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Marburg Selbstversuch mit Blindenstock
Marburg Selbstversuch mit Blindenstock
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07:58 10.09.2021
Blista-Mitarbeiter Christian Gerhold (links) lotst Polier Bastian Rödding durch die Baustelle.
Blista-Mitarbeiter Christian Gerhold (links) lotst Polier Bastian Rödding durch die Baustelle. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Vorsichtig. Schrittchen für Schrittchen tastet sich Harald Schröder vor. In der Hand hält er einen Lanstock – im Volksmund besser bekannt als Blindenstock, mit dem er in typischer Wedel-Bewegung den Straßenboden absucht nach Hindernissen. Der Leiter des Fachdienstes Straßenverkehr bei der Stadt Marburg ist eigentlich nicht blind. Doch für diesen ungewöhnlichen Selbstversuch hat er sich mittels einer blickdichten Augenbinde selbst die Sicht genommen.

„Wir sind sonst eigentlich nur in der Theorie unterwegs, deshalb ist es gut, dass wir das mal machen“, findet Schröder, der nicht der Einzige ist, der an diesem Tag mit Augenbinde und Blindenstock auf dem Gelände des Dienstleitungsbetriebes Marburg (DBM) am Krekel unterwegs ist. Die Stadt Marburg hat diese besondere Schulung neben Mitarbeitern der Straßenverkehrsbehörde und des DBM auch Bau- und Verkehrssicherungsunternehmen ermöglicht. Sprich – allen, die in der Stadt Marburg am Einrichten von Baustellen beteiligt sind. Sie alle sollen hautnah erleben, wie es für blinde oder sehbehinderte Menschen ist, eine Baustelle zu queren.

Es ist gar nicht so einfach, wie die freiwillig Blindgestellten schnell merken. „Da wäre ich jetzt voll davor gelaufen“, sagt ein Teilnehmer und tastet mit der Hand am großen Baustellenfahrzeug entlang, dessen Ladefläche seinem Kopf gefährlich nahe gekommen ist, weil er mit dem Blindenstock unter dem Lkw ins Leere getastet hat. „Deshalb ist es wichtig, dass die Tastleisten an Baustellen maximal 15 Zentimeter hoch sind“, erklärt Manfred Fuchs. Er ist an der Blista für die Stabsstelle Bau und Barrierefreiheit zuständig.

Zusammen mit seinem Blista-Kollegen Christian Gerhold erläutert Fuchs, welche Tücken für blinde und sehbehinderte Menschen im Straßenverkehr stecken können. „Eine Baustelle lässt sich natürlich nicht vermeiden, aber ich kann die Streckenführung sehr gerade einrichten oder noch zusätzlich Hindernisse einbauen“, erklärt Gerhold. Damit Letzteres möglichst nicht vorkommt, werden die Bau- und Verkehrsexperten dafür sensibilisiert, wie sie Baustellen möglichst sicher einrichten können.

Selbstversuch mit Augenbinde und Blindenstock. Quelle: Nadine Weigel

Und siehe da, den „blinden“ Schulungsteilnehmern werden plötzlich die Augen geöffnet. „Da wird man erst mal drauf hingewiesen, was man an so manchen Baustellen doch noch verbessern könnte“, sagt Bernd Ludwig vom DBM und nennt gleich ein Beispiel: „Es gibt so Platten, bei denen man die Füße gar nicht mehr im Baustellenbereich hat, so etwas wäre vielleicht noch mal eine Anschaffung wert.“

Auch Bastian Rödding ist, nachdem er sich durch die Baustelle getastet hat und an einer Gitterbox hängen geblieben ist, nachhaltig beeindruckt. „Es ist wichtig, auch klare, saubere Kanten bei den Bordsteinen zu haben, damit man überhaupt eine Führung wahrnehmen kann“, betont er und gibt zu, dass ihm das vorher gar nicht so bewusst war.

Sichere Baustellen

Doch nicht nur für die rund 2.000 Blinden und Sehbehinderten, die in Marburg und im Landkreis leben, ist eine sichere Baustelle wichtig. Auch für Menschen, die aufgrund ihres Alters eine eingeschränkte Sicht haben, sind gut gesicherte Baustellen wichtig. Das wird den Teilnehmern beim letzten Versuch bewusst, bei dem sie eine verschwommene Brille aufbekommen.

„Man erkennt zwar etwas dadurch, aber nur, wenn es wirklich kontrastreich ist“, resümiert Michael Hagenbring von der Straßenverkehrsbehörde, nachdem er den grauen Plastikfuß der Absperrung auf der grauen Straße übersehen hat. Nach so viel Erkenntnisgewinn der Teilnehmer kann man eigentlich sicher sein: Jetzt werden Marburgs Baustellen noch einen Tick blindenfreundlicher.

Von Nadine Weigel

09.09.2021
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