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Marburg Ortsbeirat diskutiert über geteilten Straßenraum
Marburg Ortsbeirat diskutiert über geteilten Straßenraum
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12:55 26.10.2021
Der Zwetschenweg in Marburg-Ockershausen.
Der Zwetschenweg in Marburg-Ockershausen. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Der Ortsbeirat Ockershausen will mit dem Konzept „shared space“ den Verkehrsproblemen zu Leibe rücken. „Shared space“, zu Deutsch „geteilter Raum“, bezeichnet ein Verkehrskonzept, nach dem vom Kfz-Verkehr dominierter öffentlicher Straßenraum lebenswerter, sicherer sowie im Verkehrsfluss verbessert werden soll. Charakteristisch ist dabei die Idee, auf Verkehrszeichen, Signalanlagen und Fahrbahnmarkierungen zu verzichten.

Die Gemeinschaftsliste Ockershausen und die Grünen im Ortsbeirat wollen nun, dass der Magistrat aufgefordert wird, Planungen in Auftrag zu geben, um den Ortskern ammit der Stiftstraße, Zwetschenweg, Bachweg und einem Teilbereich der Ockershäuser Straße so umzugestalten, dass „shared space“ umgesetzt werden kann. Aufgrund des Verkehrs zum Pharmastandort und den zahlreichen „Elterntaxen“ zum Schulzentrum ersticke Ockershausen im Verkehr, sagen Gemeinschaftsliste und Grüne.

„Kollaps vorprogrammiert“

Und sie befürchten, dass sich die Situation durch die geplanten neuen Wohngebiete am Hasenkopf und in der Marbach noch verschärft. „Der Kollaps ist damit vorprogrammiert“, heißt es in der Beschlussvorlage. Die Wohnqualität im Stadtteil werde sich drastisch verschlechtern. Die beiden Listen, die 4 von 9 Sitzen im Ortsbeirat haben, erhoffen sich von dem Konzept „shared space“ eine bessere Wohnqualität, gefolgt davon, dass die Pendlerinnen und Pendler durch die neue Straßenform „abgeschreckt“ werden und sich ihren Weg über Autobahn und Landstraßen suchen.

Gemeinschaftsliste und Grüne gehen so weit, dass sie verlangen, dass der „shared space“ als „Gegenleistung“ zu den neuen Baugebieten verstanden wird. Diese Forderung sollte auch so verstanden werden, dass die Bürgerinnen und Bürger in Ockershausen Signale der Kooperation erkennen.

Auch für die Straßen „Am Grün“ und „Leopold-Lucas-Straße“ gibt es in der Lokalpolitik Überlegungen für „shared space“. Das würde bedeuten, dass sich Autofahrer nach schwächeren Verkehrsteilnehmern richten müssten. Gehen die Überlegungen von Gemeinschaftsliste und Grünen auf, würde dies auch zu einer spürbaren Entlastung für die Straßen „Hohe Leuchte“ und den oberen Teil der „Ockershäuser Allee“ führen. Welche Alternativrouten die Autofahrer sich suchen würden, ist unklar.

Das Planungsmodell wurde federführend vom Niederländer Hans Monderman in den 1990er Jahren entwickelt und findet heute weltweit Anwendung im Verkehrsraum. Parallel führten Entwicklungen von Verkehrsberuhigung in der Schweiz, Belgien, Frankreich und Österreich zur straßenverkehrsrechtlichen Einführung der Fußgängerzone, der Wohnstraße und der Begegnungszone, die Fußgänger bevorzugen, und in Deutschland seit den 1980er Jahren zum verkehrsberuhigten Bereich, der sich auf Wohngebiete beschränkt.

Von 2004 bis 2008 wurde „shared space“ testweise im Rahmen des Infrastrukturförderprogramms „Interreg North Sea Region Programme“ der Europäischen Union in Städten, Gemeinden und Dörfern in Belgien, Dänemark, Deutschland, England und den Niederlanden verwirklicht.

Die Sitzung des Ortsbeirats findet am morgigen Mittwoch um 19.30 Uhr im Stadtteilzentrum, Dietrich-Bonhoeffer-Straße 16, statt.

Von Till Conrad

26.10.2021
26.10.2021