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Marburg Selbstinszenierung mit reichlich Pomp
Marburg Selbstinszenierung mit reichlich Pomp
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11:58 26.05.2021
Aufmarsch vor der Behring-Büste im Jahr 1940 bei der Behring-Gedenkfeier.
Aufmarsch vor der Behring-Büste im Jahr 1940 bei der Behring-Gedenkfeier. Quelle: Archivfoto
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Marburg

An die Marburger Behring-Gedenkfeier im Jahr 1940, die inmitten der Kriegszeit im Nationalsozialismus stattfand, erinnerte die Medizinhistorikerin Dr. Kornelia Grundmann in der Vortragsreihe zur Geschichte der Marburger Behringwerke. Es war eine konzertierte Aktion der Stadt Marburg, der Universität Marburg und der Behringwerke, die vom 4. bis zum 6. Dezember in Marburg über die Bühne ging.

Ziel sei es gewesen, in Anwesenheit von fast 450 geladenen Gästen aus 17 Staaten die Erinnerung an den bereits im Jahr 1917 verstorbenen langjährigen Marburger Professor hochzuhalten. Anlass war der 50. Jahrestag von Behrings im Jahr 1890 noch in seiner Berliner Zeit in der Deutschen Medizinischen Wochenschrift verfassten Schrift über das von ihm zusammen mit dem Japaner entwickelte Diphtherie- und Tuberkulose-Heilserum. Damit hatte Behring nicht nur seinen Ruf als „Retter der Kinder“ begründet, sondern auch den Grundstein für seine Auszeichnung elf Jahre später mit dem ersten Medizin-Nobelpreis überhaupt gelegt.

Aushängeschild der Marburger Universität

„Behring war Marburgs Aushängeschild der großen Jahre der Marburger Universität“, erinnerte Grundmann. Und an diese Jahre, in denen auch andere bedeutsame Wissenschaftler wie der Chirurg Ferdinand Sauerbruch oder der spätere Nobelpreisträger Albrecht Kossel in Marburg aktiv waren, sollten die Gedenkfeier und die damit verknüpfte Tagung erinnern und vor allem die Rolle des verstorbenen Behring als „großen deutschen Forscher“ noch einmal besonders herausstreichen.

Gleichzeitig bot die laut Kornelia Grundmann mit großem Pomp inszenierte Veranstaltung auch die Gelegenheit zu einer Selbstpräsentation der nationalsozialistischen Gesundheitselite. So zählte Reichsinnenminister Heinrich Frick ebenso zu den Rednern beim einleitenden Festakt in der Alten Universität wie Reichsgesundheitsführer Conti, und eine Grußadresse des Führers Adolf Hitler schloss den Reigen der offiziellen Reden ab, bevor die Fachvorträge begannen.

Marburger waren Mitwisser der Fleckfieber-Versuche

Die folgende Tagung habe dem wissenschaftlichen Austausch von Bakteriologen und Infektiologen gedient, auch um die Überlegenheit der deutschen Forschung zu demonstrieren, erläuterte Grundmann. Und auch fast alle Referenten, bis auf eine Ausnahme, waren mehr oder weniger eng in das NS-Gesundheitssystem verstrickt, machte Kornelia Grundmann bei ihrem Vortrag deutlich, in dem sie deren Biographien erläuterte. So sei ein großer Teil der Wissenschaftler oder Vertreter der Marburger Behringwerke in der Zeit zwischen 1939 und 1945 direkt oder zumindest als Mitwisser an den Fleckfieber-Versuchen an Menschen im Konzentrationslager Buchenwald beteiligt gewesen.

Die Themen der Vorträge waren beispielsweise der Stand der Forschungen in Sachen Pockenschutzimpfungen, aber auch die lebensrettende Wirkung von Behrings Tetanus-Heilserum. Alle diese Redner waren ausgewiesene Experten auf ihren Fachgebieten. „In den Kriegsjahren machten sich die NS-Politiker dieses Wissen zunutze“, sagt die Marburger Medizinhistorikerin. Sie hätten sich in den Dienst des nationalsozialistischen Gesundheitssystems gestellt. „Kaum einer von ihnen wurde nach Kriegsende zur Verantwortung gezogen“, ergänzte sie. Hätten die Wissenschaftler ihre Handlungsspielräume nutzen können, fragte der Vortragsreihen-Organisator, der Sozial- und Wirtschaftshistoriker Professor Christian Kleinschmidt? Für die Forscher wäre dies schwer geworden, denn sie wären dann wohl aus der wissenschaftlichen Gemeinschaft ausgeschlossen worden, mutmaßte Grundmann.

Ungeachtet dieser politischen Hintergründe sei die Behring-Gedächtnisfeier jedenfalls für die Initiatoren eine gelungene Inszenierung der Verdienste des Gründers der Behringwerke gewesen. Ein prunkvoller Bildband wurde erstellt, und sogar eine Sendung für das damals noch ganz junge Medium Fernsehen wurde erstellt, in der nach Darstellung Grundmanns wissenschaftliche Information mit Unterhaltung verknüpft wurde.

Kinder blieben weitestgehend außen vor

Und auch die Marburger Bevölkerung nahm reichen Anteil an der Behring-Feier, vor allem an dem nach außen hin sichtbaren öffentlichen Teil. So zogen die Professoren der Universität in Talaren durch die Oberstadt hinunter bis vor die Elisabethkirche. Dort war eigens ein neuer Platz geschaffen worden, auf dem flankiert von Fahnen des NS-Regimes eine von der Stadt Marburg gestiftete und heute noch am selben Ort befindliche Büste öffentlich enthüllt wurde, die Emil von Behring darstellt.

Bei aller Hofierung der dem Regime genehmen Ehrengäste blieben allerdings die Kinder des Geehrten wegen der jüdischen Abstammung seiner Ehefrau Else trotz einer Einladung weitestgehend außen vor. Sie saßen bei dem feierlichen Abendessen in den Stadtsälen auf Randplätzen, erläutert Grundmann. Insofern sei wohl auch eine Rehabilitierung Behrings eher nicht von den Organisatoren der Gedenkfeier beabsichtigt worden.

Von Manfred Hitzeroth