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Marburg Mit Verständnis feiern
Marburg Mit Verständnis feiern
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12:00 28.12.2021
Bei Menschen mit Demenz ist es wichtig, Erinnerungen zu wecken.
Bei Menschen mit Demenz ist es wichtig, Erinnerungen zu wecken. Quelle: David Hecker
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Marburg

Das Feiern mit einem Angehörigen, der an Alzheimer erkrankt ist, kann die Familie vor eine besondere Herausforderung stellen. Auf der einen Seite soll auch das Silvesterfest so sein wie immer. Auf der anderen Seite muss auf die an Alzheimer Erkrankten Rücksicht genommen werden.

„Das Feiern in der Familie ist möglich, aber überfordernde Situationen sollten unbedingt vermieden werden, um Enttäuschungen zu vermeiden“, sagt Elisabeth Bender, Koordinatorin der Alzheimer Gesellschaft Marburg-Biedenkopf. „Isolation bekommt Demenzkranken auch nicht gut, sie brauchen den Kontakt mit anderen, das Zusammensein in angenehmer Atmosphäre und das Gefühl dazuzugehören.“

Gewohnte Abläufe einhalten

Der Jahreswechsel lasse sich mit einem an Alzheimer erkrankten Familienmitglied am besten feiern, indem man an gewohnte Abläufe anknüpft. Gewohntes und Vertrautes entlastet und gibt Sicherheit. In entspannter Atmosphäre werden beim Hören bekannter Musik oder Spielen gewohnter Gesellschaftsspiele Erinnerungen an früher geweckt.

Bei den Gesellschaftsspielen wird empfohlen, die Regeln zu vereinfachen, um Enttäuschungen, Frust und Diskussionen zu vermeiden. Zu viele Veränderungen seien nicht gut, sagt Bender. Wenn zu viele Menschen beispielsweise zusammenkommen, zu viel und zu laut geredet werde, könne dies leicht überfordern.

Bender erklärt, dass die Demenz ein fortschreitender Prozess ist. Zu Beginn könnten die Patienten noch alles mitmachen, im Lauf der Zeit werde dies immer schwieriger. Bei Alzheimer Patienten können aktuelle Informationen immer weniger gespeichert, verarbeitet und weitergeleitet werden. Im Laufe der Erkrankung bauen die geistigen Fähigkeiten immer mehr ab. Während aktuelle Bezüge und Erfahrungen immer mehr verloren gehen, bleiben die Gefühle erhalten. Sie sind der Schlüssel, mit an Demenz Erkrankten in Kontakt zu treten und Erinnerungen wachzurufen. Alte Erinnerungen sind laut der Alzheimer Forschung Initiative (AFI) oft noch lebendig.

„Erinnerungen müssen aktiviert werden“, sagt Bender. In entspannter Atmosphäre und Einhalten von Ritualen bieten sich viele Gelegenheiten, Menschen mit Alzheimer einzubeziehen und schöne gemeinsame Stunden zu verbringen.

An Silvester kann laut Bender das Tanzen ein Ritual sein, das bei den an Demenz Erkrankten schöne Erinnerungen weckt. Ein Paar könne sich im Rhythmus der Musik und der Bewegung in solchen Momenten wieder auf Augenhöhe begegnen. „Tanzen ist eine Fähigkeit, die man nicht verlernt“, sagt Bender. Auch Erinnerungen an wunderbare Begegnungen, wie das erste Date, lassen einen Silvesterabend zu etwas Besonderen werden.

Einfache Sätze sprechen

Die Expertin rät aber auch dazu, nicht zu hohe Erwartungen zu haben. Die Kommunikation mit Alzheimer-Patienten sei oft schwierig. „Einfache Sätze sprechen und geschlossenen Fragen stellen, bei denen ein einfaches Ja oder Nein ausreicht“. Mit dieser Technik gelingt es eher Patienten ins Gespräch zu holen.

Wo hingegen die einfache Frage: „Was gab es zu essen?“, dazu führen kann, dass die Situation eskaliert, weil sich die Betroffenen unter Umständen bloßgestellt fühlen und darauf zornig oder auch traurig reagieren können. „Solche Situationen sollte man unbedingt vermeiden und nicht heraufbeschwören“, rät Bender.

Das Wichtigste für Bender ist, dass man sich mit der Familie an dem gemeinsamen Abend erfreut, gute Laune hat und ein paar Regel einhält, dann gelingt die Feier.

Von Silke Pfeifer-Sternke