Außen sollen Stahlträger montiert, die meterlange Wand so stabilisiert werden. „Sie ist in einem spektakulär schlechten Zustand, völlig hin. Aber auch diese Wand ist ein Zeitzeuge des Eisenbahner-Zeitalters.“

Doch ob die Wände, auch die tragenden Säulen in der Gebäudemitte, tatsächlich so graffitilastig bleiben, wie es Sprayer in jahrelanger Heimsuchung bewerkstelligt haben und es von Schneider anfangs angedacht war, ist zumindest im Festsaal-Drittel des Neu-Lokschuppens unwahrscheinlich.

Dass aber ­einige, die schönsten und stilistisch ins Gesamtbauwerk passendsten erhalten werden, kann aber gut sein. „Der Start-up-Bereich bietet sich dafür eher an als die Räume, wo Hochzeiten gefeiert werden“, sagt Schneider. Zumindest Teile, Elemente könnten erhalten bleiben – sofern die Lacke nicht gesundheitsschädigend sind.

Auch im geplanten Gastro-Bereich sei ­eine Integration etwa eines ­abfotografierten „Graffiti-Best-Ofs“ denkbar. Einem Nutzen soll auch die Drehscheibe zugeführt werden: Dort, in vier Metern Sicherheitsabstand zu Gleis-Oberleitungen, sollen etwa Konzerte­ stattfinden. So sich die Deutsche Bahn, weiterhin Eigner eines Mini-Teils der Drehscheibe, nicht querstellt.

Ursprünglich, beim Bieterwettbewerb war mit einem Baubeginn im Frühjahr 2018 und mit einer Fertigstellung des Umbaus im Herbst dieses Jahres gerechnet worden – der Zeitplan ist alleine wegen der bis zuletzt fehlenden Baugenehmigung nicht zu halten.

Dass der Bauantrag von der Stadt, die das verfallene Gebäude zeitweise gar nicht schnell genug verkaufen konnte, auch Monate nach dem Kaufvertragsabschluss nicht vorliegt, soll den Zeitplan bis zur Fertigstellung – geplant ist Ende 2020, Anfang 2021 – nicht zu sehr beeinflussen.

„Bis jetzt ist es zäh, das Ziel sehr ambitioniert“, sagt Paulik. Doch sobald es das offizielle Okay der Stadt gebe, würde ein weiterer, größer Bautrupp anrücken und mit mehr als den bisher eher kosmetischen Bauarbeiten beginnen – was auch die Lärm- und Verkehrssituation verschärft.

„Hoffe, Menschen füllen
 Lokschuppen mit Leben“

Denn für die Dauer der Bauarbeiten wird der Radweg, der eigentlich an Rotkehlchen und Co. vorbeiführt, gesperrt und Radfahrer über den Ortenberg bis zum Krummbogen geführt. Es wird, nicht zuletzt wegen der Fernwärme-Leitungen Tiefbauarbeiten – samt der Altlastenproblematik, die Entsorgung, deren Kosten sich Investor und öffentliche Hand teilen – geben.

Das am Eingang zwischen Lokschuppen-Areal und Kletterhalle geplante Parkdeck wird zudem nicht ein-, sondern zweistöckig. Es entsteht oberhalb der bestehenden Fläche und hat 
63 Stellflächen. Weitere Plätze­ sind auf und neben dem Gelände ausgewiesen – auch für Car-Sharing. Einen entsprechenden Nachweis erfordert die Stellplatzsatzung der Stadt.

Schneider, der während des Vergabeverfahrens vielkritisierte und bisweilen angefeindete Unternehmer, spricht bei der Besichtigung des Industriedenkmals oft von „Spirit“. Davon, dass man Gegensätze, also Lokomotiven-Geschichte und modernes Gastro-, Gründer- sowie Gesellschafts-Flair architektonisch und optisch zeigen wolle.

Wie auch Paulik trägt auch er kleinste Details, die für ihn aber das Eigentliche ausmachen, leidenschaftlich vor. „Ich hoffe einfach, dass all der bauliche als auch finanzielle Aufwand dazu führen, dass die Menschen das Projekt annehmen, den Lokschuppen wieder mit Leben ­füllen“, sagt Schneider.

von Björn Wisker