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Marburg So geht es Flüchtlingen in Corona-Zeiten
Marburg So geht es Flüchtlingen in Corona-Zeiten
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18:26 06.05.2020
Ein Mädchen mit einem Mundschutz steht zwischen weiteren Migranten aus dem Lager Moria. Foto: Angelos Tzortzinis/dpa Quelle: Angelos Tzortzinis/dpa
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Marburg

Aus sechs Wochen wurde mehr als ein halbes Jahr – und Helge-Ulrike Hyams lebt immer noch in Griechenland, mittlerweile im Lockdown. Bis zuletzt kümmerte sich die 78-Jährige mit der Schweizer Organisation „One happy family“ in einem Familien-Gemeinschaftszentrum auf der Insel Lesbos um Flüchtlinge.

Vor der Corona-Pandemie versorgte sie im berüchtigten „Camp Moria“ mit anderen freiwilligen Helfern bis zu 1.200 Menschen pro Tag etwa mit Nahrung und Unterricht. Am 7. März brannte das Hauptgebäude – wohl nach Brandstiftung – nieder, seitdem kann Hymas wie die meisten Nicht-Regierungsorganisationen kaum noch etwas für Flüchtlinge tun.

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Für „Ärzte ohne Grenzen“ allerdings organisierte sie Gesichtsmasken, die wiederum von Kostümbildnerinnen des Marburger Theaters genäht wurden. Im OP-Interview spricht die Promi-Pädagogin über die Situation auf Lesbos.

Interview

Corona ist oder scheint überall – wie erleben Sie die Situation auf Lesbos, welche Ängste haben die Menschen?

Tatsächlich ist Corona derzeit omnipräsent im Lager Moria, weil es das gesamte Leben bestimmt, von morgens früh bis abends spät. Alle sind in Sorge – und man muss kein Arzt sein, um ein vernichtendes Urteil über die gesundheitliche Situation im Lager zu fällen. Der Winter war schon hart. Alle husteten, alle prusteten Erkältungsbakterien durch die Gegend. Wir nannten das den „Moria-Husten“ – damals ahnten wir noch nichts von Corona.

Jetzt aber ist es ernst. Derzeit sind noch keine offiziellen Fälle gemeldet, wie etwa in zwei Lagern auf dem griechischen Festland. Aber es gibt schon hochkarätige Notfallpläne, also geht man auch davon aus, dass es jederzeit zum Ausbruch kommen kann. Man muss bedenken: In Moria hocken mehr als 20.000 Menschen aufeinander, völlig ungeschützt. Das Immunsystem der meisten ist geschwächt, die Ernährung ist schlecht. Die viel zu wenigen Toiletten, Dusch- und Wasseranlagen sind eher ekelerregend als hygienefördernd.

Die meisten Familien hocken nach den strikten Ausgehverboten den ganzen Tag über in ihren Zelten oder Containern, ohne Strom, und in den Nächten ist es immer noch kalt und windig. Auch jetzt grassiert noch Husten, Halskratzen und Fieber, aber das wird womöglich versteckt, denn die Angst, infiziert zu sein, ist immens. Dabei geht es nicht nur um das Virus selbst, sondern um die viel größere Angst, was mit dem Erkrankten geschehen könnte: Totale Isolierung? Wieder Trennung von der Familie? Womöglich wieder auf einem Schiff? Das ist die eigentliche Panik der Menschen.

Pädagogin Helge-Ulrike Hyams im OP-Interview. Archivfoto

Deutschland nahm jüngst 50 Kinder auf – wie schätzen Sie angesichts der Flüchtlingszahlen so eine Zahl ein und wie erleben Kinder und Familien die Situation im Lager?

Es ist Hyper-Stress! Schon die deutschen Familien fühlen sich anscheinend überlastet, wenn sie ihre Kinder für eine paar Tage einsperren müssen. Aber sperren Sie mal drei, vier, sieben Kinder in einem Zelt ein, oft gemeinsam mit der Oma, ohne Spielzeug, hungrig, mit Krätze, mit Durchfall und mit dieser diffusen, allgegenwärtigen Angst.

Ich habe den ganzen Winter über Kinder beobachtet: Manche reagieren auf Stress-Situationen mit einer Art Totstell-Reflex, sie rühren sich nicht, sie sprechen nicht, viele verweigern auch das Essen. Vielleicht überleben sie derzeit ganz ähnlich in ihren Zelten. Wir wissen es nicht genau, was sich in den Zelten abspielt.

Corona bei Seite – wie ist die Flucht- und Flüchtlingssituation grundsätzlich?

Darüber haben wir während des Winter über und über diskutiert – und natürlich gab es unter den Kollegen, mit denen ich arbeitete, extrem unterschiedliche Positionen, die oft auch in politischen Aktionen mündeten. Mein Weg ist ein etwas anderer:

Mein Fokus im letzten Winter galt einerseits absolut der konkreten Arbeit, zu der ich mich verpflichtet hatte, und andererseits habe ich mich bemüht, die Situation der griechischen Bevölkerung zu begreifen. Es ist ja ein überaus komplexes Geschehen, was sich da abspielte zwischen den ankommenden Flüchtlingen, den helfenden Organisationen und den Einwohnern von Mythiline und der gesamten Insel Lesbos.

Tatsächlich hat jeder eine völlig eigene Perspektive, was gerade im letzten Winter zu extremen, unerwartet brutalen Auseinandersetzungen geführt hat. Die Situation in und um Moria ist hoch komplex und leider – zusätzlich durch die Corona-Ängste – sehr verhärtet.

Die Rolle der EU, wie sehen Sie sie und was müsste getan werden?

Jeder weiß, wie in der EU um eine gerechte Verteilung gerungen wird. Ist man hier auf Lesbos, kreisen die Gedanken permanent um Möglichkeiten. Wenn ich etwa an die vielen unbegleiteten Kinder und Jugendlichen denke, dann fällt mir sofort eine geschichtliche Parallele ein: Damals 1939, vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges, gelang es den Engländern innerhalb kürzester Zeit, 10.000 jüdische Kinder im Zuge der Kindertransporte zu sich ins Land zu holen und ihnen damit das Leben zu retten. Alles lässt sich machen, wenn man nur will.

Was hat Sie persönlich zur Flüchtlingshilfe bewogen?

Ein Gemisch aus Forschungsinteresse und persönlichem Engagement: Das Thema Migration, Emigration hat mich seit meiner Studentenzeit in Marburg begleitet – wir haben damals schon darüber gearbeitet und eine ganze Reihe von Schriften herausgegeben. Ich war also innerlich gut vorbereitet. Unmittelbarer Auslöser aber war meine Begegnung mit dem Athener Fotografen Yannis Behrakis, der die ersten Bilder der Flüchtlinge auf den griechischen Inseln gemacht hat. Ich hatte nie geahnt, wie viel Bilder in einem bewirken können. Jetzt weiß ich es definitiv.

Zur Person

Helge-Ulrike Hyams promovierte 1971 an der Philipps-Universität in Erziehungswissenschaften, wurde später Professorin an der Universität Bremen. Zwischen 1979 bis 2009 baute sie mit ihrem Mann Charles Barry Hyams ein „Kindheitsmuseum“ am Barfüßertor auf, betrieb es privat bis zu dessen Schließung.

Für dieses Engagement erhielt die Pädagogin im Jahr 2006 den Otto-Ubbelohde-Preis des Landkreises Marburg-Biedenkopf. Der Großteil ihrer Sammlung jüdischer Kinderbücher ging als „Hyams Collection“ in eine öffentliche Bibliothek in London.

Von Björn Wisker

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