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Marburg So krank sind unsere Kliniken
Marburg So krank sind unsere Kliniken
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20:00 11.07.2019
Will das Gesundheitssystem von gestern zu einer Medizin von morgen verändern: Christoph Steltner aus Marburg. Quelle: Friederike Heitz
Marburg

Wer Insider-Informationen über das deutsche Gesundheitssystem möchte, muss nicht am Schwesternzimmer lauschen. Unter #Twankenhaus – Tw wie Twitter, ankenhaus wie Krankenhaus – gibt es die Informationen aus erster Hand. Hier schreiben sich vor allem Ärzte und Pfleger den Frust von der Seele über undankbare Patienten, profitgierige Chefs und Berge unbezahlter Überstunden. Und hier wird der Ruf laut nach mehr Zeit. Zeit für Patienten. Zeit für die eigene Familie.

Hier ein Beispiel:

Was als Hashtag begann, ist inzwischen ein ausgewachsener Twitter-Kanal namens @twankenhaus. Dahinter stecken etwa 50 Mitarbeiter des Gesundheitswesens – Ärzte wie Studenten, Pflegekräfte wie Physiotherapeuten. Einer davon ist Christoph Steltner aus Marburg. Der 33-Jährige arbeitet als Assistenzarzt der Chirurgie in einer Klinik in Nordhessen. Im Interview verrät er, was im Gesundheitssystem schiefläuft und wie er das ändern möchte.

OP: Herr Steltner, wenn das Gesundheitssystem Ihr Patient wäre, wie lautete die Diagnose?
Christoph Steltner: Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.

OP: Woran krankt es denn?
Steltner: Viele Menschen, die im Gesundheitswesen arbeiten – in Krankenhäusern, Arztpraxen und Rettungsdienst – sind sehr unzufrieden. Da sind viele Leute, die ihren Job lieben, die sich berufen fühlen, anderen zu helfen, die aber nicht länger bereit sind, ihr eigenes Leben dafür komplett hintenan zu stellen. Genau das wird aber erwartet bei 80-Stunden-Wochen, bei Monaten, an denen Wochenenddienst auf Wochenenddienst folgt, bei Tagen, an denen man das Frühstücksbrot, das man mit dabei hat, erst auf dem Nachhauseweg isst, weil man mal wieder durchgearbeitet hat und zwischendurch weder Zeit hatte, etwas zu trinken noch aufs Klo zu gehen. Hinzu kommt, dass man oft mit dem Gefühl nach Hause geht, es wegen des enormen Zeitdrucks nicht geschafft zu haben, seinen Patienten gerecht zu werden.

Dazu ein Tweet:

OP: Die Krankenhäuser sind voll mit gestressten Ärzten und ausgebrannten Pflegern?

Steltner: Vielerorts, ja. Und das Problem sind wie gesagt nicht nur die Überstunden, sondern auch, wie man die Stunden verbringt. Studien zeigen, dass ein in der Klinik tätiger Arzt nur ungefähr 15 Prozent seiner Arbeitszeit mit Patienten verbringt. Die meiste Zeit hockt er am Computer und dokumentiert Entscheidungen und Befunde, auch um für sich selbst Rechtssicherheit zu schaffen, für den Fall, dass mal ein Anwalt anklopft.

OP: Ein Kollege von Ihnen sagte mal, dass jede italienische Tomate besser geschützt ist als der deutsche Patient, weil der Lastwagenfahrer nach acht Stunden Feierabend machen muss, Ärzte aber 24-Stunden-Schichten schieben. Wie gut sind Sie am Ende einer 24-Stunden-Schicht?
Steltner: Es ist nicht so, dass man in jedem 24-Stunden-Dienst durcharbeitet. Aber wenn man das getan hat, ist man natürlich kaputt. Routinen klappen dann noch ganz gut, geistige Herausforderungen weniger.

OP: Stehen da Patientenleben auf dem Spiel?
Steltner: An das Twankenhaus werden regelmäßig Situationen herangetragen, in denen die Patientensicherheit klar gefährdet ist. Wenn eine Schwester die Station nicht kennt, den Notfallwagen holen muss, aber nicht weiß, wo er ist. Wenn ein unerfahrener Arzt allein für 40 Patienten zuständig ist – pro Patient bleiben da nicht viele Minuten, insbesondere, weil ja auch noch organisatorische Aufgaben warten. Akten kann ich im Zweifelsfall bis zum nächsten Tag liegen lassen, Patienten nicht. Der braucht sein Medikament noch heute. Deswegen machen viele Überstunden. Aber deswegen suchen inzwischen auch viele einen Weg raus aus dem Gesundheitswesen.

OP: Welche Jobalternativen hätten Sie denn als Chirurg?
Steltner: Nicht viele. Es gibt Kollegen, die verschiedene Kliniken durchprobieren, bis sie irgendwann eine gute Stelle finden. Manche gehen ins Ausland, zum Beispiel in die Schweiz oder nach Österreich, weil die Arbeitsbedingungen da in der Regel besser sind. Und es gibt viele – leider vor allem Frauen – die der Medizin irgendwann den Rücken kehren und sich um ihre Familie kümmern, weil eine Vereinbarkeit von Beruf und Familie oft nicht gegeben ist.

OP: Was läuft im Ausland besser?
Steltner: Da gibt es mehr Personal und die Arbeit ist besser organisiert. Da muss der Arzt nicht bei drei verschiedenen Hausärzten abtelefonieren, welche Medikamente der Patient einnimmt. Da gibt es zum Beispiel Hilfspersonal, das einem solche Aufgaben abnimmt.

OP: Haben sich die Arbeitsbedingungen hier in den vergangenen Jahren verschlechtert?
Steltner: Wir erleben eine erhebliche Arbeitsverdichtung. Mit einer ähnlichen Personaldecke wird heute wesentlich mehr abgearbeitet als noch vor 10, 20 Jahren. In Deutschland behandeln immer weniger Kliniken immer mehr Patienten in immer kürzerer Zeit. Wenn ein Patient früher nach einer bestimmten Operation zwei bis drei Wochen auf Station lag, muss er jetzt nach sieben Tagen gehen. Wir haben es heute also mit deutlich mehr Aufnahmen und Entlassungen zu tun, was mehr Arbeit bedeutet.

OP: Im Twankenhaus wird immer mal wieder über blutige Entlassungen geschimpft. Was hat es damit auf sich?
Steltner: Blutige Entlassung meint, dass Patienten nach Hause geschickt werden, obwohl ­ihre Infektionen oder Wunden noch nicht genügend ausgeheilt sind. Es ist tatsächlich ein häufiges Problem im Klinikalltag, dass man einen Patienten schon recht früh nach der Operation damit konfrontieren muss, dass er demnächst entlassen werden muss.

OP: Was steckt dahinter?
Steltner: Das System der Fallpauschalen. Bleibt ein Patient länger als für seine Diagnose üblich, löst sich der Gewinn, den die Klinik mit ihm erzielen kann, irgendwann in Luft auf.

Dazu twittert das Twankenhaus:

OP: Inwieweit denken Ärzte neben dem Patientenwohl an Fallpauschalen und Gewinne?
Steltner: Ich glaube, inzwischen hat jeder den ökonomischen Druck zumindest im Hinterkopf. Wie stark, das kommt auf die Klinik an. Es gibt durchaus Chefs, die den Mitarbeitern sagen, dass sie mit Geld verdienen müssen, weil ihre Stellen davon abhängen. Die machen dann Ansagen wie: „Findet Patienten, die wir operieren können.“

OP: Was ist daran problematisch?

Steltner: Es gibt Fälle, da ist klar: Dieser Patient muss operiert werden. Es gibt aber auch Fälle, wo etwas operiert werden könnte, aber nicht unbedingt muss, wo viel davon abhängt, wie der Arzt mit dem Patienten spricht. Beim Twankenhaus hören wir häufig, dass Mitarbeiter die Entscheidung ihres Chefs mittragen müssen, einem Patienten zu einer OP zu raten, obwohl sie eigentlich anderer Meinung sind.

OP: Warum haben Ärzte nicht längst andere Arbeitsbedingungen erstritten?
Steltner: Es ist nicht so, dass alle Ärzte an einem Strang ziehen. Es wirkt zum Beispiel manchmal so, als sähen ältere Generationen von Klinikärzten vor allem das, was auf dem Lohnzettel steht. Dass sie unfassbar viel arbeiten müssen – früher sogar mit noch längeren Dienstzeiten, heute durch die Arbeitsverdichtung – das nehmen sie hin, und sehen das Geld ein bisschen als Ausgleich. Wir, die Generation Y, sagen, Geld ist zwar wichtig, aber die Bedingungen, unter denen man es erwirtschaftet, und das ganze Leben drumherum mit Familie und Kindern, die sind auch wichtig.

OP: Ist das Twankenhaus die Revolutions-Zentrale der jungen Gesundheitsdienstler?
Steltner: Beim Twankenhaus machen Menschen ganz unterschiedlichen Alters mit. Und wir sind weit von einer Revolution entfernt. Wir sind eher eine Ideenschmiede. Vieles, was andernorts ein Mantra geworden ist, kann bei uns noch hinterfragt und diskutiert werden. Und genau das machen wir: Wir diskutieren. Unser erstes Etappenziel war es, für Probleme ein Bewusstsein zu schaffen. Im nächsten Schritt wollen wir Lösungen anbieten. Zur Vereinbarkeit von Beruf und Familie haben wir bereits ein Positionspapier geschrieben. Weitere sind in Arbeit.

von Friederike Heitz