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Marburg Der Seniorenheim-Schutzwall ist löchrig
Marburg Der Seniorenheim-Schutzwall ist löchrig
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13:59 25.11.2020
Bewohnerin Ruth Birkheimer (88 Jahre) und Heimleiterin Dilara Gül vor dem Seniorenheim Landgrafenblick im Vitos-Park in Marburg.
Bewohnerin Ruth Birkheimer (88 Jahre) und Heimleiterin Dilara Gül vor dem Seniorenheim Landgrafenblick im Vitos-Park in Marburg. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Der Seniorenheim-Schutzwall bleibt löchrig: Eigentlich sollen mittlerweile in allen Alten- und Pflegeheimen Corona-Schnelltests nicht nur verfügbar, sondern auch regelmäßig für alle Bewohner, Mitarbeiter und auch Besucher im Einsatz sein.

Aber: „Das funktioniert nur in der Theorie“, sagt Johannes Lang, Pflegedienstleiter der Marburger Altenhilfe, die am Richtsberg, im Südviertel und in Cölbe Heime – Gesamtumfang mehr als 200 Plätze – betreibt.

Dass es in der Praxis nicht klappt, das Konzept „Seniorenheim-Schutzwall“ scheitert, hängt vor allem an einer rechtlichen Hürde: Die Tests, die Abstriche dürfen bisher nur von medizinischem Fachpersonal, im Fall von Altenheimen also etwa dreijährig ausgebildeten Pflegefachkräften durchgeführt werden.

„Das schränkt die Test-Möglichkeiten stark ein. Um laut den Empfehlungen regelmäßig zu testen, müssten wir zwei Mitarbeiter nur für Tests abstellen“, sagt Lang. Denn: Der Schnelltest, dessen Ergebnis tatsächlich binnen 20 Minuten vorliegt, sei für die Tester „nicht schnell gemacht“.

Können Medizinstudenten helfen?

An- und Ausziehen der Schutzkleidung, Einweisung und Erklärung, Dokumentation, im Positivfall Meldung an das Gesundheitsamt, gerade bei Besuchern vorherige Terminfindung: Das müsse neben dem Tagesgeschäft, den pflegerischen Kernaufgaben geschehen. Würde man also verstärkt auf Tests setzen, „bleiben andere Sachen, auch Bedürfnisse der Bewohner auf der Strecke. Es kann sich ja niemand zerreißen“.

In Marburg drängt man nun auf ein Okay, Medizinstudenten einsetzen zu können. Zumindest solche, die schon ein paar Semester eingeschrieben und keine Neulinge mehr sind. Die Politik hat zum Einsatz Fachfremder zwar Ja gesagt. Allerdings liegt die Verantwortung, die Haftung bei den Trägern.

„Das Risiko ist zu hoch, das geht vermutlich keiner ein“, sagt Lang. So oder so: Bevor die Testpersonal-Frage nicht geklärt sei, würde man etwa bei Angehörigen von Heimbewohnern „falsche Hoffnungen und Erwartungen wecken“. Von Reihentests, der Einbeziehung von Menschen außerhalb der Bewohner- und Mitarbeiterschaft sei man vielmehr noch „weit entfernt“.

Bestellte Tests sind noch nicht da

Die Marburger Altenhilfe konzentriert sich mit ihren 1.000 bestellten Tests auf die Strategie, die zu Pandemie-Beginn politisch vorgegeben, bundesweit umgesetzt wurde: Es wird ein Monitoring durchgeführt, dabei werden zum Beispiel häufige Symptome – Körpertemperatur ab 37,8 Grad, Husten, Geschmacksverlust – abgefragt und erfasst. Bei begründetem Verdacht wird getestet. Nun eben nicht mit dem PCR-, sondern dem Schnelltest. „Wir haben nun die Möglichkeit, frühzeitig reagieren, Betroffene schnell isolieren zu können und nicht zwei, drei Tage mit der Gefahr leben zu müssen.“

Während man beim kommunalen Anbieter also 1.000 Schnelltests vorrätig hat, warten viele andere Seniorenheime in der Universitätsstadt weiter auf die Technik, die Hausärzte wie Dr. Ulrike Kretschmann oder Dr. Martin Heinzl als „Schlüssel zum Leben mit der Pandemie“ bezeichnen. In allen Marburger Stadtteilen gibt es Klagen darüber, wie schleppend die Möglichkeit für Seniorenheim-Schnelltests anläuft. „Wir ärgern uns. Die Lieferzeiten sind unendlich lang“, sagt etwa Dilara Gül, Leiterin des Heims „Landgrafenblick“ auf dem Vitos-Gelände.

Anfang November habe man 900 Tests – die Preise schwanken zwischen 6 und 16 Euro pro Stück – bestellt, aber vor frühestens Mitte Dezember würden diese nicht ausgeliefert. Rund 8.000 Euro habe man bezahlt, nun bekomme man aber nicht mal kleine Teilmengen. „Wir wollen aber nicht stornieren, aus Angst davor, dass es dann noch länger dauert.“ In der Einrichtung, in der 57 Menschen leben, seien viele, „die ein hohes Risiko mit sich tragen“. Auch unter Angestellten, Aushilfen oder Menschen aus Großfamilien gebe es diese. Und trotzdem könne man weiterhin keine Testungen durchführen.

20 Tests pro Monat werden übernommen

Möglich sind solche Tests auf dem Papier seit Mitte Oktober. Eine Bundesverordnung, die auch die Erstattung der Kosten (sieben Euro pro Test) vorsieht, gibt es seitdem. 20 Tests pro Monat und Heimbewohner sollen laut Hessischer Landesregierung erstattet werden. Dafür müssen die Träger der Heime ein Testkonzept bei den Gesundheitsbehörden einreichen. Alleine für die Richtsberg-Einrichtung der Marburger Altenhilfe – dort leben 80 Menschen – wären das 1.600 Schnelltests.

Man plane im „Landgrafenblick“, die Testungen allen Besuchern anzubieten – auf freiwilliger Basis. Die Besucher müssten dann ein Besucherformular ausfüllen, einen Raum im Obergeschoss aufsuchen und würden dort von einer Pflegefachkraft getestet. Bei negativem Ergebnis können dann die Angehörigen besucht werden. Bewohner würden getestet, wenn Sie Symptome aufweisen, oder wenn sie aus dem Krankenhaus ins Heim verlegt werden.

Vorsorglich würden Bewohner nach einem Klinikaufenthalt für fünf Tage in Quarantäne gehen, erst bei einem dann folgenden negativen Test werden sie aus der Quarantäne entlassen. „Das ist eine Vorsichtsmaßnahme, da in der Vergangenheit Bewohner aus der Klinik nach mehreren Tagen als Kontaktperson einer infizierten Pflegekraft aus der Klinik informiert wurden, dass sie Kontaktperson sind“, sagt Gül.

Virologe stützt Hausärzte-Vorschlag

Der kürzlich von der Marburger Hausärztin Dr. Ulrike Kretschmann als Projekt für die Universitätsstadt angeregte Seniorenheim-Schutzwall ist nun von Virologie-Professor Alexander Kekulé als bundesweiter Weg zu einem „weitgehend normalen Wirtschafts- und Sozialleben“ aufgegriffen worden.

Der Wissenschaftler fordert aktuell die Reduzierung der Einschränkungen bis zur Impf-Offensive auf wenige Bereiche: Bewohner von Altenheimen beziehungsweise Krankenhaus-Insassen sollen einen „virologischen Schutzschirm“ bekommen, also regelmäßige PCR- und Corona-Schnelltests sowie FFP2-Masken.

Das wäre der Weg, zu dem viele Hausärzte aus dem Marburg-Biedenkopfer Ärztenetzwerk „PriMa“ schon seit langem raten.

Eine Maskenpflicht solle laut Kekulé bis zur wohl ab Anfang 2021 anlaufenden Massen-Immunisierung nur noch im öffentlichen Nahverkehr, Behörden, Kirchen und Geschäften sowie bei Versammlungen von mehr als 20 Personen in geschlossenen Räumen gelten. In Schulen seien hingegen regelmäßige Tests ausreichend.

Von Björn Wisker

25.11.2020
25.11.2020