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Marburg „Man muss seinen Beruf neu erfinden“
Marburg „Man muss seinen Beruf neu erfinden“
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10:58 06.04.2020
Jean Kleeb arbeitet an seiner Komposition „Toque de Bossa“ . Quelle: Privatfoto
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Der Brasilianer Jean Kleeb lebt und arbeitet seit Jahrzehnten in Marburg – als Chorleiter, Komponist und Arrangeur sowie als Bühnen- und Studiomusiker. Kleeb erzählt: „Klar, wie alle meine Kolleginnen und Kollegen habe auch ich viele Absagen bekommen, bis in den Juni hinein.“ Ein großer Teil seines Einkommens hänge an der Livemusik und an der Livearbeit mit Chören. Was bleibt in diesen Tagen? „Ich arrangiere und komponiere für Musikverlage, außerdem verbringe ich viel Zeit damit, Anträge auf finanzielle Hilfen zu stellen“, sagt Kleeb, der eines schnell erkannt hat: „Man muss in diesen Tagen seinen Beruf komplett neu erfinden.“ Doch der Wahl-Marburger sieht „in der Krise die Chance, neu zu überdenken, wie der Kulturbetrieb besser laufen könnte.“ Viel Platz für wirkliche Kreativität bleibe ihm zurzeit nicht: „Klar, ich komponiere, das ist Handwerk – aber was fehlt, ist die emotionale Seite.“

Kleeb hat auch versucht, seine Chöre mit Videokonferenzen zusammenzuschalten: „Aber jeder hat unterschiedlich schnelle Internetverbindungen, dadurch singt der Chor nie wirklich zusammen.“

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Marburgs Comedy-Aushängeschild Martin „Maddin“ Schneider (Privatfoto) macht, wofür er bekannt ist – er nimmt die Krise möglichst locker. Zwar wurden „sämtliche Shows und TV-Aufzeichnungen abgesagt beziehungsweise in den Herbst verlegt“, wie er im Gespräch mit der OP erzählt. Um sich trotzdem etwas kreativ zu betätigen, bastele er an seinem neuen Youtube Kanal: „Maddins Babbel Blog“.

Außerdem dreht Schneider Videos für Social Media Kanäle und appelliert auf Facebook fleißig an seine Follower, die heimische Gastronomie (“schon mal im Voraus fünfmal die Nummer 18 beim Inder bestellen und bezahlen“) sowie Handel und Handwerk zu unterstützen (“schon mal für zehn schicke Haarschnitte zahlen“). Und vor allem sagt „Mr. Aschebäschä“: „Ich bin viel draußen in der Natur und erfreue mich am Frühling! Kurz: Mir geht es subbär!“

Die Schauspielerin Franziska Knetsch und ihr Mann Michal Bandac versuchen, nicht in existenzielle Panik zu verfallen, gesund zu bleiben und die aufgestellten Regeln einzuhalten, um niemanden zu gefährden: „Spaziergang mit Hund, wenn’s sein muss einkaufen und dann nach Hause.“

Dass weder Knetsch noch Bandac derzeit auftreten, Unterricht geben oder mit ihren Ensembles proben können, wirft für das deutsch-amerikanische Künstler-Ehepaar immer wieder zwei Fragen auf: „Wie lange müssen wir durchhalten? Wann dürfen wir wieder arbeiten?

„Also bleibt man ruhig und fühlt sich, als wäre die Zeit im Haus stehengeblieben, während sich draußen die Entwicklungen überschlagen“, sagen die beiden, für die die Situation ebenfalls „finanziell verheerend“ ist: „Unser Einkommen ist von heute auf morgen zu 100 Prozent ausgefallen.“ Knetsch und Bandac arbeiten – auch jetzt – viel an eigenen Projekten wie etwa dem „Victory-Over-War-Konzert“, das in diesem Jahr zum dritten Mal zugunsten der Tafel Marburg, Amnesty International und anderen Organisationen in Marburg stattfinden soll. Der Termin ist erst am 29. August, doch die Festivalmacher müssten jetzt alle Voraussetzungen treffen: Fördergelder müssen akquiriert werden, die Werbung ist bereits aus eigenen Mitteln vorfinanziert, die Planung auf dem Festivalgelände müsste vorangetrieben werden: „Doch das liegt erstmal alles auf Eis.“

Aber Knetsch und Bandac sagen auch: „Wir sind dankbar dafür, wie stark die Solidarität der meisten Menschen miteinander wächst und wie viel wunderbare Hilfe- und Informationsgruppen in den sozialen Medien und überall aus dem Boden schießen.“

Die Kinderliedermacherin und Workshop-Anbieterin Beate Lambert spricht ebenfalls von finanziellen Einbußen: „Lange geplante Seminare in meinem Tagungshaus am Edersee können jetzt nicht stattfinden.“ Aber wie viele andere Künstlerinnen und Künstler sagt sie: „Da ist endlich auch wieder mehr Zeit für Kreativität.“

Musikerinnen und Musiker in Deutschland singen und spielen seit kurzem immer sonntags ab 18 Uhr die „Ode an die Freude“ zu ihren Fenstern heraus. Beate Lambert hat auf die Beethoven-Melodie einen Text geschrieben: „Das ,Wir-us’-Lied macht gerade deutschlandweit die Runde.“

Für den Jazzgitarristen Michael Sagmeister und seine Frau, die Sängerin Antonella D’Orio, bedeutet die Corona-Krise ebenfalls einen großen Einschnitt in das tägliche Leben. „Zunächst einmal wünschen wir all unseren Mitbürgern, dass sie von größeren Problemen – so weit wie es geht – verschont bleiben“, sagt Sagmeister: „Hier zählt in vorderster Front die Gesundheit.“ Sämtliche Konzertaktivitäten in der ersten Hälfte des Jahres seien auch bei den beiden entfallen. „Die momentane Zeit nutzen wir für neue Produktionen und freuen uns auch oft über die Entschleunigung unseres Lebens, sowohl privat wie beruflich“, sagen beide.

„Irgendwann sehen wir uns hoffentlich wieder – beim Konzert, im Café oder einfach nur auf der Straße und dann können wir uns endlich wieder mit einer Umarmung herzlichst begrüßen“, hoffen Sagmeister und D’Orio.

Der Text des „Wir-us“-Liedes findet sich auf der Webseite www.beatelambert.de

Von Carsten Beckmann

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