Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Sind Kommissionen nicht sexy genug?
Marburg Sind Kommissionen nicht sexy genug?
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
10:58 24.05.2021
Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité, wurde in der Corona-Pandemie zu einem der bekanntesten Wissenschaftler.
Christian Drosten, Direktor des Instituts für Virologie an der Charité, wurde in der Corona-Pandemie zu einem der bekanntesten Wissenschaftler. Quelle: Michael Kappeler
Anzeige
Marburg

Welche Rolle können in diesen unsicheren Zeiten die Wissenschaftler einnehmen: Sind sie die unbeirrbaren Felsen in der „Meinungs“-Brandung oder sind sie zunehmend auch Anfeindungen oder gar Bedrohungen ausgesetzt?

„Wissenschaft in Verantwortung“: So lautete das Generalthema beim Dies Academicus der Marburger Universität, der am Mittwoch (19. Mai) pandemiebedingt online stattfand. Uni-Präsidentin Professorin Katharina Krause ließ es sich nicht nehmen, bei der von Demokratieforscherin Dr. Tina Dürr moderierten Podiumsdiskussion zum Auftakt des „Dies Academicus“ mit dabei zu sein. „In der immer schneller werdenden Kommunikation muss die Sichtbarkeit der Wissenschaft erhöht werden“, skizzierte die Präsidentin eine der Aufgaben, denen sich auch die Forscher der Universität in der heutigen Zeit vermehrt stellen müssten.

Mit einem Schlag viel stärker in der Öffentlichkeit stehen in der Corona-Pandemie die Virologen, für die stellvertretend Professor Stephan Becker, der Leiter des Marburger Virologie-Institutes, an der Debatte teilnahm.

Den Umgang der Medienvertreter mit der Wissenschaft erlebt er zwar als nicht so bedrohlich wie die Debattenkultur in den sozialen Netzwerken. Allerdings beklagt Becker eine Beschleunigung des Umgangs mit wissenschaftlichen Erkenntnissen in der Corona-Krise. „Seit dem Ausbruch der Pandemie gibt es rund 80 000 Publikationen zu Corona“, erläuterte der Virologe. Die Ergebnisse seien auch für die Experten kaum noch zu überblicken.

„Bestimmte Einzelergebnisse werden herausgegriffen, und es werden weitreichende Schlüsse daraus gezogen“, erzählte Becker. Daran schließe sich eine Art Spirale an mit weiteren Medienanfragen und einer Welle von nicht mehr zu kontrollierenden Informationen. All dieses entwickele sich derzeit in einem „irren Tempo“. Als Experte sei er kaum noch in der Lage, dem Fragebedürfnis auch nur annähernd nachzukommen.

Anstelle der Fokussierung der Medien und der Öffentlichkeit auf einzelne Forscherpersönlichkeiten wie dem Virologen Christian Drosten sei es aber eigentlich sinnvoller, wenn die wissenschaftlichen Erkenntnisse von einer Kommission präsentiert würden, die diese nach eingehender Beratung erarbeitet habe. Doch auch Stephan Becker ist klar, dass er mit der Kommissions-Idee eine Art Wunschdenken formulierte. „Das ist wohl nicht sexy genug“, bekannte er leicht resignativ.

Die Konfliktforscherin und Politologin Professorin Nicole Deitelhoff (Uni Frankfurt) zog das Fazit aus der medialen Beschäftigung mit der Pandemie, dass die Universitäten sich in puncto Medientraining besser aufstellen müssten. Das gelte besonders für den Auftritt der Forscher vor den Fernsehkameras. In der Corona-Pandemie werde die Rolle der Wissenschaftler wie unter einem Brennglas sichtbar.

Es gehe vor allem um die drei „V“, also Verständlichkeit, Verlässlichkeit und Verantwortung. Dabei gelte es, eine Gratwanderung zu meistern. „Wir wollen zeigen, welche Erkenntnisse wir haben und wollen auch die Gesellschaft mitsteuern“, erklärte Deitelhoff. Doch trotz ihrer starken Forscher-Egos müssten die Wissenschaftler auch immer wieder eine Rolle infrage stellen.

Der Marburger Demokratieforscher Dr. Reiner Becker fordert zudem ein Unterstützungs-System der Unis in der Krisenkommunikation für Fälle, in denen ihre Wissenschaftler öffentlich angefeindet oder bedroht werden. Denn bald könnte sich in Sachen Diskurs-Kultur die Corona-Diskussion nur als eine Art Ouvertüre entpuppen, wenn es beispielsweise in einer Post-Corona-Zeit wieder um die Klimadebatte gehe. „Wissenschaftler sind nicht per se öffentliche Figuren oder Einzelkämpfer“, machte Reiner Becker deutlich, der auch einen kollegialen Austausch an den Universitäten anmahnte.

Dass es Anfeindungen für Wissenschaftler gibt, die sich in gesellschaftliche Debatten wie zum Rechtsextremismus oder der Geschlechterforschung einmischen, bestätigte die Marburger Politikwissenschaftlerin Professorin Ursula Birsl. Statt persönlicher Briefe wie noch Anfang der 90er-Jahre vor dem Aufkommen von Facebook und Co. erlebt die weniger in den sozialen Medien aktive Forscherin allerdings in den vergangenen Jahren immer mehr „Shitstorms“, die sich gegen ganze Institutionen richten. So berichtete sie über immer mehr politische „Tugendwächter“ im Netz und mit Verschwörungsmythen unterlegte Attacken.

Wie etwa Religionswissenschaftlerinnen den aktuellen Verschwörungsmythen mit den Mitteln ihres Fachs begegnen können, das war eines der Themen der anschließenden Workshops. Zum Ausklang gab es noch den Vortrag einer streitbaren Frau, die auch einen akademischen Abschluss vorweisen kann. Die promovierte Linguistin Dr. Reyhan Sahin und Rapperin aka Lady Bitch Ray gab ausgehend von ihrem eigenen Lebenslauf Überlebensstrategien für den Wissenschaftsbetrieb. Unter anderem sprach sie über Wissenschafts- und Denkfreiheit sowie über Diskriminierung, Unabhängigkeit und Selbstbestimmung.

Von Manfred Hitzeroth