Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Sexueller Missbrauch im Park: Rätsel um den Tathergang
Marburg Sexueller Missbrauch im Park: Rätsel um den Tathergang
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
20:00 08.07.2021
Vor dem Landgericht läuft ein Vergewaltigungsprozess gegen einen 41-jährigen Marburger. Foto: Tobias Hirsch
Vor dem Landgericht läuft ein Vergewaltigungsprozess gegen einen 41-jährigen Marburger. Quelle: Tobias Hirsch
Anzeige
Marburg

Im Prozess um eine mutmaßliche Vergewaltigung im Northampton Park beim Stadtfest 2019 hat es am Donnerstag vor dem Landgericht viele Zeugenaussagen gegeben. Im Zentrum standen Schilderungen von Ärzten, Polizisten und jene eines Freundes aus Stadtallendorf, der das Opfer (31) kurz vor der mutmaßlichen Tat besuchte und auch wenige Stunden danach bei ihr war, heute ihr Partner ist.

Welchen Eindruck die Zeugen von Gemütszustand und Verhalten sowohl der 31-Jährigen als auch des Angeklagten (41) hatten, wollte die Strafkammer unter Vorsitz von Dr. Sebastian Pfotenhauer wissen. „Sie hat geweint, gezittert, war aufgelöst“, so der Stadtallendorfer und schildert, was das Opfer ihm zum Tathergang sagte: Im Park gewaltsam von hinten gepackt, den Kopf auf eine Tischplatte gedrückt und sexuell missbraucht, „obwohl sie nein sagte“. Die Beziehung zum „aggressiven“ Angeklagten habe sie einige Wochen zuvor beendet, sie sei ihm „hörig“, habe „widerspruchslos gemacht, was er wollte“. Seit dem „3TM“-Vorfall mache man eine Paar-Therapie, denn „sie hat sich verändert, ist depressiv, schreckhaft. Vorher war sie lustig, jetzt nur noch traurig. Das ist alles sehr belastend.“

Ihren langjährigen Substitutionsarzt, den sie wegen ihrer langen Drogenabhängigkeit lange kennt, informierte die 31-Jährige vier Tage nach dem Vorfall. „Aufgewühlt, aber ohne konkret zu werden“, wie der 63-Jährige sagt. Seine Überweisung an die Uniklinik-Gynäkologie, um von Spezialisten forensische Beweise finden zu lassen, ignorierte sie und ging stattdessen zu ihrem niedergelassenen Arzt. Diesem gegenüber erzählte sie allerdings von einer Vergewaltigung zuhause, in der Ortenberg-Wohnung. „Im Park? Das ist mir ganz neu“, sagte der 59-Jährige beim Blick auf seine Akten-Notizen. Auch, dass die Frau noch vor der Untersuchung Sex mit ihrem Neu-Freund hatte, habe ihn „verwundert“ – nicht nur wegen der dadurch erschwerten Beweisaufnahme, die auch keine Vergewaltigungsspuren mehr zutage förderte.

Sperma-Nachweis auf Kleid, aber keine Spuren am Körper

Jedoch gibt es DNA-, genauer: Sperma-Spuren des Angeklagten auf dem zerrissenen Kleid, das die gelernte Krankenpflegerin am Tattag trug und ein Jahr nach dem Vorfall beim Aufräumen fand, dann der Polizei übergab.

Dass die 31-Jährige nicht schon in der Stadtfest-Nacht den von Fußgängern wegen eines lauten Streits in der Wohnung alarmierten Polizisten von dem Sex-Angriff erzählte, sei „nicht ungewöhnlich“. Das habe sie auch nicht an der Glaubwürdigkeit zweifeln lassen, zumal sie – mit Ausnahme des Frauenarztes – überall und immer wieder den gleichen Hergang geschildert habe, wie eine auf Sexualdelikte spezialisierte Polizisten, die das Opfer im Sommer 2020 vernahm, sagte. „Die Geschädigte war emotional aufgewühlt, das andauernde Erzählen und Wiedererleben war ihr zu viel.“ Das deckte sich mit dem Eindruck des Beamten, der das Opfer im Sommer 2019 vernahm: „Sie weinte, verstrickte sich nie in Widersprüche.“ Aber: Es gibt laut Gutachter, dem Rechtsmediziner Dr. Gerhard Kernbach-Wighton, keine Zeichen für jene Gewalteinwirkung, die zur Schilderung des Tathergangs passen. Zwar gebe es – sichtbar auf Fotos, die Frauenarzt und Freund in den Nach-Stadtfest-Tagen machten – mehrere Blutergüsse am Ober- und Unterkörper.

Und deren Entstehung vor allem durch Schläge oder Anstoßen würden auch zum Tatzeitraum passen. „Merkmale von Folgen der zu erwartenden Kraftentwicklung, also auch Schürfungen, die man eigentlich sehen müsste, sind aber nicht erkennbar“, sagt der Gutachter mit Verweis auf fehlende Verletzungsmuster etwa an Genick, Gesäß oder Gesicht. Die Verteidigung hält die Version der als Nebenklägerin auftretenden Frau für falsch, sie verweist neben deren Alkoholisierung – drei Promille wurden gemessen – unter anderem auf das stundenlange Zusammensein von ihr mit dem Angeklagten selbst nach der angezeigten Vergewaltigung.

Und das, obwohl eine Gruppe Studenten nach einem nachgelagerten Streit mit dem Mann auf offener Straße ihr anbot, bis zur Klärung durch die Polizei bei ihnen zu bleiben. „Viele Puzzlestücke passen einfach nicht zusammen.“

Staatsanwaltschaft und Nebenklage sehen das anders, sie halten die Aussage des Opfers für absolut glaubwürdig, die Indizien für ausreichend. Das Amtsgericht hatte den 41-Jährigen, der lange drogenabhängig ist, bereits Ende 2020 erstinstanzlich zu mehr als drei Jahren Haft verurteilt.

Von Björn Wisker

Marburg Virologie-Labor - Neues Virologie-Labor
08.07.2021
08.07.2021