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Marburg So läuft die Nachverfolgung
Marburg So läuft die Nachverfolgung
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11:15 08.03.2021
Das Kreisgesundheitsamt in Marburg ist eine der Gesundheitsbehörden in Deutschland, die mit der Corona-Pandemie auf einen Schlag sehr viel mehr zu tun bekommen haben.
Das Kreisgesundheitsamt in Marburg ist eine der Gesundheitsbehörden in Deutschland, die mit der Corona-Pandemie auf einen Schlag sehr viel mehr zu tun bekommen haben. Quelle: Manfred HItzeroth
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Marburg

Corona hat auch die Arbeit auf den Gesundheitsämtern grundlegend verändert. Seit Herbst 2020 erforschen der Marburger Soziologie-Professor Sven Opitz sowie seine Mitarbeiter Dr. Kevin Hall und Klaus Scheuermann deswegen, wie auf den Gesundheitsämtern die Nachverfolgung von Corona-Kontaktpersonen bewältigt wird. Diese Arbeit ist aus Sicht von Opitz der Schlüssel zur Eindämmung der Pandemie. „Der Lockdown ist wesentlich dadurch motiviert, die Infektionszahlen und die dazugehörigen Kontakte so weit zu senken, dass die Gesundheitsämter die Nachverfolgung verlässlich durchführen können“, erläutert Opitz. Eine Kontaktnachverfolgung in diesem Umfang habe es allerdings in Deutschland so noch nie gegeben. „Uns interessierte, mit welchen Maßnahmen die Ämter auf diese neue Herausforderung reagiert haben – und wie sie sich in der Krise verändert haben“, ergänzt der Soziologe.

Wissenschaftliches Lob für die Behörden

„Unsere Erhebung zeigt, dass die Ämter bereits in der ersten Welle sehr schnell ihre gesamte Organisation umstrukturiert haben“, berichtet Opitz. Von den Wissenschaftlern kommt ein Lob für die Behörden. Was hier geleistet werde, stehe im Gegensatz zum Zerrbild des öffentlichen Dienstes als unflexibel und langsam, das manchmal in der Öffentlichkeit existiert. „Die aktuellen Organisationsformen erinnern eher an Start-ups“, meint Opitz. Es gebe beispielsweise projektorientierte Plattformstrukturen mit vergleichsweise informellen Kommunikationswegen und flachen Hierarchien zwischen den einzelnen Teams.

Große Offenheit des Stammpersonals

Zudem seien verfügbare Kräfte und Ressourcen aus anderen Abteilungen abgezogen worden, um sie in den Infektionsschutz und die Kontaktnachverfolgung zu verlagern. Und außerdem hätten die Gesundheitsämter ihren Personalbestand mit externen Zusatzkräften ausgebaut. „Es arbeiten auf einmal Leute im Gesundheitsamt, die keine Ärzte, Pflegekräfte oder Hygienekontrolleure sind. Das können auch Studierende oder Beschäftigte aus unterschiedlichen Berufen sein“, berichtet Kevin Hall. Er berichtet von einer großen Offenheit des bisherigen Stammpersonals in den Ämtern, sich auf die neuen Mitarbeiter einzulassen und sie einzuarbeiten.

Teilweise sei die Arbeitszeit sogar auf sieben Tage in der Woche rund um die Uhr ausgeweitet worden. Insgesamt laste eine große Verantwortungen auf den Mitarbeitern in den Ämtern, die aber unter der Bedingung reduzierter Kontakte in der Bevölkerung grundsätzlich gut bewältigt werde, auch wenn es im Einzelfall schon zu Krisen oder Burn-outs kommen könne. Die Veränderungen auf den Ämtern seien auch nötig gewesen, weil plötzlich Bereiche des öffentlichen Lebens bearbeitet wurden, die vormals allein in der Zuständigkeit der örtlichen Ordnungsbehörden lagen, macht Opitz deutlich. Das gelte zum Beispiel für die Prüfung von Hygienekonzepten bei Feiern und Sportveranstaltungen.

Langgezogene Notlage

Man habe sehr schnell realisiert, dass die Pandemie in zeitlicher Hinsicht nicht unserem gewöhnlichen Bild einer Katastrophe entspricht: Statt eines punktuellen Ereignisses sei die Notlage langgezogen. Angesichts dieser Situation seien die Kapazitäten aufgestockt worden, etwa durch die häufig fachfremden „Containment Scouts“.

Ein solcher Personalausbau sei auch erforderlich, weil die Gesundheitsämter wie das gesamte öffentliche Gesundheitswesen in den vergangenen zwei Jahrzehnten von massiven Einsparungen betroffen gewesen seien.

Auch die Bereitschaft in der Bevölkerung, bei der Kontaktpersonen-Nachverfolgung mitzumachen, sei überraschenderweise sehr hoch, berichtet Opitz.

Warn-App spielt nachrangige Rolle

„Fast alle Bürger sind bereit zu helfen, und die meisten reagieren sehr vernünftig, wenn sie angerufen werden – obwohl die Ämter ja für den Alltag des Einzelnen tiefgreifende Entscheidungen fällen“, erläutert er.

Ein weiteres Zwischenergebnis der Studie: Die vieldiskutierte Corona-Warn-App, die ihre Nutzer über potentielle Ansteckungsereignisse informieren und für eine schnellere Übermittlung von Testergebnissen sorgen soll, spielt für die Gesundheitsämter nur eine nachrangige Rolle.

Denn sie biete höchstens den Anlass für eine Kontaktaufnahme seitens der Nutzer, berichten die Marburger Soziologen. Für ihre eigentliche Aufgabe benötigten die Ämter jedoch den konkreten Kontakt zu einer nachweislich infizierten Person.

Von Manfred Hitzeroth

Pandemieforschung

Grundsätzlich habe die Pandemie auf einen Schlag nicht nur die Arbeit der Gesundheitsämter, sondern alle gesellschaftlichen Bereiche massiv verändert, konstatiert der Marburger Soziologie-Professor Sven Opitz.

Aus den aktuellen Krisenszenarien für die Bewältigung künftiger möglicher Pandemien zu lernen, das sei auch für die Gesundheitsbehörden jetzt schon eine zentrale Aufgabe. Die drei Sozialwissenschaftler sind bereits seit rund zehn Jahren Spezialisten in der Erforschung der Pandemieplanung  – ein Themenfeld, das mittlerweile seit einem Jahr vorher ungeahnte Aktualität erlangt hat.

Auf die Spur des aktuellen Forschungsprojektes kam Professor Opitz durch eine Anfrage des Robert-Koch-Institutes, ob er mit seinem Team die sogenannten „Containment Scouts“ soziologisch begleiten wolle. Dabei handelt es sich um zeitlich befristet in den Gesundheitsämtern eingestellte Zusatzkräfte, die im Auftrag des RKI die Ämter unterstützen.

Ihre Aufgabenfelder sind neben der telefonischen Nachverfolgung von Personen, die Kontakt zu Covid19-Erkrankten hatten, unter anderem auch die Betreuung von Beratungs-Hotlines sowie die Bearbeitung von Hygienekonzepten.

Das mit 250.000 Euro geförderte Forschungsvorhaben soll im Herbst dieses Jahres abgeschlossen werden. Insgesamt an 17 Gesundheitsämtern führten Hall und Scheuermann Interviews. Außerdem arbeiteten sie im Rahmen der „teilnehmenden Beobachtung“ auch selber in der Kontaktpersonen-Nachverfolgung mit, um sich auch praktisch ein Bild von der Arbeit zu verschaffen.

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