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Marburg Müll im Boden: So belastet sind die Lahnauen
Marburg Müll im Boden: So belastet sind die Lahnauen
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07:56 15.09.2020
In den Lahnauen kommt weniger Plastik vor als in Flüssen, Flussbetten und Ackerböden. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Plastikabfall gelangt in viel tiefere Schichten des mittelhessischen Bodens als bislang angenommen. Das haben Geographen der Philipps-Universität herausgefunden, indem sie die Lahnauen untersuchten.

Wenn Müll in Flüssen bis zu deren Mündung ins Meer treibt, passiert er Auenlandschaften und Überschwemmungsgebiete. „Es liegt nahe, dort eine systematische Anhäufung von Plastikpartikeln zu vermuten“, sagt der Geographie-Doktorand Collin Weber, einer der Verfasser der aktuellen Marburger Studie.

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Klar ist nun: Natürliche Ablagerungsprozesse allein können das Eindringen in tiefe Schichten des Bodens nicht erklären, schreiben die Forscher in der aktuellen Ausgabe der Fachzeitschrift „Environmental Pollution“.

Wie viel Kunststoff findet sich in den Böden von Flussauen? Wie ist er räumlich verteilt, was sind die Ursachen dafür? Diese Fragen untersuchten Weber und der Marburger Geographie-Professor Christian Opp, indem sie an verschiedenen Stellen entlang der Lahn Bohrungen anstellten, um Bodenproben zu entnehmen. Sie gewannen aus einer Tiefe bis zu zwei Metern insgesamt 120 Proben, die sie nach Kunststoff durchsuchten.

Viele Kunststoffarten im Boden nachgewiesen

Opp und Weber unterschieden die gefundenen Partikel nach ihrer Größe: Grobes Mikroplastik misst zwei bis fünf Millimeter, während die Größe von Mesoplastik zwischen einem halben und zweieinhalb Zentimetern liegt. Im Schnitt fanden sie zwei Kunststoffteilchen pro Kilogramm Erde, wobei das Maximum bis zu viermal höher liege.

Alles in allem kommt in den Lahnauen weniger Plastik vor als in Flüssen, Flussbetten und Ackerböden. Von der Quelle bis zur Mündung in den Rhein nehme der Plastikgehalt zu. Die häufigste Kunststoffsorte sei Polyethylen, wie es vor allem für Verpackungen verwendet wird, gefolgt von Polypropylen und Polyamid. „Diese drei gehören zu den gebräuchlichsten Kunststoffarten, die den größten Teil der Kunststoffproduktion ausmachen“, so die Autoren.

Man sehe den Partikeln an, wenn sie lange im Boden liegen – sie seien dann ausgeblichen und teilweise abgebaut; frisches Plastik finde sich eher in Äckern als auf Wiesen oder im Uferbereich. „Das legt nahe, dass es durch die Landwirtschaft zu einem ständigen Neueintrag von Kunststoff kommt“, sagt Weber.

„Tiefer, als bisher angenommen wurde“

Zwar enthalte die oberste Bodenschicht die meisten Plastikpartikel, jedoch komme auch bis zu einer Tiefe von mehr als 80 Zentimetern noch vereinzelt Kunststoff vor – insbesondere in Ufernähe. Aber auch unter Weideland erreiche Kunststoff Tiefen von gut über einem halben Meter. „Das ist tiefer, als bisher angenommen wurde“, sagt Weber. Das natürliche Ablagerungsgeschehen alleine reiche jedenfalls nicht aus, um das Vorkommen in derart tiefen Schichten zu erklären, betonen die Autoren.

Bereits im vergangenen Jahr untersuchten Marburger Forscher den Mikroplastik-Abbau im Meer. Sie züchteten dazu eine spezielle Alge, versahen sie mit einem Enzym und konnten damit Kunststoff auch im Salzwasser in seine Bestandteile zerfallen lassen.

Mikroplastik ist schwierig zu filtern

„Die PETase-produzierenden Kieselalgen könnten zu einem klimafreundlichen Recycling beitragen“, sagte Biologe Dr. Daniel Moog. Es könnten abgegrenzte, Klärwerk-ähnliche Anlagen, in denen die modifizierte Alge das Mikroplastik der Ozeane abbaut, errichtet werden.

Die Marburger Kommunalpolitik beschäftigte sich in den vergangenen Jahren mit Mikroplastik-Belastung. Vor allem in Bezug auf Abwässer gab es Überlegungen eines Ausbaus der Kläranlage zwischen Cappel und Ronhausen, der Installation einer weiteren Reinigungsstufe um Plastikbestandteile filtern zu können. Mikroplastik ist aber schwierig zu filtern.

Es gebe vor allem noch keine Daten zur Belastung oder auch nur Werte dazu, wie viel Mikroplastik es überhaupt in das Reinigungsendsystem schaffe. Eine mögliche vierte Reinigungsstufe in Cappel sei daher „erst mal nur Zukunftsmusik“, hieß es damals in einem OP-Artikel.

Das Umweltproblem Plastik

Weggeworfene Verpackungen, Tüten, Flaschen oder Plastik verrotten nicht, durch Alterungs- und Zerfallsprozesse entsteht Mikroplastik. Die Teilchen setzen sich so etwa in Böden fest und können zum Umweltproblem werden.

Mikroskopisch kleine Plastikpartikel lösen sich schon beim Waschen von Anziehsachen ab und gelangen dann über Abwasser in Kläranlagen. 35 Prozent des Mikroplastiks im Meer stammt laut Studien vom Faserabrieb bei der Textilwäsche. Über Klärschlamm gelangt Mikroplastik als Dünger auch auf Felder und so ebenfalls in den Erdboden. Von da aus wird es wiederum, etwa durch Hochwasser, in Meere und Flüsse geschwemmt.

In einer Untersuchung von Sediment- und Bodenproben haben Forscher festgestellt, dass in der Donau stellenweise mehr Plastikpartikel als Fischlarven treiben.

Die Gesundheitsgefahr durch Mikroplastik für Menschen ist noch unklar, die Weltgesundheitsorganisation fordert aber präventiv eine zusätzliche Filterung des Abwassers. WHO-Berichten zufolge könnten dadurch 90 Prozent der Mikroplastik-Partikel aus dem Wasser entfernt werden.

Von Björn Wisker

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