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Marburg Der Nachtclubkönig und die Kinderliedermacherin
Marburg Der Nachtclubkönig und die Kinderliedermacherin
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20:58 19.11.2020
Beate Lambert zeigt den USB-Stick mit all ihrer Musik.
Beate Lambert zeigt den USB-Stick mit all ihrer Musik. Quelle: Carsten Beckmann
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Marburg

Wenn Beate Lambert montags, dienstags und mittwochs gegen 18 Uhr ihr Notebook hochfährt, sitzt im fernen Berlin Rolf Eden in seiner Villa bereits am Computer, neben sich ein kleines E-Piano. „Der ist schon ein echter Chauvi“, sagt die Marburger Kinderliedermacherin über den mittlerweile 90-jährigen „letzten Playboy Deutschlands“. Der Name Rolf Eden steht für die Nachtclubszene der Hauptstadt, für Immobiliengeschäfte und vor allem für das ebenso glamouröse wie amouröse Leben jenes Mannes, der gern, oft und zumeist im weißen Anzug vor den Kameras der Boulevardmedien posierte. Einen der Söhne Edens – Marco Walter – kennt Beate Lambert seit Jahrzehnten: „Ich habe mit ihm eine CD zum Thema Umwelterziehung produziert“, erzählt die Künstlerin.

„Was bleibt bis zum Schluss? Die Musik“

Walter, der sich als Lastenräder-Pionier auch in Marburg einen Namen gemacht hat, kontaktierte die Musikerin mit der Bitte, seinem unter Demenz leidenden Vater per Skype-Übertragung regelmäßig etwas vorzusingen. „Ich versuche dabei immer, ihn und sein Gedächtnis ein wenig zu aktivieren“, sagt Lambert, die jiddische Lieder oder Schlager wie „Que sera, sera“ mit Rolf Eden anstimmt. Sogar die israelische Nationalhymne hat sie für den Mann am anderen Ende der Datenleitung einstudiert – Edens Familie war wie viele andere Berliner Juden nach Hitlers Machtergreifung nach Palästina geflüchtet.

„Manchmal spielt er dann auf seinem Keyboard mit oder fängt an, Standards wie ,All Of Me’ zu klimpern – in gewöhnungsbedürftigen Tonarten“, freut sich Beate Lambert und sagt über das Singen mit alten Menschen: „Was bleibt bis zum Schluss? Die Musik.“ Das Singen mit jungen und jüngsten Menschen ist das eigentliche Metier von Beate Lambert – seit mittlerweile 30 Jahren. Und weil sich in diesen Tagen coronabedingt ein Bühnenjubiläum nicht auf der Bühne feiern lässt, hat die Liedermacherin ihr gesamtes CD-Repertoire auf kleine, bunte USB-Sticks geladen. Sechs Longplayer also und viel Bonusmaterial stecken in dem Datenträger, alle Songs von Alben wie „Lisa freut sich auf Weihnachten“ oder „Seifenblasen“.

Ihre ersten Bühnenerfahrungen machte Beate Lambert vor 30 Jahren mit dem Kinderlieder-Duo „Spunk“, das in und um Marburg eine wachsende Fangemeinde hatte. „Spunk-Sänger Gerd Müller animierte mich damals dazu, selbst Lieder zu schreiben“, erinnert sich die Musikerin, die schon bald auf Solopfaden wandelte. Ihr Markenzeichen waren vergleichsweise ruhige Lieder: „Ich fand schon immer, dass Kinder auch mal runterfahren wollen“, glaubt die Songschreiberin, und sie sagt: „Mit vier Jahren müssen Kinder erstmal ,Ja’ zur Welt sagen, bevor später das gesunde ,Nein’ dazukommt.“

Zwischen Aktivisten und Polizeibeamten

Neben der Arbeit mit Rolf Eden, dem letzten Playboy Deutschlands, und der Produktion der Jubiläumsedition findet Beate Lambert in diesen Tagen und Wochen ohne Live-Auftritte Zeit für ein neues Format: Sie schreibt Gedichte. Hintersinniges zum Tagesgeschehen wie „Jetzt“ oder „November“ (siehe Infokasten). „Und ich habe mich in den Dannenröder Forst aufgemacht, um da zu singen“, berichtet die Liedermacherin. Während die Aktivisten „Haut ab, haut ab“ in Richtung der Polizeibeamten gebrüllt hätten, habe sie sich dazwischengestellt und die Puhdys-Nummer „Alt wie ein Baum“ angestimmt. Applaus gab’s von beiden Seiten: „Die haben sich gefreut, mal für einen Moment nicht kämpfen zu müssen.“

Der USB-Stick sowie alle einzelnen CDs von Beate Lambert sind über ihre Internetseite beatelambert.de erhältlich.

Von Carsten Beckmann