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Marburg Die Verwandlung des Lokschuppens
Marburg Die Verwandlung des Lokschuppens
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19:59 12.05.2022
Der Lokschuppen Marburg ist fertig (10.05.2022) und als Baustelle (02.10.2019)
Der Lokschuppen Marburg ist fertig (10.05.2022) und als Baustelle (02.10.2019) Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Wuchernde Bäume und Sträucher, zerborstene Scheiben, Schmierereien an den Backsteinwänden, der Gestank von Urin und mutmaßlich verschiedener Drogen – so fanden im Jahr 2016 alle, die sich für den Lokschuppen am Ortenberg interessierten, das Gebäude, das Gebiet neben der Waggonhalle vor. Dass sich nach Jahren, Jahrzehnten des Verfalls überhaupt jemand für die einst leidlich von der städtischen Gewobau übernommene, verwaltete Halb-Ruine interessierte, war pure Wohnungsnot.

Die OP zeichnet in einem Zeitstrahl den turbulenten Prozess nach, der am Freitagnachmittag mit der Eröffnung des Neu-Lokschuppens – einem Mix aus Veranstaltungs-Saal, Gründerzentrum und Gastronomie – seinen vorläufigen Abschluss findet.

September 2015: Die Ortenberggemeinde drängt darauf, einen neuen Treffpunkt zu finden. Eine Idee: im oder am Lokschuppen. Welche Nutzung auch immer, Stadt und Gewobau wollen keinen teuren Umbau finanzieren.

März 2016: Um das Industrie-Denkmal zu retten, gründet sich der „Förderverein Lokschuppen“.

Juli 2016: Die Ehrenamtlichen hinterlegen bei der Stadt ihr Interesse an dem 140 Jahre alten Bauwerk, arbeiten ein erstes grobes Nutzungskonzept und Zahlenwerke aus.

August 2016: Gerüchte kommen auf, dass es neben dem Verein auch ein Kaufinteresse der Firma S+S gibt.

Gewobau warnt vor Einsturzgefahr

September 2016: Die Gewobau warnt vor dem Winter davor, dass der Lokschuppen bei starkem Schneefall einstürzen, Frost das Gemäuer irreparabel beschädigen könnte. Bis 2012 war dieser noch Eigentum der Deutschen Bahn. Seitdem investierte die öffentliche Hand neben dem Kaufpreis von 700 000 Euro mehr als 200 000 Euro in die Instandhaltung des als „akut einsturzgefährdet“ geltenden Gebäudes.

Oktober 2016: Der Lokschuppen wird formal zum Verkauf ausgeschrieben. In den folgenden Monaten sollen sich private Investoren beim Magistrat melden, um konkrete Nutzungs- und Sanierungskonzepte vorzulegen.

November 2016: Ein Kauf- und Entwicklungsinteresse von S+S und des noch jungen „Fördervereins Lokschuppen“ wird öffentlich. Damit einher geht ein grundsätzlicher Konflikt: Wie, für was soll das Industrie-Denkmal genutzt werden – in Zeiten knapper Wohnungen für Apartments oder im Sinne der geschichtlichen etwa als Technik-Museum samt Veranstaltungsbereich?

Dezember 2017: Die Ausschreibungsfrist beginnt, das Nutzungskonzept soll erst­-, der Kaufpreis zweitrangig sein.

Erst Konkurrenten, plötzlich Partner

März 2017: Nach Ablauf der Frist, haben vier Investoren inhaltliche und preisliche Angebote eingereicht – S+S ist nicht dabei, stattdessen ein südhessisches Bauunternehmen.

April 2017: Neben der Firma aus Karben sind Angebote des Lokschuppen-Fördervereins sowie der heimischen Unternehmens „Christmann + Pfeifer“ (C+P) und dem Chef der Fronhäuser Firma „Schneider Optik“, Gunter Schneider eingegangen. Letzterer in einer Bietergemeinschaft mit dem „Christus Treff“ (CT), der am Ortenberg expandieren will.

April 2017: Ein Auswahlgremium, bestehend aus Fachleuten, Politikern und Nachbarschafts-Vertretern, begutachtet und bewertet die Angebote anhand einer Punkteskala. Erste Entscheidung: Das Karbener Wohnungsbauprojekt fliegt raus.

Mai 2017: Das Gremium streicht die Technikmuseum-Idee, es bleiben das von C+P angedachte Start-up-Zentrum samt Hotel und der Entwurf der Bietergemeinschaft, der neben Veranstaltungen auch Wohnungsbau vorsieht, im Rennen.

Mai 2017: Schneider bekommt den Zuschlag des Auswahlgremiums – was in der Politik nicht zuletzt wegen des vom Investor geplanten Wohnungsbau-Anteil, den viele ablehnten, für teils harsche Kritik sorgt. Im Sommer wird der Investor von Apartmentplänen abrücken.

Juni 2017: Entgegen der Wahl des Auswahlgremiums ist C+P der Favorit von SPD, Grünen und Linken – im Hintergrund tüfteln die Geschäftsführungen von C+P und der von CDU und FDP favorisierte Schneider an einer Kooperation, die später im Monat praktisch fix sein wird.

Demos gegen Christen-Beteiligung

Juni 2017: Es formiert sich Protest, neben einer Denkmalschutz-Debatte gibt es vor allem Widerstand gegen den evangelikalen Christus Treff, der seit langem wegen umstrittener Glaubenssätze und Praktiken in der Kritik steht.

Juli 2017: Der Asta der Uni Marburg kritisiert die Privatisierung, am Ortenberg werden Rufe nach sofortigem Vergabe-Stopp laut, es gibt Demonstrationen von bis zu rund 200 Menschen gegen den CT und Schneider, es werden unter anderem Homophobie-Vorwürfe laut.

August 2017: Der CT zieht sich aus der Bietergemeinschaft zurück, verzichtet auf eine Kostenbeteiligung am Kauf. Im linkspolitischen Lager warnt man vor einem Manöver Schneiders, dass dieser den CT als Dauermieter integriere. Etwas, das sich später als falsche Unterstellung erweisen wird.

September 2017: Der Lokschuppen wird an die Neu-Bietergemeinschaft Schneider und C+P verkauft – ein Projekt, aus dem sich C+P bald zurückziehen wird.

April 2018: Eine Anti-Sexismus-Demo mit 150 Teilnehmern kritisiert die Nähe Schneiders zum evangelikalen CT.

August 2018: Gunter Schneider – in der Vergangenheit von Gegnern immer wieder persönlich angegriffen – stellt seine millionenschweren Pläne öffentlich vor. Diese sehen einen Erhalt von möglichst viel alter Lokschuppen-Bausubstanz, einen aufgehübschten Außenbereich rund um die Drehscheibe, ein Hotel und ein Parkdeck vor.

ab September 2018: Schneider kündigt maximale Transparenz beim Baufortschritt an, gewährt der Öffentlichkeit regelmäßig Einlass und Einblick in das Projekt – auch in teils große Planänderungen. Zentrale Person ist Architekt Bernward Paulik.

Januar 2021: Aktivisten wollen mit Baumbesetzungen am Lokschuppen den Bau eines Parkdecks verhindern. Nach mehreren Tagen der Blockade lenken sie ein, da Schneider eine noch weitgehendere als ohnehin geplante Wiederaufforstung verspricht.

April 2022: Vorstellung des Gastronomie-Konzepts und Bekanntwerden der Lokschuppen-Eröffnung am heutigen 13. Mai.

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Von Björn Wisker

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