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Marburg „Der Gute, die Opfer und ganz viele Böse“
Marburg „Der Gute, die Opfer und ganz viele Böse“
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11:13 02.10.2020
Ein Demonstrant steht auf dem Berliner Alexanderplatz mit einer Schutzkonstruktion und einem Q. Das Q steht für QAnon und ist ein Zeichen einer Verschwörungstheorie. Quelle: Christophe Gateau/dpa
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Marburg

Haben Reptilienwesen die Menschheit unterwandert? Stammt das Coronavirus aus dem Labor? Gibt es eine Weltverschwörung „von oben“? Verschwörungsmythen und sogenannte alternative Fakten haben gerade in Krisenzeiten Hochkonjunktur. Ausnahmesituationen können ein Gefühl von Kontrollverlust und Verunsicherung hervorrufen – Verschwörungstheorien versprechen da eine einfache Wahrheit. Damit befasste sich das Web-Seminar „Verschwörungsmythen – von Corona, Reptiloiden und der BRD GmbH“ am Montagabend. Angeboten vom Kreiselternbeirat, der regionalen elan-Steuergruppe Marburg, dem Stadtelternbeirat Marburg, der Kreis-Volkshochschule und dem Netzwerk gegen Gewalt Mittelhessen.

Bis zu 70 Teilnehmer wählten sich gleichzeitig ein und verfolgten den Bericht der beiden Theaterpädagogen Chris Herzog und Katrin Hylla, die sich im Rahmen des deutsch-polnischen Kooperationsprojekts „Black Box“ mit dem Thema befasst hatten. Sie gaben ihren persönlichen Eindruck ihrer Recherchen wieder. Absurd klingende neue, oder alte, Weltbilder nähmen gerade in Krisenzeiten zu, die Tendenz zu einfachen Erklärungsversuchen – wo es vielleicht keine gibt – steige auch während der Corona-Pandemie. Es entstehen realitätsferne Denkmuster, „die eine Wahrheit“, die sich vor allem online weiterverbreiten.

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Internetnutzer werden so mit einer Flut an kruden Erklärungen rund um eine grausame Weltverschwörung konfrontiert, „nichts davon wird aber belegt“, sagte Herzog. Allen voran die „Theorie“, dass Corona – von elitären Machthabern geschaffen – die Weltbevölkerung drastisch reduzieren soll. Davon überzeugte Anhänger folgten unkritisch ihren Leitfiguren, für sie „jesusgleiche Heilsbringer“ – auch das sei ein typisches Merkmal. „Er ist der Gute, dann gibt es ein paar Opfer und ganz viele Böse – so gehen Verschwörungsmythen“, erklärte Hylla.

Lustig, aber nicht harmlos

Als vermeintliche „Beweise“ dienen skurrile Erklärungen, unterlegt mit Bildern, etwa zur Reptiloiden-Verschwörung – machtbesessene Reptilienmenschen, die die Menschheit unterwandert haben. Im Netz kursieren dazu Fotos, etwa von Angela Merkel mit Echsen-Pupillen oder Reptilienschwanz. „Mit Fotoshop kann man ganz schnell mal Beweise finden.“ Auch die mutmaßliche „Rettung“ vor vermeintlich schädlichen Einflüssen finden sich in diversen Formen, teils esoterisch verpackt: Darunter die Annahme, dass Barcodes auf Lebensmitteln schädlich für den eigenen Energiefluss seien, das verseuchte Gemüse vor dem Verzehr erst energetisch aufgewertet werden müsse. Die Abzockmasche: Das klappt durch ein parallel angebotenes Tablett – für rund 800 Euro, so Hylla.

Das Seminar kam nicht ohne eine gehörige Portion Ironie aus – mehrere Teilnehmer stellten dazu kritische Nachfragen, warnten davor, Verschwörungstheorien undifferenziert darzustellen, mit anderen Meinungen oder Regierungskritik „in einen Topf“ zu werfen. Die skurrilen Geschichten seien zwar „nur Spinnereien, aber die haben durchaus Bedeutung, das zeigt alleine schon dieses Seminar“. Das sehen auch die Referenten so: „Manches klingt so lächerlich, dass es schon wieder lustig ist – aber es ist alles andere als harmlos“, so Hylla. Was vielleicht als skurriles Märchen begann, könne in gefährliche politische Ideologien umschlagen, die Handlungen hervorrufen und Konsequenzen haben können, bis hin zur Gewalt.

Es gehe generell nicht darum, Kritik abzuwerten oder mundtot zu machen, sondern auf Hintergründe und Gefahren von Verschwörungsmythen aufmerksam zu machen. Realitätsferne Weltbilder für sich anzunehmen, könne auch als Hilferuf betrachtet werden, zeige zumindest, dass Menschen „nicht mehr zurechtkommen, die traditionellen Denkmuster nicht mehr ausreichen – aus dieser Überforderung wird der Wunsch nach Vereinfachung geboren“.

Mit Fakten die Lücken füllen

Wie können sich nun Eltern oder Lehrer dem Thema widmen, gerade was Kinder und Jugendliche angeht? Gerade die seien „von der Schule aus nicht gewappnet, immer damit umzugehen“, meinte Hylla. Im weiten, offenen Netz sei „alles gleichwertig“, Informationen und Quellen für Jugendliche im Internet nicht leicht einzuordnen. Das mache anfällig für ein klassisches Stilmittel von Verschwörungstheorien: Dinge aus dem Zusammenhang reißen, Raum für Interpretationen und falsche „Wahrheiten“ schaffen. Ihr Tipp: Mit den Kindern gemeinsam nachforschen, sich mit dem Thema auseinandersetzen, die Lücken mit Fakten füllen.

Ein Allheilmittel gebe es nicht. Viele Fragen mussten während des knapp zweistündigen Seminars offen bleiben. Das Thema sprengte einfach den zeitlichen Rahmen, tiefer in die Materie eindringen konnten weder Referenten noch Zuhörer, gedacht war die Veranstaltung eher als Einstieg.

Von Ina Tannert

05.10.2020
02.10.2020