Menü
Oberhessische Presse | Ihre Zeitung aus Oberhessen
Anmelden
Marburg Übergriffe und Pornokonsum gehören zum Alltag
Marburg Übergriffe und Pornokonsum gehören zum Alltag
Partner im Redaktionsnetzwerk Deutschland
19:58 26.02.2021
„Das Internet ist ein sehr gefährlicher Ort“, sagt eine Befragte, die selbst Opfer sexualisierter Gewalt geworden ist (Symbolfoto).
„Das Internet ist ein sehr gefährlicher Ort“, sagt eine Befragte, die selbst Opfer sexualisierter Gewalt geworden ist (Symbolfoto). Quelle: Karl-Josef Hildenbrand/dpa
Anzeige
Marburg

„Das Hauptrisiko für sexualisierte Gewalt im Jugendalter sind andere Jugendliche, in etwa Gleichaltrige, in der Schule und in anderen Lebensbereichen; das Risiko, betroffen zu sein, steigt mit dem Alter. Im Kindesalter dagegen geht von Erwachsenen das Hauptrisiko aus“, sagt die Erziehungswissenschaftlerin Professorin Sabine Maschke von der Uni Marburg. Sie stellte ihre zusammen mit dem Bildungsforscher Professor Ludwig Stecher (Uni Gießen) erarbeitete und vom Land Hessen in Auftrag gegebene dritte „Speak“-Studie zum Thema „Sexualisierte Gewalt in der Erfahrung Jugendlicher“ gemeinsam mit Hessens Kultusminister Professor Alexander Lorz am heutigen Freitag (26. Februar) bei einer Pressekonferenz vor und zog ein Gesamtfazit der Studienreihe.

Eine alltägliche Erfahrungswelt

Bei den vorangegangenen Studien standen die Erfahrungen von Schülern im Alter von 14 bis 16 Jahren an Regelschulen und Förderschulen im Fokus. Jetzt ging es um ältere Jugendliche im Alter von 16 bis 19 Jahren, die berufliche Schulen besuchen. „Die Ergebnisse zeigen in eindrücklicher Weise, dass sexualisierte Gewalt zur alltäglichen Erfahrungswelt der Mehrheit der Jugendlichen gehört“, zogen die Studienautoren ein Gesamtfazit der Studienreihe.

Je älter die Jugendlichen, desto ausgeprägter die Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt. Und vor allem weibliche Jugendliche sind besonders häufig betroffen. „Es zeigt sich angesichts der neuen Erkenntnisse umso mehr, dass alle weiterführenden Schulformen in vergleichbarer Weise von sexualisierter Gewalt betroffen sind“, sagte Kultusminister Lorz.

Verletzende sexuelle Witze

Für die Studie wurden mehr als 1.000 Schülerinnen und Schüler befragt. Zwei Drittel der Berufsschüler erleben demnach nicht-körperliche Formen sexualisierter Gewalt. Besonders häufig werden verletzende sexuelle Witze gemacht. Verbreitet sei eine sexualisierte und diskriminierende „Beschimpfungs-Kultur“.

Die jungen Frauen seien darüber hinaus besonders von Exhibitionismus und von sexuellen Belästigungen im Internet betroffen. „Das Internet ist ein sehr gefährlicher Ort“, berichtet eine Befragte. „Ich habe kürzlich einen Mini-Job gesucht. Nach drei Minuten hatte ich sieben Sexanfragen, drei Massage-Angebote und Anfragen, ob ich meine Nacktbilder verschicke. Ein ordentliches Jobangebot hatte ich bis heute nicht.“ Mehr als die Hälfte der jungen Berufsschülerinenn teilen auch mit, dass sie gegen ihren Willen angetatscht worden seien, und bei jeder vierten Befragten gingen die sexuellen Übergriffe noch darüber hinaus.

Eine veränderte Wahrnehmung

Als ernst zu nehmenden Befund nannte Maschke auch den auffallend hohen Pornografiekonsum männlicher Jugendlicher. Zwei Drittel der Befragten geben demnach an, „öfter“ Pornos anzuschauen. Die Studie zeige, dass sich gerade bei diesen Dauernutzern die Wahrnehmung ändere: Etwa jeder Vierte von ihnen finde nur noch die Körper schön, die er in Pornos sehe.

Maschke und Stecher empfehlen als Fazit der Studie, zusätzlich zum sexuellen Missbrauch durch erwachsene Täter in der Präventionsarbeit künftig den Fokus auch verstärkt auf sexualisierte Gewalt zwischen in etwa Gleichaltrigen zu richten.

Von Manfred Hitzeroth

Marburg Corona-Fallzahlen - 36 Neuinfektionen
26.02.2021
26.02.2021