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Marburg Fotografen schockiert: Staat knipst bald selbst
Marburg Fotografen schockiert: Staat knipst bald selbst
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19:49 13.01.2020
Für Reisepass und Co. wird ein biometrisches Passbild benötigt – geht es nach Bundesinnenminister Horst Seehofer, wird diese künftig nicht mehr von Fotografen, sondern direkt auf den Passämtern erstellt.  Quelle: Michael Kappeler
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Marburg

Das Lichtbild sei „in Gegenwart eines Mitarbeiters“ aufzunehmen und „elektronisch zu erfassen­“, heißt es in einem Entwurf eines „Gesetzes zur Stärkung der Sicherheit­ im Pass- und Ausweis­wesen“. Geplant sind „Selbstbedienungsterminals“ bei den 5.500 Pass- und Ausweisbehörden in Deutschland.

Die Regelung werde aber, wenn sie in dieser Form verabschiedet wird, nur für neu beantragte­ Pässe und Personalausweise gelten, sagte ein Ministeriumssprecher­.

Anlass für die Änderung ist das sogenannte Morphing. „Bei diesem technischen Verfahren werden Bilder mehrerer Personen – in der Regel zwei – so miteinander vereinigt, dass man mit dem bloßen Auge nicht mehr erkennen kann, ob es die eine oder andere Person ist“, erklärte der Sprecher am Mittwoch (8. Januar) in Berlin. Wenn ein Passbild so manipuliert sei, könnten beide Personen den Ausweis für einen Grenzübertritt benutzen, heißt es in dem Papier. Es sei nötig, Pässe und Personalausweise fälschungssicher zu gestalten, damit deutsche Bürger auch in Zukunft visafrei­ in die meisten Staaten reisen könnten, so das Ministerium.

Handelsverband sieht Millionenverluste

Einen zusätzlichen Fototermin im Rahmen der Antragstellung soll es nicht geben. Bürger müssten den Angaben zufolge auch künftig nur einmal zur Passstelle kommen. Direkt­ nach der Aufnahme soll das Foto in digitaler Form bei der Behörde gespeichert werden. 177 Millionen Euro soll die Anschaffung und Wartung der Fotoautomaten in den ersten fünf Jahren kosten, wie es in dem Entwurf heißt. Für die Instandhaltung der Terminals fielen danach 12 Millionen Euro jährlich an. 11.000 Fotoautomaten sollen insgesamt angeschafft werden – los gehen könnte es im Sommer 2022.

Beim Deutschen Einzelhandelsverband läuten die Alarmglocken: „Da die Fotohändler mit der Erstellung der Passbilder nicht nur den höchsten Deckungsbeitrag erzielen, sondern dieser Service auch maßgeblich für Kundenfrequenz in den Geschäften sorgt, würde dieser Plan Millionenumsätze im Handel vernichten. Angesichts der ohnehin angespannten Lage im stationären Einzelhandel stellt dies eine existenzielle Bedrohung für viele mittelständische Unternehmen dar“, schreiben HDE-Präsident Josef Sanktjohanser und der Vorstandsvorsitzende des Handelsverbandes Technik, Frank Schipper, in einem Brief an Bundesinnenminister Horst Seehofer.

Bei Umsetzung des Plans drohen wohl Firmenpleiten

Es sei wichtig, Manipulationen zu verhindern. Allerdings brauche es dafür kein faktisches Verbot der Passbilderstellung im Fotohandel. Denn über eine Zusammenarbeit von Wirtschaft und Behörden seien im Handel die gleichen Sicherheitsstandards realisierbar.

Geschäftsmann Holger Gröb, der in Marburg das Foto-Fachgeschäft Ringfoto Marburg im Kaufpark Wehrda sowie zwei Fotostudios in Amöneburg und Alsfeld besitzt, ist entsetzt: „Der Fotohandel ist auf den Ertragsbringer Passbilder absolut angewiesen – biometrische Passbilder, um die es hier geht, haben einen Umsatz bei Passfotos von rund 60 Prozent“, verdeutlicht Gröb. Wenn der Posten wegfalle, „dann wird es nicht mehr möglich sein, dass ich mein Geschäft weiterführe. Denn die Passbilder tragen einen großen Teil von Personal- und Fixkosten“. Bei Kameras gebe es beispielsweise keine Marge mehr, Passbilder sicherten ein verlässliches Einkommen. Der Verband Ringfoto schätzt laut Gröb, „dass 85 Prozent der Händler verschwinden werden, wenn es dazu kommt“.

In seinem Studio in Alsfeld spielten Passfotos eine ebenso große Rolle wie in seinem Laden im Kaufpark Wehrda. Bedeutet bei Umsetzung von Seehofers Plänen: „Mir bliebe nur noch das Studio in Amöneburg, die beiden anderen Läden müsste ich schließen – und sieben Mitarbeitern kündigen.“

Gröb verdeutlicht, dass es ja bei biometrischen Passbildern nicht einfach mit Knipsen getan sei. „Es stellen sich alle vor, der Kunde kommt aufs Amt, braucht einen neuen Pass, es macht Klick und das Foto ist im Kasten – davon träumen alle.“ Denn: Das Anfertigen der Fotos dauere „bis zu 15 Minuten – vor allem dann, wenn kleine Kinder, ältere Menschen oder Schwerbehinderte im Rollstuhl fotografiert werden sollen, die etwa 35 Prozent der Passbildkundschaft ausmachen. Für diese nehmen wir uns gerne viel Zeit – aber können das die Mitarbeiter der Ämter, die keine fotografischen Kenntnisse haben, bei Millionen von Bildern auch leisten?“, fragt Gröb.

Er wisse, dass beispielsweise Ringfoto ein System entwickelt habe, dass die Händler die Kunden fotografieren und dann die Bilder über verschlüsselte Systeme digital an die Behörden übertragen. „So wäre Manipulation ausgeschlossen – und die Händler würden ihre Existenzgrundlage nicht verlieren“, verdeutlicht Holger Gröb.

von Andreas Schmidt und unserer Agentur