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Marburg Mit dem Indianerblick Grenzen setzen
Marburg Mit dem Indianerblick Grenzen setzen
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12:58 10.10.2020
Atul (rechts) versucht Bretter zu zerschlagen. Das gibt ihm Selbstbewusstsein, weil er sich das selbst gar nicht zugetraut hätte. Quelle: Christian Jorgow
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Marburg

Jede dritte Frau und jeder vierte Mann mit kognitiven Einschränkungen hat schon einmal sexualisierte Gewalt erfahren. „Das non-verbale ,Nein’ wird oft nicht gehört“, berichtet Angie Zipprich, Mitarbeiterin der AG Freizeit am Krummbogen.

Im offenen Treff haben Besucher ihr immer wieder von Übergriffen an der Arbeit oder zu Hause berichtet. Daraus sind dann die beiden Kurse „Frauenrunde“ und „Männerrunde“ entstanden. Die Stadt Marburg hat die beiden Selbstbehauptungskurse in ihren zweiten Aktionsplan der EU-Charta aufgenommen.

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Kürzlich trafen sich Tobi, Joe, Atul und Thomas mit Christian Jorgow und Sebastian Wernicke zur „Männerrunde“. „Sonst sind es doppelt so viele Teilnehmer“, sagt Trainer Christian Jorgow, der einige Teilnehmer des Kurses schon kannte. „Es waren Wiederholungstäter dabei. Aber das ist auch gut. Öfter üben ist sowieso besser.“

Der Grundbaustein ist: Ich höre auf meine Gefühle. „Was uns unser Bauchgefühl sagt, nach dem gehen wir“, sagt Kursteilnehmer Thomas und ergänzt: „Wir haben gelernt, ,Ja’ und ,Nein’ zu sagen. ,Ja’, wenn wir etwas möchten und ,Nein’, wenn wir etwas nicht möchten.“ Das wird in dem Kurs spielerisch geübt, aber schon mit möglichem Situationscharakter.

Übung mit Kampf um die Trinkflasche

Trainer Christian Jorgow fragt: „Und wenn euch etwas zu nahe geht oder zu viel wird? Was sagt ihr dann?“ „Stopp“, rufen alle aus einem Munde, bis auf Joe. Er ist Autist und kann sich verbal nicht äußern. Er und auch die anderen Teilnehmer lernen, Hilfe zu holen. Und ganz wichtig: Dem anderen dabei in die Augen zu schauen und ernst zu bleiben. „Das ist ganz wichtig, um bei einem ,Nein’ oder ,Stopp’ ernst genommen zu werden“, betont Christian Jorgow. „Indianerblick“, nennt einer der Teilnehmer das.

Immer und immer wieder wird die Selbstbehauptung geübt, in unterschiedlichen Situationen. Wie beispielsweise mit der Flasche, die Atul festhält und die anderen Kursteilnehmer ihn davon überzeugen sollen, sie herzugeben. Es wurde gebettelt und Geld geboten, sogar ein Handy. Atul bleibt standhaft.

„Wer nicht ,Nein’ bei einer Trinkflasche sagen kann, der kann es auch nicht bei sexualisierten Übergriffen“, erklärt Christian Jorgow, der jetzt seit anderthalb Jahren Trainer bei der „Männerrunde“ ist. Oft fällt es den Männern auch schwer, bei den Eltern Grenzen zu setzen. „Das ist wirklich ein besonderes Beispiel“, sagt der 30-jährige Soziologe. „Aber man darf auch bei ihnen ,Nein’ sagen“, stellt er noch einmal klar, „egal, ob es um eine Trinkflasche geht oder um Nähe.“

Abhängigkeit schafft Gelegenheit für Täter

Sich abgrenzen, auf das eigene Bauchgefühl hören, non-verbal zu kommunizieren, Grenzen zu akzeptieren – das lernen die Kursteilnehmer in ein- oder mehrtägigen Workshops. Denn die Täter, darunter auch Frauen, kommen aus allen Schichten. Und sie sind nicht leicht zu erkennen.

„Vor allem die Abhängigkeitsverhältnisse der Beeinträchtigten sind gute Gelegenheiten für Täter“, erklärt Angie Zipprich, der es auch wichtig ist, dass die Männer nicht nur Stärke lernen, sondern auch Schwäche zulassen. „Die Frauen lernen beispielsweise auch Entspannungstechniken. Da gibt es bei den Kursen schon unterschiedliche Herangehensweisen“, sagt die Trainerin, die im offenen Treff nicht selten sieht, wie die Besucher ihr Gelerntes auch anwenden.

Genau für diesen Treff sucht die AG Freizeit neue Räume. Das Haus am Krummbogen soll verkauft werden, der neue Eigentümer will es anschließend selbst nutzen. Die neuen Räume müssen barrierefrei zugänglich und mit den öffentlichen Verkehrsmitteln gut zu erreichen sein. „Ich hoffe sehr, dass wir eine Alternative finden“, bleibt Angie Zipprich optimistisch.

Termin „Frauenrunde“: 23. bis 25. Oktober, Wochenend-Workshop mit Übernachtung in Arnsheim/Vogelsberg.

Termin „Männerrunde“: 27. bis 29. November, Wochenend-Workshop mit Übernachtung in Dautphetal-Holzhausen.

Anmeldungen: AG Freizeit, Am Erlengraben 12a, 35037 Marburg, E-Mail:  info@ag-freizeit.de , Telefon: 06421/1696760.

Von Katja Peters