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Marburg Cannabis: Therapie steht noch am Anfang
Marburg Cannabis: Therapie steht noch am Anfang
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00:16 27.03.2019
Am 10. März 2017 wurde medizinisches Cannabis in Deutschland für schwer Kranke freigegeben. Es gibt unterschiedliche Arten von Cannabis-Blüten, die sich in ihrem THC/CBD-Gehalt unterscheiden. Quelle: Jan Woitas
Marburg

Seit dem 10. März 2017 ist es Ärzten möglich, Cannabisblüten zum Inhalieren an bedürftige Patienten als Medikament zu verschreiben. Hierbei schafft die Anwendung Abhilfe bei krampfhaften Schmerzen aller Art. Von Nervenschmerzen, Krebs, Multipler Sklerose (MS) und Darmerkrankungen, Cannabis kann Beschwerden lindern.

Darüber hinaus wird der Wirkstoff auch als letzte Möglichkeit bei kindlicher Epilepsie, Angststörungen oder anderen psychischen Erkrankungen oder auch bei HIV zur Appetitsteigerung angewendet.

Wichtig ist zu wissen, dass lediglich eine vorübergehende Verbesserung der Lebensqualität durch die Verwendung von Cannabis zu erwarten ist, jedoch keine Heilung der Krankheit. Wer dennoch an der Cannabis-Therapie interessiert ist, findet Beratung beim Arzt.

Ein Besuch beim Facharzt ist nicht nötig, denn alle Vertragsärzte sind befugt, Cannabis zu verschreiben. Oftmals wird eine Überweisung an einen Schmerztherapeuten veranlasst, da sich dieser mit dem Thema zumeist am besten auskennt. Des Weiteren haben alle gesetzlich Krankenversicherten unter bestimmten Voraussetzungen Anspruch auf die Verordnung des Medikaments.

Aktuelle Schwierigkeiten mit den Blüten als Arznei

Johanna Träger, Inhaberin der Marburger Sonnenapotheke, merkt an: „Zunächst ist wichtig, einen Unterschied zwischen den einzelnen Medikamenten festzustellen. Es gibt drei verschiedene Nutzungsweisen von Cannabis: das Extrakt, die einzelnen herausgefilterten Wirksubstanzen und die Cannabisblüten.“ Auf letzteren liege seit zwei Jahren nun der Fokus der Debatte.

Hier sieht Johanna Träger auch das größte noch bestehende Problem. Dadurch, dass sich viele Patienten die Blüten verschreiben lassen, die mit immensen Lieferschwierigkeiten verbunden seien, gestalte es sich sehr problematisch, das chronische Leiden eines Patienten mit dieser Methode zufriedenstellend behandeln zu können.

„Vielen Ärzten fehlt immer noch die Erfahrung mit der Verschreibung der Substanz. Die öffentliche Darstellung dieser Behandlung verspricht zudem mehr, als in dieser Form oftmals bedient werden kann“, so die Apothekerin.

Ein wichtiger Faktor bilden bei der Therapie auch die anfallenden Kosten. Diese übernehmen die Krankenkassen nur dann, wenn folgende Anforderungen erfüllt seien. Hierbei müssen sich die Krankenkassen an feste Vorschriften halten. Keine Kostenübernahme erfolgt, wenn noch nicht alle anderen Behandlungsalternativen von Arzt und Patient ausgeschöpft wurden oder andere erfolgreich waren.

Verschiedene Blütensorten auf dem Markt

Der Arzt müsse unter Berücksichtigung der möglichen Nebenwirkungen beurteilen, ob sich die Behandlung mit Cannabis positiv auf den Gesundheitszustand des Patienten auswirke. Nebenwirkungen der in Cannabis enthaltenen Wirkstoffe THC (Tetrahydrocannabinol) und CBD (Cannabidiol) müssen hier auf jeden Fall beachtet werden. THC ist der berauschende und psychogen wirkende Anteil in Cannabis, der zudem mehr Nebenwirkungen aufweist als CBD.

Diese Nebenwirkungen zeigen sich gegebenenfalls in Form von Benommenheit, Halluzinationen, Schwindel, erweiterte Wahrnehmung, Schwitzen, Herzrasen, einer Beeinträchtigung des Immunsystems und Angstzuständen.

Hierbei müsse die Anwendungsweise des Cannabis berücksichtigt werden. „Die Blüten sind sehr schwer einzuschätzen“, sagt Johanna Träger. „Das Kraut zu rauchen, entfaltet neben dem Hauptwirkstoff noch viele weitere unbekannte Stoffe, die Einfluss auf den Patienten haben. Wie beim Zigaretten Rauchen ist die Lunge zudem mit den Verbrennungsprodukten belastet.“

Dies stehe im Gegensatz zu den Medikamenten, die nur den Einzelwirkstoff beinhalten. Die Beliebtheit der Blüten ergebe sich durch schnelleres Eintreten der Wirkung, welche durch Inhalieren des Rauches eintritt.

Es gebe verschiedene Blütensorten auf dem Markt. Diese unterscheiden sich durch ihren THC/CBD-Gehalt. Aufgrund dieser Unterscheidung und der Gewinnungsweise sei eine lückenlose Versorgung noch nicht gewährleistet. Bei Cannabisblüten handelt es sich um Pflanzen, die lediglich erntebedingt verfügbar seien.

Strenge Kontrollen für importiertes Cannabis

„Wenn ein Patient die Behandlung mit einer bestimmten Cannabisblüte verschrieben bekommt, kann er sich auf eine Wartezeit von mehreren Wochen oder Monaten einstellen“, erklärt die Apotheken-Inhaberin. Wer länger auf die Blüten warten muss, kann vom Arzt auf verfügbare Extrakt oder den Reinstoff eingestellt werden.

Ab Ende 2020 wird die erste Ernte Deutschlands erwartet. Bisher sind Apotheken hierzulande noch auf Importe aus Kanada und den Niederlanden angewiesen. Ein weiterer Importeur könnte demnächst auch Israel werden.

Johanna Träger versichert, dass das importierte Cannabis strenge Kontrollinstanzen durchlaufe, bevor es beim Anwender ankommt. Die Blüten werden zuerst von einem pharmazeutischen Unternehmer auf Reinheit, Identität und Gehalt geprüft, ob es keine Verfälschung von Pestiziden gebe und die mikrobielle Belastung nicht zu hoch sei. Eine erneute, sehr aufwendige, Identitätsprüfung findet im Anschluss in den Apotheken statt.

Marburger Patienten können sich bei Interesse grundsätzlich beim Hausarzt und in der Apotheke informieren. Der Hausarzt wird in der Regel eine Weiterleitung zu einem Schmerztherapeuten veranlassen, der dann wiederum gut in Kontakt zu den Apotheken in Marburg steht.

von Julia Carp