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Marburg Tipps für Singles, Paare und Familien
Marburg Tipps für Singles, Paare und Familien
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10:15 31.03.2020
Themenfoto: Eltern/Betreuung/Kinder in Zeiten von Corona. Der fünfjährige Thore (rechts) und sein Bruder Thies (2) spielen mit Mutter Jule. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Ein altes Sprichwort sagt: Die Länge trägt die Last. Und genauso ist es auch in Zeiten der Corona-Pandemie. Waren die ersten Tage noch willkommene Abwechslung vom Alltag, erweisen sich dauerhafte Kinderbetreuung, Home Office und Kurzarbeit als sehr große Herausforderung sowohl für Alleinerziehende, Paare und Familien.

Frank Harries von der Psychologischen Beratungsstelle für Paar-, Familien und Lebensberatung des Diakonischen Werkes weiß: „Wo vorher das Leben gut gestaltet war und als ausreichend zufriedenstellend erlebt wurde, besteht die Chance, das Belastungen bewältigt werden und sogar neue Chancen erkannt und genutzt werden. Aber da, wo vorher schon Belastungen vorherrschten, steigt die Gefahr weiterer negativer Auswirkungen.“ Er und seine Kollegen beantworten ab sofort Ihre Fragen in der OP. Schicken Sie diese an beratung@op-marburg.de und Sie lesen die Antworten in der gedruckten OP oder in unseren digitalen Medien. Wenn Sie nicht wünschen, dass Ihr Name veröffentlicht wird, dann schreiben sie dies bitte ausdrücklich in die Mail.

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Alleinlebende

Alleinlebende haben sich in der Vor-Corona Zeit verabredet, fühlten Gemeinsamkeit beim Mittagessen mit Kollegen und widmeten sich dem ein oder anderen Hobby. Fällt jetzt gleichzeitig ein Großteil dieser Möglichkeiten weg, dann wird das Alleinsein schnell zur Einsamkeit, besonders bei denjenigen, die schon vorher unter ihrer Situation gelitten haben. Das auf sich Selbst-Gestellt-Sein braucht erhöhte Aktivität und Initiative, um die sonst oft so selbstverständlichen Kontakte weiter per Telefon, Skype oder andere Möglichkeiten zu pflegen. Am Anfang sind Telefonate ein Ersatz, mit fortschreitender Zeit wird das oft als unzureichend und anstrengend erlebt. Beim Homeoffice ist teilweise das Problem, eine ausreichende Trennung zwischen Freizeit und Arbeit hinzubekommen, eine Struktur zu finden. Je nach Situation leiden die Alleinlebenden auch unter der Unterbrechung von Familienkontakten. Hinzu kommt die Sorge über den Jobverlust und der daraus resultierenden finanziellen Unsicherheit.

Frank Harries, Diplom Psychologe von der Beratungsstelle Philippshaus beim Diakonischen Werk. Quelle: Katja Peters

Tipp von Frank Harries: Schaffen Sie sich einen Tagesplan. Der sollte nicht überfrachtet sein: wann stehe ich auf, Zeitfenster für Frühstück und andere Mahlzeiten, Einkaufen, für Bewegung (beispielsweise Yoga oder Spaziergang). Darüber hinaus die Kontakte per E-Mail, Skype, Telefon oder soziale Medien nutzen, die Sie haben. Nicht alle an einem Tag kontaktieren, sondern auf die Woche verteilen. Hilfreich ist auch das Erstellen einer Liste von Dingen, die Sie zuhause schon immer mal machen wollten. Am besten auf einen Zettel aufschreiben, dann können Sie später auch abhaken. Und auch hier gilt: nicht alles auf einmal erledigen.

 Paare

Eine fehlende Alltagsstruktur ist auch eine Belastung für Paare, wenn plötzlich beide nicht nur den Feierabend, sondern fast den ganzen Tag miteinander verbringen. Die sonst im Jahresurlaub begrüßte Möglichkeit endlich einmal Zeit füreinander zu haben, kann sich nach einer längeren Zeit in den eigenen vier Wänden zur handfesten Krise entwickeln. Konfrontiert mit den verschiedenen Bedürfnissen und Ansprüchen ruckelt es in der partnerschaftlichen Kommunikation und braucht Energie und Bereitschaft, den Umgang mit Unterschiedlichkeiten auszuhandeln. Geduld und Verständnis sind gefragt. Eigenschaften, die nicht jedem selbstverständlich sind. Kommen noch Ängste um Gesundheit und Arbeitsplatz hinzu, schalten viele in den Krisenmodus. In Krisen und Zeiten von Anspannung kommen eher alte Verhaltensmuster zur Geltung, die es nicht einfacher machen, auftretende Konflikte partnerschaftlich zu lösen. Es besteht also die Notwendigkeit, die Alltagsbelange neu auszuhandeln. Hatte sich das Paar emotional vorher schon voneinander entfernt, werden in Zeiten zusätzlicher Belastungen auch andere Unzufriedenheiten gewichtiger. Die sensible Regelung von Nähe und Distanz ist herausgefordert und durch die Maßnahmen gleichzeitig eingeschränkt.

Tipp von Frank Harries: Verabreden Sie sich zum gemeinsamen Kaffee an Ihrem Esstisch und fragen Sie: Wie geht es Dir heute? Auch wenn man den anderen die ganze Zeit sieht und denkt, ich „seh“ doch, wie es dir geht. Oder machen Sie einen gemeinsamen Spaziergang zu einer bestimmten Zeit. Wichtig ist, auch (und oft gerade dann) wenn man sich länger kennt, nicht zu erwarten, dass der oder die andere schon weiß oder wissen möchte, was ich denke, was mir wichtig ist, was ich mir wünsche. Gerade jetzt ist es wichtig, sowohl die eigenen Gedanken, Wünsche und Bedürfnisse zu formulieren, als auch eigene Initiativen zu benennen.

Familien

Geduld und starke Nerven sind auch bei Familien gefragt, wenn jetzt Kinderbetreuung und Schulbesuch wegfallen und das Leben sich vorrangig auf die Familie konzentriert. Neben aller Freude über die Chance, sich mal wieder ausgiebig einander widmen und zuwenden zu können, waren alle Familienmitglieder schon vor den Einschränkungen der Coronakrise oft froh, wenn nach einem Wochenende jeder wieder den Alltag mit ganz eigenen Gestaltungsmöglichkeiten erleben konnte. Haben Kinder und Jugendliche in der zurückliegenden Zeit neben ihren Verpflichtungen ihre Freizeit vielfältig auch mit Freunden gestaltet, so sind dem jetzt von heute auf morgen Grenzen gesetzt worden. Manche Eltern sehen in dieser Zeit ihren erzieherischen Kampf gegen den übermäßigen Handy- und Medienkonsum der Sprösslinge als verloren an, ist das doch für viele Heranwachsende die einzige Möglichkeit, sich miteinander auszutauschen und verbunden zu fühlen. Eltern sehen sich neben anderen Herausforderungen, auch der „Lehrerrolle“ nicht gewachsen.

Gefahr ist, dass sie ein schon vorher ungünstiges Muster weiter ausbauen, indem sie ein möglicherweise zartes Pflänzchen der Motivation beim Jugendlichen komplett übernehmen. Statt den Jugendlichen zu unterstützen, mehr und mehr die eigene Verantwortung zu übernehmen und sich selber mit den Konsequenzen von Tun und Nicht-Tun auseinanderzusetzen, fühlen sich Eltern durch den Wegfall der Schulzeit aufgerufen, diese zu übernehmen, indem sie durch zu starke Aufforderung, Aufsicht und Beobachtung den Selbstorganisationsprozess des Jugendlichen stören. Es braucht von den Eltern eine gute Sensibilität, um auf der einen Seite Restriktionen in der Nutzung zu lockern und auf der anderen Seite mit den Jugendlichen im Gespräch zu bleiben. Haben Eltern eine belastete Partnerschaft, so sind Kinder und Jugendliche nun eher gefährdet, von Stimmungen und elterlichen Auseinandersetzungen belastet zu sein.

Viele Ressourcen brauchen auch Eltern mit kleineren Kindern, die sich ihrer Kitafreundschaften beraubt mit aller Energie auf Mutter und Vater stürzen. Ist schon im normalen Alltag mit Krippen- und Kitakindern die- oder derjenige ein Held, die gelassen zwischen den Anforderungen der verschiedenen Rollen als Elternteil, Partner, Arbeitnehmer und Individuum hin- und her springen kann, so kommt hier eine Kür, die ohne Vorbereitung gemeistert werden soll, wenn die Rolle als Erzieher und Spielkamerad zusätzlich gefragt ist.

Tipp von Frank Harries: Handeln Sie mit älteren Kindern gemeinsam aus, wann was gemacht wird. Wenn etwas nicht so gut klappt, nicht gleich die Nerven als Eltern verlieren und Vorhaltungen machen, sondern sich wieder zusammensetzen und gemeinsam überlegen, wie es denn besser gehen könnte. Und den Jugendlichen dabei zugestehen, dass sie vielleicht unkonventionelle Ideen haben, die aber durchaus mal erprobt werden könnten. Kleineren Kitakindern, aber auch Schulkindern, können Sie durchaus zumuten, sich mal zu langweilen. Sie können Ihre eigenen Handlungen ruhig ungefragt mit Erklärungen begleiten. „So, ich geh jetzt mal in die Küche und fange an zu kochen.“ Eltern sollten für sich entscheiden, wann sie sich ihrem Kind exklusiv zuwenden und das aktiv als Angebot von sich aus machen, statt nur als Reaktion, wenn das Kind genug gequengelt hat.

Von Katja Peters

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