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Marburg Wenn die Toilette in der Nähe sein muss
Marburg Wenn die Toilette in der Nähe sein muss
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13:58 22.10.2020
Karin Eckstein möchte eine Selbsthilfegruppe für Betroffene mit Urin- und Stuhlinkontinenz gründen. Quelle: Privatfoto
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Marburg

Karin Eckstein hat zwar ein sonniges Gemüt, aber dass sie ihren Stuhlgang nicht mehr unter Kontrolle hat, das belastet die 75-jährige Marburgerin. Nach etlichen Operationen am Anus aufgrund von Thrombosen und Fissuren funktioniert der Schließmuskel nicht mehr. „Wenn es anfängt zu laufen, dann können sie es nicht aufhalten“, erklärt die ehemalige Krankenschwester.

„Das war so erniedrigend. Das wünscht man keinem.“

Die rüstige Rentnerin hadert mit ihrer Inkontinenz. Sie ist ansonsten körperlich fit, ihr Freundeskreis ist in Deutschland verteilt, sie reist so gerne ans Meer. Seit einem sehr schlimmen Erlebnis vor zwei Jahren ist ihre Reiselust zwar immer noch groß, aber der Mut ist weg.

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Karin Eckstein besuchte eine Freundin im Süden von Deutschland, und als die beiden Frauen in der Stadt unterwegs waren, „lief es aus mir raus“, erzählt sie mit gesenktem Blick. Sie erinnert sich an die große Scham, die sie befiel, weil sie keinerlei Einfluss mehr hatte, den Stuhlgang nicht aufhalten konnte. „Die Hose hing runter, ich fiel, die Knie waren offen und entzündeten sich später durch den Kot.“ Es fällt ihr heute noch schwer, darüber zu reden. „Das war so erniedrigend. Das wünscht man keinem.“ Danach verlässt Karin Eckstein ein Jahr lang das Haus nicht – ist traumatisiert.

Nur mithilfe einer Bekannten meistert sie den Alltag. „Sie hat für mich eingekauft oder andere Erledigungen übernommen. Ich hatte doch ansonsten keine Hilfe. Von der Krankenkasse gab es da keine Unterstützung. Ich wäre hier verhungert“, erinnert sie sich.

Karin Eckstein informiert sich im Internet, durchstöbert Fachliteratur und Foren. „Wenn man nicht raus kann, muss man drinnen was Produktives leisten“, sagt sie und verfährt auch heute noch so. Auch wenn sie durch eine Kur in Reinhardshausen wieder mehr Mut und Selbstvertrauen hat. „Am Anfang wollte ich nicht über meine Inkontinenz reden. Das ist mir wirklich schwergefallen. Aber die Gespräche mit den anderen Patienten haben mir sehr geholfen. Ich bin nicht allein, und ich schäme mich nicht allein. Das hat viel bewirkt“, beschreibt sie ihre Erlebnisse.

„Wir untereinander wissen am besten, was uns hilft.“

Karin Eckstein ist sich sicher, dass andere Menschen ebenso unter der Inkontinenz leiden. Und sie ist sich sicher, dass auch ihnen Gespräche helfen würden.

„Deshalb möchte ich eine Selbsthilfegruppe gründen“, sagt sie motiviert. Sie weiß, dass es für Betroffene nicht einfach ist, das Haus zu verlassen und sich in Gesprächen zu öffnen. „Aber es hilft“, weiß die rüstige Rentnerin und ergänzt noch: „Immer nur zum Therapeuten zu laufen, das reicht nicht. Der Kontakt zu Gleichgesinnten ist viel besser.“

Denn auch bei den Medizinern oder Beratern ist die Hilfe begrenzt. „Aber wir untereinander wissen doch am besten, was uns hilft, welche Lebensmittel gut für uns sind und nicht gleich abführend wirken. Ich habe zum Beispiel gute Erfahrungen mit Joghurt und Heidelbeeren gemacht“, zählt sie auf.

Seit einem Jahr hat sie einen Darmschrittmacher, der über eine Elektrode Impulse an die Sakralnerven abgibt, um den Schließmuskel wieder zu stimulieren. „Ja, es ist besser geworden. Dennoch fahre ich nur noch mit meinem eigenen Auto, vermeide lange Aufenthalte außerhalb von meiner Wohnung.“

Nie kann sie im Vorfeld sagen, „ob was kommt, oder nicht. Manche Tage habe ich gar keinen Stuhlgang, manche Tage kommt es stündlich. Das nervt und schränkt mich sehr ein.“ Dennoch will sie nicht aufgeben und weiter versuchen, ein normales Leben zu führen. „Ich bin doch so gerne am Meer. Da möchte ich nochmal hin.“

Alle, die sich angesprochen fühlen und Interesse daran haben, in einer Selbsthilfegruppe mitzuwirken, können sich an die Selbsthilfekontaktstelle Marburg unter den Telefonnummern 06421 / 17 69 936 oder 06421 / 17 69 934 wenden.

Von Katja Peters

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