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Marburg Ist Pozzi ein Sicherheitsrisiko?
Marburg Ist Pozzi ein Sicherheitsrisiko?
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10:00 28.07.2022
„Erinnerung an die Opfer der Marburger Jäger“ steht auf der riesigen Installation, die vor das Jägerdenkmal im Schülerpark gebaut wurde.
„Erinnerung an die Opfer der Marburger Jäger“ steht auf der riesigen Installation, die vor das Jägerdenkmal im Schülerpark gebaut wurde. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Nach Auffassung von Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies ist die AfD, ist auch die Vereinigung Marburger Jäger, ein „Sicherheitsrisiko“, solange sie die Beteiligung der umstrittenen Vereinigung Marburger Jäger am Genozid an den Hutu und Tosti in Namibia, an dem Massaker an der Zivilbevölkerung im belgischen Dinant während des Ersten Weltkriegs und die Beteiligung an anderen Gräueltaten abstreitet. Das sagte Spies während der letzten Sitzung der Stadtverordnetenversammlung am vergangenen Freitag.

Der AfD-Stadtverordnete Matthias Pozzi hatte in einem Antrag gefordert, die Stadtverordnetenversammlung möge den abrupten und kurzfristigen Ausschluss der Kameradschaft Marburger Jäger (KMJ) durch die Stadt Marburg an den MR800-Feiern am Pfingstsonntag beim „Tischlein-deck-Dich“ verurteilen. Die Stadt Marburg sollte angehalten werden, sich für das „unprofessionelle Verhalten“ offiziell und öffentlich bei der Kameradschaft Marburger Jäger / 2.PzGrenDiv e.V. zu entschuldigen, forderte Pozzi.

Pozzi: Begründung der Stadt „fadenscheinig“

Dem eingetragenen Verein wurde nach anfänglicher Zusage die Teilnahme auf telefonischem Weg verweigert. Eine schriftliche Begründung sei erst nach Protest nachgereicht worden, sagte Pozzi. Die KMJ sei einer der ältesten und traditionsreichsten Vereine in Marburg und Umgebung. Die Ausladung widerspreche der amtlichen Werbung der Stadt Marburg, dass sie als Stadt bei der Jubiläumsfeier den Anspruch hat, die unterschiedlichsten Bevölkerungsgruppen zusammenzubringen, Slogan: „Mit Ihnen, mit Euch“. Darüber hinaus sei die Begründung der Stadt unter Sicherheitsaspekten „fadenscheinig“, zumal die KMJ dem Kurator in einem persönlichen Telefonat zugesagt hatte, auf die Präsentation von Uniformteilen und alten Waffen zu verzichten.

Die AfD verfolgt damit erneut die Strategie der „Opferrolle“, wie der Marburger Rechtsextremismus-Forscher Professor Benno Hafeneger das nannte.

Matthias Pozzi. Quelle: Björn Wisker

Der Oberbürgermeister ließ das dem Parlamentarier nicht durchgehen. Er zitierte unter anderem aus dem AfD-Aufruf zur Teilnahme an der Einweihung des umgestalteten Denkmals für die Opfer der Marburger Jäger. Hier waren die Anhänger der Marburger Jäger beziehungsweise ihres Traditionsvereins aufgefordert worden, Trillerpfeifen mitzubringen – ganz offensichtlich, um die Veranstaltung zu stören.

Pozzi, der sich im übrigen gegen die Vorhalte von Spies verwahrte, sagte, „die Sache mit den Trillerpfeifen“ sei ein „Spaß“ gewesen, weil die Veranstaltungen der AfD immer auf diese Weise gestört würden. Vergeblich: Kein einziger stimmte dem Antrag zu.

Marburger Jäger

Von 1866 bis 1920 war Marburg Garnison des Jägerbataillons Nr. 11. Zwischen 1866 und 1913 beteiligten sich die „Marburger Jäger“ unter anderem an Einsätzen im Deutsch-Französischen Krieg 1870/71 sowie bei der Niederschlagung des Boxer-Aufstandes in China 1900/01 und des Herero-Aufstandes im heutigen Namibia 1904. Im 1. Weltkrieg folgte das Massaker im belgischen Dinant 1914, an dem die Marburger Jäger teilnahmen. Ihre Beteiligung an Gräueltaten wurde durch die Marburger Geschichtswerkstatt untersucht. Die „Kameradschaft Marburger Jäger“ gründete sich nach 1945 neu als Traditionsverein.

Von Till Conrad

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