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Marburg "Lasst die Menschen selbst entscheiden"
Marburg "Lasst die Menschen selbst entscheiden"
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09:23 14.01.2021
Gaby Ebeling, stellvertretende Pflegedienstleiterin im Seniorenzentrum Wallau, fand die Impfung halb so wild und weiß, wie wichtig diese war. FOTO: DRK KREISVERBAND BIEDENKOPF
Gaby Ebeling, stellvertretende Pflegedienstleiterin im Seniorenzentrum Wallau, fand die Impfung halb so wild und weiß, wie wichtig diese war. FOTO: DRK KREISVERBAND BIEDENKOPF Quelle: DRK
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Marburg

Frank Steibli, Pressesprecher des UKGM, teilt auf OP-Anfrage mit, dass das Impfangebot an die Mitarbeiter „auf erfreulich große Resonanz im Klinikum“ gestoßen sei. „Wir konnten in der ersten Runde etwa 1 300 Mitarbeiter impfen“, so Steibli – darunter viele Mitarbeiter, „die in den Bereichen der höchsten Priorität eingesetzt sind“.

Warteliste am UKGM, weil der Impfstoff fehlt

Auch gebe es eine Warteliste – allerdings fehle für die Kollegen auf der Liste derzeit der Impfstoff. Daher stehe man in enger Abstimmung mit dem Impfzentrum des Landkreises.

„Nach unserer Beobachtung hat ein hoher Prozentsatz derer, die bislang das Impfangebot bekamen, dieses auch angenommen. Wir werben im persönlichen Gespräch und schriftlich bei unseren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern für die Impfung gegen Sars-CoV2, weil sie ein guter Schutz gegen diese gefährliche Krankheit Covid-19 ist.“ Alle Beschäftigten hätten sich aus nächster Nähe in den vergangenen zehn Monaten einen Eindruck verschaffen können, was es heiße, sich mit dem Virus zu infizieren.

Am Diakoniekrankenhaus in Wehrda konnten bisher keine Mitarbeiter geimpft werden, „weil noch kein Impfstoff zur Verfügung steht“, so Krankenhausdirektor Volker Röhrig. „Derzeit erwarten wir den Beginn der Impfungen nächste Woche. Wir freuen uns sehr über eine vergleichsweise hohe individuelle Impfbereitschaft unserer Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, sodass wir nun kurzfristig die Immunisierung beginnen und schnell durchführen können“, so der Direktor. Das sei wichtig, „da das DGD-Diakonie-Krankenhaus Wehrda umfangreich in die Versorgung der an Covid-19 erkrankten Menschen eingebunden ist“.

Der Krankenhausleitung sei eine möglichst hohe Impfquote bei den Mitarbeitenden wichtig. „Wir halten es für verfrüht, von mangelnder Impfbereitschaft zu sprechen oder gar eine Impfpflicht zu fordern. Denn aktuell verhindert allein schon der Mangel an Impfstoff, der Kliniken zugeteilt wird, dass überhaupt alle impfbereiten Mitarbeitenden geimpft werden können“, verdeutlicht Röhrig. Stattdessen wolle man mit Argumenten und Informationen die Impfbereitschaft erhöhen und zum Beispiel über Nebenwirkungen aufklären. „Daher bieten wir unseren Mitarbeitenden Informationen rund um die Impfung an – sei es über unseren Betriebsärztlichen Dienst oder den hygienebeauftragten Arzt“, so der Krankenhausdirektor.

Erst die Bewohner, dann die Pflegekräfte

Nachdem in den beiden Seniorenzentren des DRK-Biedenkopf rund 95 Prozent der Bewohner geimpft sind – die fünf Prozent bilden zum Impftermin abwesende Senioren –, erfolgte in den Zentren Lahnaue und Wallau auch das Impfen der Pflegekräfte. Auf 75 Prozent beziffert A. Cornelia Bönnighausen, Vorstandsvorsitzende des DRK Kreisverbandes Biedenkopf, die Beteiligung des Personals in den Seniorenzentren. Ebenso hoch sei die Impfbereitschaft unter den Angestellten des Krankenhauses, schließt Bönnighausen aus den Anmeldungen.

Im DRK-Krankenhaus konnte jedoch wie in vielen anderen Kliniken noch nicht geimpft werden, weil „wir auf die Impfdosen warten“, erklärt die Vorstandsvorsitzende. Deshalb hält sie auch die Forderung nach einer Impfpflicht zum jetzigen Zeitpunkt für „völlig verfrüht“. Bönnighausen meint: „Die Regierung sollte erstmal genügend Impfstoff herbeischaffen.“ Der Impfstoff ist auch das Thema im AWO-Altenzentrum Lohra. Dort ließen sich laut der Leiterin Gabriele Bau bereits 50 Prozent des Pflegepersonals impfen.

Skepsis hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen

Bei der anderen Hälfte des Personals sei die Bereitschaft zwar generell vorhanden, jedoch überwiege derzeit die Skepsis hinsichtlich möglicher Nebenwirkungen. „Damit haben wir in unserem Beruf selbst bei Medikamenten, die seit Jahren bekannt, sind ständig zu tun“, sagt Bau; und diese Medikamente seien bis zur Zulassung jahrelang geprüft worden. Der Covid-Impfstoff habe die Prüfung dagegen in sehr verkürzter Zeit durchlaufen und mögliche Nebenwirkungen seien noch unbekannt. Deshalb würden sich viele Pflegekräfte selbst bei einer Impfpflicht weigern, vermutet Bau und hält somit von Söders Forderung „rein gar nichts“.

Auch Kevin Becker, Einrichtungsleiter des AWO-Pflegezentrums Gladenbach, befürwortet eine Impfpflicht nicht, denn bisher sei immer die Freiwilligkeit betont worden. Druck führe seiner Ansicht nach zu anderen Problemen, zumal auch viele Mitarbeiter die Sorge hätten, als Versuchsprobanden für den Impfstoff zu dienen. Dennoch hätte sich ein „relativ hoher Anteil“ der Beschäftigten impfen lassen.

Björn Borgmann, Pflegedienstleiter im „Haus Elisabeth“ in Kirchhain, kann einer Impfpflicht nichts abgewinnen: „Lasst die Menschen selbst entscheiden und nicht mit einer Diskussion über eine Impfpflicht für Pflegekräfte diese in eine Ecke stellen, in die sie einfach nicht gehören“, schreibt er auf Facebook. Ohne Pflege sehe die Gesellschaft ganz schön alt aus, meint er und fügt hinzu: „Nur mal by the way: In meiner Einrichtung gibt es mehr Impfwillige, als uns momentan Impfstoff zur Verfügung gestellt werden kann. Redet über‘s Impfen, informiert Euch und wägt für Euch ab. Wer am Ende zum Ergebnis kommt, es soll nicht sein – für den ist es so.“ Dafür solle sich in seinen Augen niemand rechtfertigen müssen. „Aber ich verhehle nicht: Ich hab’s getan und die erste Impfung im letzten Jahr sehr gut vertragen“, so Borgmann. Auf Nachfrage der OP konkretisiert er: „Wir könnten noch weitere Mitarbeiter und Bewohner impfen, wenn wir Impfstoff bekämen.“ Denn es hätten sich nach dem Auftakt vor knapp drei Wochen noch zahlreiche Impfwillige nachgemeldet. „Wir sollten also erst einmal mehr Impfstoff haben, bevor über eine Impfpflicht diskutiert wird“, sagt Borgmann.

„Wenn die Impfpflicht kommt, bin ich raus“

Eine Krankenschwester, die anonym bleiben möchte, sagt im Gespräch mit der OP: „Wenn die Impfpflicht für Pflegekräfte kommen sollte, dann bin ich raus aus der Pflege. Ich werde mich nicht impfen lassen – zumindest jetzt nicht.“ Doch warum? „Zum einen ist mir der Impfstoff viel zu schnell entwickelt worden. Wir haben beispielsweise Landwirtschaft – und dort gab es bei schnell entwickelten Impfstoffen immer massive Komplikationen im nächsten Jahr“, sagt die Krankenschwester. Außerdem sei sie „generell kritisch bei Impfungen, wenn nicht generell geklärt ist, ob eine Immunität vorliegt oder nicht“ – also was im Körper geschehe, wenn ein Mensch bereits eine Covid 19-Erkrankung überstanden habe. Und: Auch dem MRNA-Verfahren traue sie nicht. „Es ist ein Unterschied, ob ein so entwickelter Impfstoff in der Krebstherapie bei aus-therapierten Leuten als deren letzter Strohhalm verwendet wird oder generell in der breiten Bevölkerung“, so die Frau. „Es kann sein, dass ich das in fünf bis sechs Jahren anders sehe, wenn mehr von den Folgen bekannt ist.“ Aber derzeit komme eine Impfung nicht für sie infrage. Auch gegen Influenza lasse sie sich nicht impfen, „ich bin der Meinung, dass mein Körper damit klarkommt“. Als Impfgegnerin würde sie sich nicht bezeichnen. Doch müsse immer im Einzelfall entschieden werden, ob man sich selbst oder seine Kinder impfen lasse.

VON ANDREAS SCHMIDT UND GIANFRANCO FAIN

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