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Marburg Skatspieler müssen meist passen
Marburg Skatspieler müssen meist passen
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09:00 23.01.2022
Eine Skatspielerin hält ein Skatblatt in der Hand.
Eine Skatspielerin hält ein Skatblatt in der Hand. Quelle: Archiv
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Marburg

Früher wurde Skat an jeder Ecke gekloppt. In Zeiten unzähliger Freizeit-Angebote, immer neuer Hobbys und einer zunehmenden Digitalisierung bröckelte aber bereits vor Corona die Basis der Spieler. Das mehr als 200 Jahre alte Kartenspiel, in Deutschland wurde es 1813 im ostthüringischen Altenburg erstmals erwähnt, scheint nicht mehr so beliebt.

Nach zwei Jahren Pandemie hat sich die Situation nochmals verschärft. Der Hessische Skatsportverband hat in den vergangenen zwei Jahren knapp acht Prozent seiner Mitglieder verloren. Zahlreiche Vereine haben sich abgemeldet.

„Es ist ohnehin schwierig, neue, vor allem junge Mitglieder zu gewinnen. Zwei Jahre Corona machten die Sache noch wesentlich komplizierter“, sagt Wolfram „Bommi“ Bommersheim, Präsident des Hessischen Skatsportverbands, aus Hattersheim. Der 58-Jährige kennt sich bestens aus in der Skatszene. Er begann im Alter von sechs Jahren mit dem Skatspielen. Sein Vater hatte es ihm beigebracht. Ein Jahr später wurde er als Siebenjähriger Kreismeister, viele Jahre später, 2016, gar Mannschaftsweltmeister. Er zählt zu den besten deutschen Skatspielern, wurde achtmal deutscher Einzelmeister. Auch er weiß inzwischen, dass die Begeisterung für eine gepflegte Runde Skat in Deutschland längst nicht mehr so groß ist.

Keine Werbung möglich

Dies sei auch ein gesellschaftliches Phänomen: Die Älteren geben Skat nicht mehr so häufig an die Jüngeren weiter. „Und Jüngere für den Skat zu begeistern, kann man in der Regel nur über Turniere, die angeboten werden. Doch in den beiden Corona-Jahren fand nichts statt. Keine Preisskats, keine Meisterschaften auf allen Ebenen.“ Selbst die Clubabende, an denen rund vier Stunden in Turnierform gereizt wird, fielen lange Zeit ins Wasser. „Eine Werbung für unseren Skatsport war also zwei Jahre nicht möglich.“

Zwar finden seit geraumer Zeit in den Clubs wieder Spielabende unter den Corona-Regeln statt, doch nimmt daran nicht mehr jedes Mitglied teil. „Der eine oder andere bleibt lieber zu Hause – aus Angst vor Corona. Wenn man bedenkt, dass nahezu alle Skatclubs überaltert sind, kann man das auch nachvollziehen“, sagt Bommersheim.

Dem stimmen auch die Vertreter der Skatclubs im hiesigen Landkreis zu, die zumindest keine coronabedingten Austritte zu verzeichnen hatten. „Aber auch an unseren Spielabenden nehmen etwas weniger Leute teil als sonst üblich“, sagt Mike-Mario Schröder, Vorsitzender des 1. Marburger Skatclubs. Der Club hat eine lange Tradition, spielte einst gar in der Bundesliga und schaffte mit zahlreichen Spielern den Sprung zu Deutschen Meisterschaften. „Zwei Jahre nahezu ohne Skat, das ist schon seltsam, ein komisches Gefühl“, ergänzt Schröder. Finanziell habe sich die Corona-Krise aber nicht negativ auf die heimischen Clubs ausgewirkt, da es auch kaum Ausgaben gebe. Dennoch fehlen den Clubs die in der Regel in den Wintermonaten stattfindenden Preisskats oder Stadtmeisterschaften. „Dabei konnte man als Ausrichter ein kleines Plus erwirtschaften“, sagt Klaus Grün, 2. Vorsitzender der Skatfreunde 1981 Großseelheim, die ihre Spielabende derzeit im Bürgerhaus Kirchhain unter 2G-plus-Bedingungen absolvieren.

Alternative online?

Zwar haben auch die Wohrataler Buben ihre Mitgliederzahlen konstant halten können, doch weiß auch deren Vorsitzender Jochen Zenker, dass Skatspielen allgemein rückläufig ist. „Vor vielen Jahren mussten beispielsweise aufgrund der hohen Teilnehmerzahl bei den Marburger Stadtmeisterschaften im Bürgerhaus Marbach noch zusätzlich Tische und Stühle in einem Nebenraum aufgebaut werden, damit alle mitmachen konnten. Da war die Hütte noch voll. Zuletzt kamen nur noch 70 bis 80 Leute.“

Trotzdem konnten die Clubs bei diesen offenen Meisterschaften und auch bei den zahlreichen Preisskats in Gaststätten und Sportheimen immer wieder den einen oder anderen ansprechen, ihn eventuell auch dazu zu bewegen, mal zu einem Spielabend zu kommen“, sagt Harald Rauch, Vorsitzender des Skatclubs 65 Stadtallendorf. „Diese Werbung fällt seit Corona gänzlich weg.“

Selbst das Skatspielen in privaten Runden habe nachgelassen, berichten die heimischen Vereinsvertreter. Auch dabei spielt die Pandemie eine große Rolle. „Es fehlt einfach die Motivation, wenn im Hinterkopf Corona eine Rolle spielt“, sagt Harald Rauch.

Blieben denen, die dennoch gern reizen und passen, letztlich noch die Skat-Online-Spiele. „Diese nehmen zwar zu, allerdings sind sie bei Weitem kein Ersatz. Ich mache dies hin und wieder nur als Kopftraining“, sagt Bommersheim.

„Letztlich wollen wir bei unserem anspruchsvollen Kartenspiel Skat mit seinen vielen Raffinessen und Strategien aber den Mitspielern ins Gesicht schauen, lachen und meckern, über Stiche diskutieren, Gestiken analysieren. All das fehlt online. Da spiele ich dann vorm Bildschirm gegen einen Unbekannten mit einem Pseudonym – das ist zu unpersönlich“, sagen übereinstimmend Bommersheim, Schröder und Co. – und hoffen auf ein baldiges Ende der Corona-Pandemie, mit dem Ziel, endlich wieder wie früher einen Skat zu kloppen.

Von Michael E. Schmidt

Mitgliederentwicklung

Die Entwicklung der Mitgliederzahlen im Deutschen Skatverband ist alles andere als rosig. Im Jahr 2010 zählte der Verband noch rund 27 000 Mitglieder, 2015 waren es nur noch etwa 22 000, aktuell ist die Zahl auf zirka 18 000 geschrumpft.
Nicht besser ist die Situation im Hessischen Skatsportverband: Vor der Corona-Pandemie gab es mehr als 1 500 Mitglieder, zwei Jahre später unter 1 400.
Im Jahr 2020 gab es in Hessen 99 Skatvereine. Allein im ersten Corona-Jahr haben sich acht Vereine abgemeldet. „Die aktuellen Zahlen nach dem zweiten Pandemie-Jahr liegen noch nicht komplett vor. Es zeichnet sich aber ab, dass weitere Vereine nicht mehr melden werden“, sagt Wolfgang Wiewesiek aus Darmstadt, Kassenführer des Hessischen Skatsportverbands.
Die größte hessische Skatverbandsgruppe (Süd), Rhein-Main-Kinzig, schrumpfte von 31 Vereine in 2020 auf aktuell 23. Die Verbandsgruppe Nord, der auch die fünf Skatclubs aus dem hiesigen Landkreis angehören, verlor im ersten Pandemie-Jahr zwei ihrer 24 Vereine.         mis

 

Skatclubs im Landkreis

Im Landkreis Marburg-Biedenkopf gibt es fünf Skatclubs: 1. Marburger Skatclub, Skatclub 65 Stadtallendorf, Skatfreunde 1981 Großseelheim, Wohrataler Buben und Hinterländer Luschen. Diese Clubs gehören der Verbandsgruppe Nordhessen an. Infos über die Ansprechpartner und die Termine sowie Örtlichkeiten der jeweiligen Spielabende finden Sie im Internet unter: https://vg1401.dskv.de/vereine/                               mis

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