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Marburg Selbstlos-Gruppe will Spenden lehren
Marburg Selbstlos-Gruppe will Spenden lehren
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15:59 04.05.2020
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Marburg

Uneigennützigkeit, Selbstlosigkeit – das bedeutet Altruismus. Der sogenannte Effektive Altruismus ist eine zuletzt populär gewordene Denkschule, die eine rationale, unsentimentale Sicht auf Mitleid, Barmherzigkeit und karitatives Engagement verlangt. Der Kosten-Nutzen-Effekt soll demnach so optimiert werden, dass mit den vorhandenen Mitteln – etwa Geld und Zeit – möglichst viele Menschen gerettet und das Wohlergehen der größtmöglichen Zahl von Leuten gesteigert werden könne. Als Mittel dazu dienen Anhängern dieser sozialen Bewegung wissenschaftliche Erkenntnisse und rationale Argumente.

In der Universitätsstadt sind Peter J. (39), Marie V. (27), Kirsten B. (24) und Lars G. (27) die Vorreiter dieser Philosophie. „Für alle guten Absichten ist es besser, wenn neben dem Herz auch das Hirn eingeschaltet wird“, sagt Janicki. Emotionen und Verstand zu koppeln tue gerade in der bevorstehenden Advents- und Weihnachtszeit – den Hochzeiten von Spendenbereitschaft – Not. Die zentrale Frage, die sich jeder stellen müsse, laute: Was kommt bei dieser und jener Hilfeleistung rum? Der Gruppe geht es um die Maximierung des Nutzens jedweder Spende, jedwedes ehrenamtlichen Engagements. „Gutes kann man noch besser machen“, sagt er.

Anleitungen zum richtigen Helfen geben

Wie? Das richtige Helfen ­basiert auf Statistiken, auf ­wissenschaftlicher Erkenntnis. So gibt es Beispiele, in denen ­eine 100-Euro-Geldspende an ­eine hocheffektive Organisation ein Vielfaches mehr bewirkt als 100 Euro an ein scheinbar ­attraktives Projekt zu überweisen. Schulbücher für afrikanische Kinder, mehr Lehrer, bessere Schulbauten: All das war in einem konkreten Fall weniger effektiv für den Bildungserfolg von Kindern als kostengünstige Kuren gegen Darmparasiten, die dazu beitragen, dass Schüler weniger fehlten und konzentrierter lernten. „Solche Domino-Effekte erzeugen, die die eigentliche Problem-Ursache bekämpfen – dafür muss man genau hinschauen, und für solche Wirkungsweisen wollen wir das Handwerkszeug liefern“. „Die Beweislage, welcher Mitteleinsatz zielführend ist, ist klar auf unserer Seite“ mit Verweis auf Forschungsergebnissen. „Wir wollen aufzeigen, was den Lauf der Dinge tatsächlich, nicht nur gefühlt ändern kann“, sagt Lars G.

Es gehe der EA-Gruppe darum, dass man sich als Spender, als Hilfeleistender stets Wirkungsgedanken machen solle. „Wir kennen aber nicht dieses eine wichtige Thema, der Verkaufsgedanke, dass eine bestimmte Sache wichtiger wäre als ein anderes Anliegen, ist uns fremd. Wir denken zusammenhängend, global, innovativ“, sagt Kirsten B.

Die EA-Ortsgruppe sieht es laut Marie V. als ihre Aufgabe an, „diese Haltung, dieses Gespür weiterzugeben“. Neben Vortragsreihen will der Verein künftig an Schulen, Kirchen, in Parteien aktiv werden, dort Diskussionsrunden veranstalten und für die Themen sensibilisieren. „Uns geht es nicht um Strukturveränderungen in Vereinen, wir wollen unseren Leitgedanken bekannt machen.“

Das Wissen, dass der eigene Einsatz für ein Projekt – egal ob in Naturschutz, Hunger­bekämpfung, Gesundheitsversorgung oder anderen Bereichen – faktisch, nachweis- und nachprüfbar etwas bewirke und nicht nur das Gewissen beruhigt werde, löse „ein richtiges Hochgefühl aus“, sagt Lars G. 

von Björn Wisker