Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Sie wollte ein selbstbestimmtes Leben
Marburg Sie wollte ein selbstbestimmtes Leben
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
07:57 13.05.2019
Sandra Maischberger und die Schauspieler von „Nur eine Frau“ im Gespräch mit dem Publikum im Capitol. Quelle: Nadine Weigel
Marburg

„Nur eine Frau“ ­handelt von einem Mordfall, der für Schlagzeilen sorgte: 2005 wurde die junge Türkin ­Hatun Sürücü von ihrem jüngsten Bruder auf offener Straße erschossen. Es war ein sogenannter Ehrenmord, Grund war der westlich orientierte Lebensstil der jungen Frau, der der Familie nicht gefiel.

Am Samstag besuchten die Produzentin Sandra Maisch­berger und die drei Hauptdarsteller Almila Bagriacik, Aram Arami und Rauand Taleb das Capitol vor Beginn der Kinovorstellung. Die rund 170 Plätze im Kino
reichten nicht aus für alle Besucher, einige mussten wieder nach Hause geschickt werden.

Christoph Ott, der Organisator der Tour durch deutsche Kinos, fragte Sandra Maisch­berger nach der Weltpremiere des Films vor zwei Wochen in New York. „Der Film wurde sehr gut aufgenommen“, erklärte sie. Auch Almila Bagriacik bestätigte, dass es dort ein sehr offenes Publikum gegeben habe.

„Nicht die Religion ist das Thema des Films“, betonte die Schauspielerin. „Wir ­kritisieren eine Tradition.“ Auf die ­Frage, wie sie zu dem Film gekommen sei, erzählte sie, dass sie zuerst gezögert habe. „Ich war zuerst sehr vorsichtig“, so Bagriacik. „Solch eine Geschichte zu erzählen ist nicht einfach.“ Das Gespräch mit der Regisseurin Sherry Hormann (Wüstenblume) habe sie aber überzeugt. Es sei wichtig, dass durch einen solchen Film Gesprächsbedarf entstehe. „Es ist nur die Geschichte einer Frau, die ein selbstbestimmtes Leben führen will.“

Perspektive des Opfers

Der Moderator fragte Sandra Maischberger, wie sie auf die Idee zu dem Film ­gekommen sei. Eigentlich mache sie nur Dokudramen, also eine Mischung aus Fiktion und Realis­mus, so die Produzentin. Sie wollte bei dem Thema aber einen anderen Zugang, so wurde ein Spielfilm daraus. „Wer kommt in einer Dokumentation zu Wort?“ fragte sie. „Nur der Täter.“ Sie habe aber eine andere, ganz subjektive Perspektive
gewollt, nämlich die der erschossenen Frau.

Mit Blick auf die Zielgruppe des Films sagte Maischberger: „Wir wollen ganz unterschiedliche Menschen erreichen. Ich möchte auch an die Neuköllner Schulen gehen mit dem Film.“ Und: „Wir wollen einen Diskurs über Ehe und über Frauenrechte.“ Zum Grundgedanken des Films und der Thematik von Parallelgesellschaften in Deutschland erklärte sie: „Lass uns versuchen zu begreifen, dass wir eine Einheit sind.“

Eine Frau aus dem Publikum fragte nach dem 5-jährigen Sohn der getöteten Hatun Sürücü. Maischberger sagte: „Wir wissen nicht, wie es ihm geht.“ Der Sohn müsse jetzt ungefähr 18 Jahre alt sein und lebe bei Pflegeeltern. Die Mutter ­habe nicht gewollt, dass er in ihrer ­Familie aufwuchs.

Eine andere Zuschauerin erklärte, dass sie nach dem Mord 2005 das Kopftuch abgelegt und sich scheiden lassen habe. Darüber gebe es einen Film mit dem Titel „Hüllen“, gedreht von Maria Müller. Marion Closmann, Inhaberin des Cineplex, sagte, dass sie in den nächsten zwei bis vier Wochen auch diesen Film zeigen wolle.

Wer eine Sondervorstellung des Films „Nur eine Frau“ für eine Schulklasse plant, kann sich an das Kino wenden. Es liegen bereits einige Anfragen vor.

von Bettina Preussner