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Marburg Seidel produziert wieder
Marburg Seidel produziert wieder
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09:58 13.10.2020
Blick auf das Marburger Werk der Firma Seidel. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Das Hochfahren der Produktion ist gelungen, das Krisen-Management kann nun Blaupause für mittelständische Unternehmen im Landkreis Marburg-Biedenkopf werden: Nach dem Corona-Ausbruch unter 33 Mitarbeitern der Firma Seidel in Marburg und Fronhausen gibt es weitgehend Entwarnung – und es keimt Aufbruchstimmung auf. „Die akute Gefahr ist vorbei, wir sind wieder nahe Normalmodus“, sagt Seidel-Geschäftsführer Dr. Andreas Ritzenhoff mehr als zwei Wochen nach einer privaten Feier in Gießen, bei der sich viele mit Covid-19 ansteckten.

Auf OP-Anfrage bezeichnet er die wirtschaftlichen Schäden durch den plötzlichen, mehrtägigen Produktionsstopp als „signifikant“, für die Firma sei der Lockdown ein „echter Härtetest“ gewesen. Eben weil die interne Organisation von Massentests organisiert werden musste. Denn genau das taten Ritzenhoff und seine Mitarbeiter nur Stunden nach der ersten Positivmeldung in der Nacht von vorvergangenem Freitag: Knapp 500 der 650 Mitarbeiter wurden intern, mit Hilfe des Uni-Klinikums, des Roten Kreuzes und einem Gießener Labor auf Corona getestet. Hinzu kamen 162 Personen, die bei Hausärzten oder Corona-Centern getestet wurden. Mit dem „überraschenden Ergebnis“, dass bereits etwa drei Dutzend Seidel-Beschäftigte Antikörper haben und somit irgendwann bereits infiziert waren – ohne krank gewesen zu sein. „Wir denken, dass wir durch den Lockdown noch mit einem blauen Auge davongekommen sind. Jetzt sollte aber speziell in der Produktion lieber nichts mehr passieren“, sagt Ritzenhoff. „Denn wir wollen unsere Kunden pünktlich bedienen. Parallel treiben wir die Entwicklung neuer Produkte voran, vor allem nachhaltige, recyclingfähige Verpackungen.“

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Seidel habe durch den Corona-Ausbruch zwangsläufig eine Krisen-Expertise entwickelt, die Erfahrungen wolle man als erstes betroffenes Unternehmen gerne allen in der Region zur Verfügung stellen. „Das war ein Pilotprojekt mit ungewissem Ausgang, aber wir haben gemerkt: Schnell, entschlossen und mit regionalen Partnern und damit auf kurzen Wegen zu handeln, macht vieles möglich.“ Man müsse die Corona-Tests als Firma aber selbst angehen, nicht auf den eigentlich vorgesehenen Weg setzen. Wichtig ist, dass man schnell Klarheit bekommt, wie viele Mitarbeiter infiziert sind. Ritzenhoff schlägt deshalb eine „Corona-Task-Force“ vor, die sich etwa mit Blutentnahme-Besteck, Transportwagen und Labor-Kapazitäten für Ausbrüche wie in Marburg und Fronhausen bereithält. So könne es gelingen, pro Stunde bis zu 50 Menschen zu testen, die Proben binnen 30 Minuten zur Untersuchung zu bringen und schnellstmöglich Ergebnisse und damit Gewissheit zu haben.

Kein infizierter Mitarbeiter ist aktuell im Krankenhaus

Entscheidender Punkt: Seidel und der involvierte Pandemie-Stab haben der heimischen Wirtschaft einen Zeit-Horizont gegeben, wie lange im Notfall ein Produktions-Stopp dauert: drei Tage, um bis zu 650 Menschen zu testen, Ergebnisse zu haben. „Es gibt nun einen Funken Planbarkeit, der für Unternehmer ja sehr wichtig ist.“Von den Positiv-Getesteten sind indes viele wieder fit, wenige sollen laut Ritzenhoff spürbar krank gewesen sein. Aktuell ist kein Mitarbeiter im Krankenhaus oder gar auf Intensivstation.

Von Björn Wisker

12.10.2020
12.10.2020