Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Ende des Jahres ist Schluss mit Sneakern
Marburg Ende des Jahres ist Schluss mit Sneakern
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
11:36 12.12.2021
Lucas Wahl in seinem Shop „Lucki Lucki“, der zum Jahresende schließt – weil zu wenig Ware geliefert wird.
Lucas Wahl in seinem Shop „Lucki Lucki“, der zum Jahresende schließt – weil zu wenig Ware geliefert wird. Quelle: Andreas Schmidt
Anzeige
Marburg

Rohstoffmangel, Warenknappheit – gehört und gelesen hat man in den vergangenen Monaten häufig davon. Und dann wohl immer gedacht, dass dies nur Themen sind, die große Industriebetriebe betreffen und beim Verbraucher in Gestalt von höheren Preisen und vielleicht dem ein oder anderen fehlenden Teil – etwa bei Fahrrädern – ankommen. Aber mit kleinen Einzelhändlern hat das Thema nichts zu tun, oder?

Weit gefehlt. Denn Lucas Wahl, der in der Oberstadt gemeinsam mit Lukas Steuernagel die beiden Geschäfte „Lucki Lucki“ und „Sneaker Circle“ betreibt, schließt beide Läden. „Und das hat nur bedingt mit Corona zu tun“, sagt er. Vielmehr bekomme er schlichtweg zu wenig Ware, um den Geschäftsbetrieb aufrecht erhalten zu können. Die beiden Läden seien abhängig „von vier bis fünf großen Lieferanten. Und wenn davon einer oder zwei einfach nicht liefern können, dann wird es einfach eng“, sagt Wahl. Zwar sei man gut vernetzt, sodass „wir durchaus noch zwei, drei neue Marken hätten gewinnen können, und die hatten auch Bock“, sagt Wahl, „aber selbst die waren nicht lieferfähig – wir hätten also höchstwahrscheinlich vor Mitte kommenden Jahres nicht weitermachen können.“ Die Konsequenz daraus skizziert Lucas Wahl: „Irgendwann würde ich dann vor recht leeren Regalen im Laden stehen. Der Markt hat sich gewandelt, die Kunden wollen viel Auswahl. Und das ist ja auch okay. Aber wenn man das nicht bedienen kann, dann kommt unser Riesen-Nachteil gegenüber den Filialisten ins Spiel: Wir können keine Ware zwischen 99 Filialen hin- und herschieben.“ Also bleibe nur eins: Die Reißleine ziehen, „denn der Laden soll nicht zu einer Karikatur seiner selbst werden. Wenn ich nichts mehr habe außer geöffnet, dann ist es klar, dass der Kunde sich woanders hin orientiert.“

Komplexes Gebilde

Insgesamt sei das Gebilde mit Lieferabhängigkeiten zu komplex, „wenn da ein Rädchen irgendwo hängt, bricht das System zusammen“.

Vor knapp sieben Jahren gingen Wahl und Steuernagel mit ihren Geschäften an den Start – mit dem Konzept, „in einer relaxten Atmosphäre Sneaker für jeden zu verkaufen. Denn jeder hat den Anspruch, gute Schuhe zu bekommen. Wir wollen, dass der Schuh nicht nur gut aussieht, sondern passt – und der Kunde zufrieden hier rausgeht.“ In der gesamten Zeit habe man sich erfolgreich gegen die Abwanderung ins Internet gewehrt, „obwohl uns am Anfang keiner eine Chance gegeben hat. Alle haben gesagt, wir machen nach spätestens anderthalb Jahren wieder zu.“ Das Gegenteil war der Fall, denn: „Wir haben das Sortiment genau analysiert, ich kenne mich seit 15 Jahren in der Szene aus. Und nur, weil dir ein Algorithmus ein Produkt vorschlägt, muss es nicht das richtige für dich sein – die Kunden kratzen im Netz nur an der Oberfläche. Und wir bieten Dinge an, die es nicht überall gibt. Bei denen das Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt und du dann einen Schuh hast, der cool aussieht, lange hält und mit dem dir vielleicht nicht jeder Dritte auf der Straße entgegenkommt. Das war unser Konzept.“

Und das kam gut an. Wie gut, konnte man die vergangenen Tage beobachten: Donnerstag hatten Wahl und Steuernagel auf ihren Social-Media-Kanälen das Ende der Stores verkündet – vor allem am Freitag und Samstag stand die Kundschaft Schlange, „das war schon irre – auch das Feedback, das wir von unseren Kunden bekommen haben, die immens traurig sind, dass wir aufhören“.

Ende des Jahres ist Schluss – „oder früher, wenn keine Ware mehr da sein sollte“, sagt der 36-Jährige. Einen Plan B hat er noch nicht, freut sich aber auf mehr Zeit mit seiner Familie. „Wir gehen hier nicht mit Reichtümern raus, denn die Corona-Zeit hat verdammt viel Geld gekostet. Aber das Kapitel ist sauber angefangen und sauber geführt worden – und wird auch sauber beendet. Daher kann ich damit auch abschließen – und irgendwann ein neues Kapitel aufschlagen.“

Von Andreas Schmidt

Marburg Gewinnspiel Adventskalender - Jeden Tag ein Türchen
08.12.2021
08.12.2021