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Marburg Für viele Frauen die letzte Rettung
Marburg Für viele Frauen die letzte Rettung
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20:15 24.11.2021
Häusliche Gewalt nimmt zu.
Häusliche Gewalt nimmt zu. Quelle: Archivfoto
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Marburg

Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal in ihrem Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. Etwa jede vierte Frau wird mindestens einmal Opfer körperlicher, psychischer oder sexueller Gewalt durch ihren aktuellen oder früheren Partner. Betroffen sind Frauen aus allen sozialen Schichten.

Diese Zahlen vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend sind alarmierend. Während dies aber der breiten Öffentlichkeit meist nur an einem Tag wie heute – am Tag gegen Gewalt an Frauen – bewusst gemacht wird, ist es für die Mitarbeiterinnen des Marburger Frauenhauses tägliche Realität.

Seit 40 Jahren hilft das Marburger Frauenhaus Opfern von Gewalt. Aus diesem Anlass gibt die Oberhessische Presse in vier Teilen Einblicke in die Arbeit des Frauenhauses. Im heutigen ersten Teil berichten Claudia Bergelt und Monika Galuschka, die selbst schon seit Jahrzehnten in der Einrichtung tätig sind, von der Entwicklung des Frauenhauses, und warum sie wenig Hoffnung haben, dass irgendwann Frauenhäuser nicht mehr gebraucht werden.

Gewalt geht auf ungleiche Machtverhältnisse zurück

Als Ursache für die Gewalt gegen Frauen – egal ob körperliche oder psychische Gewalt – sehen die Expertinnen die sogenannte „strukturelle Gewalt“. „Gewalt gegen Frauen ist eine Ausdrucksform der historisch gewachsenen ungleichen Machtverhältnisse zwischen Männern und Frauen“, erläutert Diplom Psychologin Monika Galuschka. Diese ungleichen Machtverhältnisse führten zum einen zur Beherrschung und Diskriminierung durch Männer, zum anderen aber auch dazu, dass Frauen heute immer noch nicht die gleichen Chancen haben wie Männer.

Diese strukturelle Gewalt zu bekämpfen ist seit vier Jahrzehnten Ziel des Vereins Frauen helfen Frauen, dem Träger des Marburger Frauenhauses und der Beratungs-und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt.

Rund 4 000 Menschen konnte das Marburger Frauenhaus in den vergangenen vier Jahrzehnten helfen. 5 000 Beratungsgespräche führten die Mitarbeiterinnen in dieser Zeit. Statistisch werden „Personen“ erfasst, denn viele der Frauen, die im Frauenhaus Zuflucht suchen, sind Mütter und kommen mit ihren Kindern in die Einrichtung, die von absoluter Geheimhaltung lebt. Nur wenn niemand weiß, wo sich das Frauenhaus befindet, sind die Opfer in Sicherheit.

Im Schnitt leben jährlich rund 100 Frauen mit ihren Kindern im Frauenhaus. Es gibt 20 Plätze, die sich auf zwei Etagenwohnungen verteilen. Jede Wohnung verfügt über fünf Zimmer. Küche, Bad und Wohnzimmer nutzen die Frauen gemeinschaftlich. Das Zusammenleben ist Teil des Konzeptes. „Die Frauen sehen, dass sie mit ihren Erfahrungen nicht allein sind. Sie können sich austauschen und sich gegenseitig stützen“, erläutert Diplom Soziologin Claudia Bergelt.

Als ersten Schritt die Gewaltspirale durchbrechen

Generell sei es aber wichtig, dass die Frauen selbstständig werden und ihr Selbstbewusstsein stärken. Als Erstes wird versucht, die Gewaltspirale zu durchbrechen. Die Frauen, die Zuhause Gewalt erfahren, wenden sich entweder selbst ans Frauenhaus, werden von Institutionen vermittelt (z. B. Jugendamt) oder wenden sich in einer akuten Notsituation an die Polizei. Die Beamten sind in Besitz einer Notrufnummer des Frauenhauses, die 24 Stunden besetzt ist.

Kommt es beispielsweise in der Nacht zu häuslicher Gewalt, sodass die Frau das gemeinsame Haus verlassen muss, rufen die Beamten die Notrufnummer an. Wenn in Marburg kein Platz frei ist, kann seit Kurzem über die Website (www.frauenhäuser-hessen.de) nach freien Plätzen in anderen hessischen Frauenhäusern gesucht werden.

„Das ist eine absolute Krisensituation für die Betroffenen, die körperlich und oder psychisch zum Teil schwer misshandelt wurden“, erläutert Bergelt. Um Frauen das Ankommen zu erleichtern, kümmert sich eine der elf Mitarbeiterinnen um die Frau von der Aufnahme bis zum Auszug.

Neben der psychosozialen Betreuung gibt es vor allem organisatorisch sehr viel zu tun. Die Frauen, die oft jahrelang in einer gewalttätigen Beziehung in Abhängigkeit ihres Partners verbracht haben, lernen, auf eigenen Beinen zu stehen. „Am Anfang helfen wir den Frauen bei den anstehenden Formalitäten wie Sicherung des Lebensunterhaltes, eigenes Konto eröffnen oder regeln es, wenn die Kinder auf eine neue Schule gehen müssen“, erklärt Galuschka. Es habe sich viel getan im Laufe der Jahrzehnte. Der anfangs nicht ernst genommene Verein hat sich zu einem anerkannten und gut vernetzten Projekt entwickelt.

Ein großer Meilenstein sei dabei die Verabschiedung des Gewaltschutzgesetzes im Jahr 2002 gewesen. Dies habe unter anderem dazu geführt, dass häusliche Gewalt zum Offizialdelikt wurde. „Seither muss die Polizei handeln, sobald sie Kenntnis von häuslicher Gewalt hat“, so Galuschka. Seither können betroffene Frauen zudem vor Gericht eine Schutzanordnung beantragen, woraufhin gegen den Gewalttäter ein Näherungsverbot ausgesprochen wird.

„Plötzlich konnten wir auf die Polizei als Kooperationspartner zugreifen“, erläutert Bergelt. Sie erinnert sich noch gut an „hochgefährliche Situationen“ für sie selbst, bevor das Gesetz in Kraft trat. „Einmal wollte ich eine Frau aus einer Wohnung holen und wurde vom Gewalttäter eingesperrt,“ erzählt Bergelt, die seit 36 Jahren für das Frauenhaus arbeitet.

Im Gewaltschutzgesetz sei nun auch das niedergeschrieben, was die Frauenbewegung auf Demos immer lautstark gefordert habe: „Wer schlägt, der geht!“ Dass immer der Mann die gemeinsame Wohnung auch wirklich verlasse, sei jedoch leider nicht immer möglich. Deshalb ist das Frauenhaus nach wie vor für viele die letzte Rettung.

Ein Ort, an dem viele Frauen endlich wieder Wertschätzung erfahren. Eine Übergangslösung, die den Frauen ermöglicht, zur Ruhe zu kommen und neue Perspektiven zu entwickeln. Die Aufenthaltsdauer ist ganz unterschiedlich. Es komme auch immer mal vor, dass Frauen erst nach einem weiteren Aufenthalt im Frauenhaus den Absprung aus der gewalttätigen Beziehung schaffen, in der sie so lange gefangen waren.

Seit 1991 gibt es neben dem Frauenhaus auch die Beratung-und Interventionsstelle gegen häusliche Gewalt im Alten Kirchhainer Weg 5, die niedrigschwellig Hilfe anbietet. Die anfängliche Hoffnung, dass das Frauenhaus irgendwann obsolet sein werde, ist für Galuschka und Bergelt geschwunden. Zu gefestigt seien die Formen struktureller Gewalt.

Dennoch sind die beiden Vorstandsfrauen auch nach Jahrzehnten nicht resigniert. „Wir konnten sehr viele Frauen unterstützen, endlich ein gewaltfreies, selbstbestimmtes Leben zu führen und das wollen wir auch weiterhin“, so Galuschka, die immer wieder betont: „Natürlich hat sich viel getan, aber es gibt auch noch unheimlich viel zu tun.“

Lesen Sie nächste Woche, wie Frau Müller es schaffte, aus ihrer gewalttätigen Ehe auszubrechen und nun in der Second-Stage-Wohnung des Frauenhauses ein neues Leben beginnt.

Von Nadine Weigel