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Marburg So bereiten sich Marburger auf Quarantäne vor
Marburg So bereiten sich Marburger auf Quarantäne vor
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18:58 19.03.2020
Mobahel Baig.
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Marburg

Das öffentliche Leben in Marburg steht wegen des Coronavirus still, nach Schulen und Kindergärten zu Wochenbeginn sind seit gestern auch die meisten Geschäfte zu und viele der rund 78 000 Marburger haben sich mehr oder weniger auf Formen der Quarantäne – entweder nach Infektion verpflichtend oder um Ansteckung vorzubeugen freiwillig – vorbereitet. Die OP hat mit einigen gesprochen. Und das sagen sie:

„Ich habe vorgesorgt“, sagt Mobahel Baig, Student aus Offenbach. Er habe etwa Lebensmittel wie Mehl, Öl oder Reis gekauft, aber auch nicht in horrenden Mengen. „Ich habe keine Panik geschoben. Ich habe immer gute Vorräte.“ Der 24-Jährige hat einen zweijährigen Bruder, um den er sich aber besonders Sorgen macht. „Ich gehe mit ihm auch viel seltener raus.“ In der bevorstehenden Zeit zu Hause möchte sich Baig mental und körperlich betätigen: Er will Bücher lesen, Filme schauen, trainieren, und: „Dann hätte ich Zeit für meine Gitarre, ich möchte gerne wieder Musik machen."

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„Ich habe einen Tag vor der Schließung der Geschäfte damit angefangen, Lebensmittel zu bunkern“, sagt Motaz Jeyawi. Denn: „Ich sehe die ganzen Hamsterkäufe, vor allem, was Klopapier angeht. Dann mache ich das auch.“ Für die Zeit des Zu-Hause-Bleibens hat Jeyawi schon Ideen: „Ich werde arabische Bücher aus meiner Heimat Palästina lesen, auf Netflix surfen und zu Hause trainieren, um mein Immunsystem zu stärken.“ In Zeiten der Corona-Pandemie vertritt der 29-Jährige eine klare Haltung: „Wenn alle zu Hause bleiben müssen, dann müssen sich auch alle daran halten und keine illegalen Partys veranstalten. Zu Hause bleiben hilft uns allen.“ Denn man könne nicht wissen, ob man schon angesteckt sei, da sich die Symptome unterschiedlich stark ausprägen würden und aufgrund der Inkubationszeit. Aber: „Meine Freundin und ich bleiben in Kontakt. Wir würden uns nicht voneinander fern halten.“

„Wir haben ein Kind, das betreut werden muss. Ich habe schon zwei Studentinnengefragt, die sich auch bereiterklärt haben“, sagt Anna Spieß, Journalistin. Sie wisse aber nicht, wie lange die Aushilfen zur Betreuung überhaupt noch kommen dürften. Normalerweise wären die Kinder bei ihren Großeltern, doch das ginge nun nicht. Und auch Oma und Opa würden noch arbeiten, in der Krankenpflege und als Gärtner.

Das Problem der Familie Spieß – der Mann der 29-jährigen Spieß ist Feinoptiker – wird durch den Arbeitgeber ihres Partners verschärft. „Optische Geräte sind wirklich nicht das, was wir jetzt am dringendsten brauchen“, sagt sie und bezeichnet die Weiterarbeits-Anweisung als „nicht sehr verantwortungsvoll“. Und wie hat sie sich auf den Quarantäne- oder Ausgangssperren-Fall vorbereitet? „Ich habe etwa Lebensmittel in Gläsern oder so etwas wie Mehl gekauft. Aber nicht in großen Mengen, keine 'Hamsterkäufe'.“

Auch Sarah Erdel hat sich auf die Extremsituationen nicht sonderlich eingestellt. „Naja, ich habe ein bisschen mehr Katzenfutter gekauft“, sagt die 29-Jährige. Solange die Supermärkte noch auf haben, sehe sie „keinen Anlass, zu bunkern“. Für die Zeit zu Hause habe sie sich vorgenommen, mehr Filme zu schauen oder Videospiele zu spielen. Und selbstverständlich zu lernen, denn Erdel hat ihre Abschlussprüfung als Informationstechnische Assistentin vor sich: „Wir kriegen aktuell Arbeitsblätter von unserer Schule zugeschickt und die Prüfung findet nach bisherigem Stand noch statt.“ Diese sei drei Wochen nach Ostern. Und ihr 18-jähriger Bruder habe das Abitur vor sich – wenn die Prüfungen stattfinden, dann mit zwei Metern Abstand zum Nebenmann.

Für den 42-jährigen Sascha Christ wird sich in den nächsten Wochen hingegen zumindest beruflich wenig ändern, denn: „Ich bin Programmierer und arbeite ohnehin im HomeOffice.“ Vorbereitet habe er sich auf eine mögliche Ausgangssperre oder Quarantäne nicht wirklich: „Ich glaube nicht, dass die Versorgung an Lebensmitteln oder Klopapier zusammenbrechen wird. Daher habe ich nichts gebunkert.“

Nebenberuflich ist er Mitglied der Band „Oh, Alaska“. Daher werde er nun „viel Musik machen“. Und: „Ich bin eigentlich kein Seriengucker, aber ich werde es mal ausprobieren.“ Normalerweise besucht er seine Großmutter jeden Sonntag: „Das tue ich schon seit zwei Wochen nicht mehr und auch nicht in der kommenden Zeit.“

Von Beatrix Achinger

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