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Marburg "Luther ist ein Vorbild für mich"
Marburg "Luther ist ein Vorbild für mich"
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00:18 29.04.2019
Seyran Ates, Gründerin der Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin, erhält am Samstag in Marburg den Preis „Das unerschrockene Wort“.  Quelle: Bernd von Jutrczenka
Marburg

Die Berliner Rechtsanwältin Seyran Ates erfährt für ihr Engagement für einen ­modernen ­Islam viel Zuspruch. Doch es gibt auch Morddrohungen gegen sie, deshalb steht sie unter Polizeischutz. Im Sommer 2017 hatte die Tochter einer türkischen Mutter und eines kurdischen Vaters im Berliner Ortsteil Moabit die liberale Ibn-Rushd-Goethe-Moschee mitbegründet. Der Bund Lutherstädte in Deutschland zeichnet Ates für ihren Kampf für die Rechte muslimischer Frauen, für einen liberalen Islam, gegen Parallelgesellschaften und politisch-religiösen Extremismus aus. Der mit 10.000 Euro dotierte Preis wird ab 11 Uhr in der Lutherischen Pfarrkirche verliehen.

OP: Frau Ates, Sie werden den Preis „Das unerschrockene Wort“ der Lutherstädte erhalten. Was bedeutet es für Sie, einen Preis zu bekommen, der an den Reformator erinnert?

Seyran Ates: Das ist eine große Ehre für mich, weil ich an Reformation im Islam arbeite. Martin Luther ist ein großartiges Vorbild für mich. Man kann vielleicht das eine oder andere an ihm kritisieren. Aber ich sehe ihn in seiner Zeit, in der er gewirkt und gegen viele Widerstände gekämpft hat, als einen Menschen, an dem man sich orientieren kann.

OP: Wie Luther sind auch Sie bedroht worden. Sie stehen unter Polizeischutz.

Ates: Auch da ist Luther für mich ein großes Vorbild. Man trachtete­ ihm nach dem Leben, und rückblickend kann man sagen: Dass er überlebt hat, grenzt an ein Wunder. Aber er hatte eben auch seine Beschützer – seine Schutzengel und seinen Fürsten. Auch wir bekommen viel Unterstützung: Viele Spenden, moralische Unterstützung – und ich bekomme vom Landeskriminalamt Berlin Personenschutz dafür, dass ich meine ­Arbeit machen kann.

OP: Was motiviert Sie, trotz Anfeindungen und Drohungen für Ihre Überzeugung einzutreten?

Ates: Ich sehe all meine Vorbilder, die Freiheitskämpfer und Menschenrechtler, als Bestätigung dafür, dass es sich lohnt – weil sie etwas verändert haben. Ich hoffe, dass wir als kleine Moschee auch etwas verändern.

OP: Sie haben ein Buch geschrieben mit dem Titel „Der Islam braucht eine sexuelle Revolution“. Wie soll diese Revolution aussehen?

Ates: Wenn man sich den Titel anschaut, denkt man ganz schnell an das Büchlein „Die sexuelle Revolution“ von Wilhelm Reich. Er hat beschrieben, wie eine Gesellschaft von einer extremen Sexualisierung beeinflusst wird und wie sehr die Kontrolle­ der Sexualität dem Individuum und der Gesellschaft schadet. Bei der Lektüre­ des Buches habe ich große Parallelen gesehen zu den Erfahrungen, die ich als Menschenrechtsaktivistin und als junger Mensch in einer traditionellen Familie gemacht habe. Was Wilhelm Reich beschrieben hat für die damalige europäische Gesellschaft und das Christentum, gilt genauso für die muslimische Gemeinschaft. Dort wird sehr viel sexualisiert. Die sexuelle Revolution wäre demzufolge, die Beziehung der Menschen nicht auf die Sexualität zu reduzieren.

OP: Was heißt das konkret?

Ates: Natürlich wirken Menschen aufeinander sexualisierend, aber es soll nicht dermaßen im Vordergrund stehen, dass zum Beispiel geregelt wird, ob Männer und Frauen sich die Hand geben, ob Männlein und Weiblein im selben Saal beten oder Hochzeit feiern dürfen, ob Mädchen Schwimm­unterricht nehmen dürfen und so weiter. Die islamische Welt braucht einen gesellschaftlichen Umbruch, in dem es um das Verständnis zwischen den Geschlechtern geht und darum, was es heißt, in einer echten ­Demokratie zu leben.

OP: Sie sind Mitbegründerin der liberalen Ibn-Rushd-Goethe-Moschee in Berlin. Was ist dort besonders?

Ates: In unserer Moschee beten Männer und Frauen zusammen. Wir verurteilen keinen Menschen, wenn er sagt: Ich bin schwul, lesbisch, bisexuell, transsexuell oder intersexuell. Bei uns herrscht Geschlechtergerechtigkeit auf allen Ebenen: Eine Frau kann genauso wie ein Mann zum Gebet rufen, vorbeten und die Predigt halten. Wir legen den Koran und die Hadithen (islamische Überlieferungen) historisch-kritisch aus. Das heißt, wir orientieren uns daran, was der Sinn und Zweck des Geschriebenen war. Interreligiöser Dialog ist uns sehr wichtig, und unsere Türen sind auch offen für Menschen, die nicht an Gott glauben. Denn wenn wir an einen liebenden, barmherzigen Gott glauben, der alles erschaffen hat, dann gehören dazu auch Menschen, die nicht an ihn glauben. 

OP: Viele Menschen bezweifeln, dass man den Islam von innen heraus reformieren kann.

Ates: Das hat man damals über das Christentum genauso gedacht, als Luther gefordert hat: Jeder Mensch sollte die Bibel lesen und verstehen können. Als er kritisiert hat, dass der Ablasshandel nur dazu dient, die Pfaffen reich zu machen, hat man auch gedacht: Das wirst du nie ändern, weil sie die Macht haben. Wenn Menschen behaupten, der Islam sei nicht reformierbar, dann übernehmen sie das, was die so genannten Autoritäten und Mächtigen in der Religion mit viel Aggression, Gewalt und Geld verbreiten. Nur Macht und Gewalt erhält das Gerüst aufrecht – wie damals in der Katholischen ­
Kirche.

OP: Sie haben das Stichwort Geld angesprochen. Sie fordern auch eine Reform der Finanzierung von Moscheen.

Ates: Auslandsfinanzierungen sollten aufhören. Die Muslime, die den fünf Säulen des Islam verpflichtet sind, sollen demnach 2,5 Prozent ihres ruhenden Netto-Kapitalvermögens für Religion und Gesellschaft spenden. Daraus lässt sich eine Art Moschee-Steuer begründen.

OP: Halten Sie Kopftuch-Verbote an Schulen für sinnvoll?

Ates: Ich halte das für sehr sinnvoll. Wenn wir als Gesellschaft der Meinung sind, dass Kinder erst ab 14 Jahren religionsmündig sind, dann sollte das für ­alle gelten. Es kann nicht sein, dass muslimische Kinder schon im Kindergarten oder in der Grundschule Kopftücher tragen und angeblich aus religiösen Gründen nicht am Schwimm- oder Sexualkunde-Unterricht teilnehmen dürfen. Wenigstens bis 14 Jahre sollte man Kinder Kinder sein lassen und nicht mit religiöser Symbolik und Frömmigkeit unter Druck setzen.

OP: Sie kommen zur Preisverleihung nach Marburg. Was verbinden Sie mit der Stadt?

Ates: Marburg ist in Hessen – mit Hessen verbinde ich sehr viel. Da habe ich Doppelkopf gelernt. Mein erster Freund stammte aus Gießen. In Hessen gibt es die Grüne Soße, das ist mein deutsches Lieblingsgericht. Und Marburg ist eine Studentenstadt, eine Stadt des Wissens, des Nachdenkens, des Lernens und der Reformen.

OP: Sie sind in Istanbul geboren, kamen mit sechs Jahren nach Deutschland und sind trotz aller Schwierigkeiten eine bekannte Anwältin und Publizistin ­geworden.

Ates: Es kommt hinzu, dass ich aus einer sehr armen Familie komme. Obwohl meine Eltern keine Akademiker waren und kein Deutsch sprachen, konnte ich eine akademische Karriere machen – weil ich in sehr gute Schulen gegangen bin. Ich war den größten Teil meiner Schulzeit das einzige türkische Kind in der Klasse. Ich konnte mich zwar in der Freizeit nicht mit Deutschen treffen, weil ich aus einer traditionellen Familie komme. Trotzdem habe ich in der Schule so viel mitbekommen, dass ich mich integrieren konnte. Viele­ Kinder haben diese Chance nicht mehr. Die Schule ist nicht mehr der Ort, wo sie Freiheit atmen können.

OP: Was sollte die Politik tun, um Zuwanderern bessere Integrationschancen zu geben?

Ates: Das größte Problem ist, dass die „nicht urdeutschen“ Kinder inzwischen mit ganz wenig Kontakt zur „urdeutschen“ Umgebung aufwachsen. Wenn sie die Gesellschaft nicht kennenlernen, dann können sie sich auch nicht integrieren. Wenn es schon nicht möglich ist, dass sie mit vielen deutschen Kindern in einer Klasse sind, dann sollte man an den Schulen Konzepte schaffen, damit dieser Kontakt hergestellt wird.

von Stefan Dietrich