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Marburg Mission: saubere Lahn
Marburg Mission: saubere Lahn
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20:58 18.04.2021
Noah und Basti sammeln Müll aus der Lahn.
Noah und Basti sammeln Müll aus der Lahn. Quelle: Nadine Weigel
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Marburg

Langsam, Schritt für Schritt schreiten sie tiefer ins dunkle Wasser. Eiskalt ist die Lahn, nur sieben Grad beträgt die Temperatur. Muss sich anfühlen wie Nadelstiche im Gesicht. Das ist der einzige Teil ihrer Körper, die nicht geschützt sind. Wobei, so richtig warm halten die Halbtrockenanzüge aus Neopren ja auch nicht. „Uuuuh, ja ist schon ziemlich kalt“, gibt Sebastian Pollok lachend zu. Er schaut zu Noah Boonma, der zustimmend nickt und immer tiefer im Wasser verschwindet.

Nein, das was die beiden machen, ist nix für Warmduscher. Es ist nämlich ein eiskaltes Bad, das die Freunde regelmäßig nehmen. Seit gut einem Jahr sind sie in ihrer Freizeit unterwegs in Namen der Natur. Ausgerüstet mit einfachstem Equipment suchen sie die Lahn nach Müll ab.

Sie nennen sich zwar Lahntaucher, aber im Grunde bewegen sie sich eher schnorchelnd fort. Taucherflaschen haben sie nicht. Brauchen sie auch nicht. Schließlich ist die Lahn nicht sonderlich tief. „An den meisten Stellen kommt man sehr gut auf den Boden“, erklärt Sebastian alias Basti. Taucherbrille, Schnorchel und Neoprenanzug reichen ihnen völlig für ihre Mission.

Seit einem Jahr durchpflügen sie die Lahn auf der Suche nach Müll. Sage und schreibe 1160 Kilogramm haben sie bereits herausgeholt: vor allem viel Plastik, aber auch Fahrräder, Parkuhren, Verkehrsschilder, Dosen Flaschen und bei Limburg schleppten sie sogar eine Waschmaschine aus dem Fluss.

Noah und Basti sammeln Müll aus der Lahn. Quelle: Nadine Weigel

Angefangen hatte alles im vergangenen Sommer. „Durch Corona sind viele Marburgerinnen und Marburger zu Hause geblieben und haben quasi an der Lahn Urlaub gemacht. Eine Freundin von uns ist reingesprungen und hat sich am Fuß verletzt. Wir haben dann gesagt, wir schauen mal, was da drin ist“, erinnert sich der 34-jährige Basti. Was sie dann im trüben Wasser entdeckten, hat die beiden ziemlich erschreckt. „Wir haben ganz viele Dinge gefunden, die da nicht hingehören und die ein potenzielles Verletzungsrisiko für Menschen bergen, aber auch für Tiere extrem schädlich sind.“

Werden schnell fündig

Auch an diesem kalten Frühlingstag auf Höhe des Hauptbahnhofes werden sie im Wasser schnell fündig. Flaschen, Getränkebecher und vieles mehr schleppt Noah nach nur einer halben Stunde an Land. „Das ist eine Stehlampe, aber ohne Glühbirne, dafür mit Kabel. Ich konnte fast nicht mehr alles tragen, wie gut, dass ich auch gleich einen Korb gefunden habe“, sagt der 26-Jährige sarkastisch.

Der Biologie-Student, weiß genau, wie schädlich der ganze Müll für das Ökosystem Lahn ist. Vor allem der Plastikmüll macht den beiden große Sorgen. Denn zum einen belastet dieser die heimische Flora und Fauna, zum anderen fließt das Wasser der Lahn wie das aller anderen Flüsse irgendwann ins Meer. Und da landet dann auch das Plastik und führt zu erheblichen Umweltschäden.

Noah und Basti sammeln Müll aus der Lahn. Foto: Nadine Weigel Quelle: Nadine Weigel

Der Naturschutzbund (NABU) schätzt, dass rund 80 Prozent der weltweiten Einträge durch Zuflüsse von Land erfolgen. Im Meer wird Plastik fast nicht abgebaut und ist nahezu unvergänglich, so der NABU. Es zerfalle - wenn überhaupt - nur langsam in immer kleinere Teile. Durch die Einwirkung von Salzwasser, Sonne und Reibung werde Plastik über einen Zeitraum von Jahrzehnten, manchmal Jahrhunderten immer kleiner. Beispielsweise brauche eine Plastiktüte zehn bis 20 Jahre, ein Styroporbecher ca. 50 Jahre und eine PET Flasche schon 450 Jahre, bis sie vollständig zerfallen ist.

Lahntaucher informieren statt Handy aufgeben

Doch nicht nur Müll finden die Lahntaucher in der Lahn, sondern auch Dinge, die Menschen gern einmal bei einem Tretbootausflug verlieren: Zahlreiche Geldbeutel und Handys haben Basti und Noah schon ihren rechtmäßigen Besitzern zurückgebracht und so für viele glückliche Momente gesorgt - etwa bei einem Opa, der so die Handy-Bilder mit seinen Enkeln wiederbekommen hat.

„Selbst nach einiger Zeit im Wasser sind Handys oftmals noch funktionstüchtig. Also nicht verzweifeln, falls mal ein Handy ins Wasser fällt, sondern uns informieren“, sagt Basti augenzwinkernd. Über ihre Tauchabenteuer berichten die beiden Umweltschützer auf ihrem Instagram-Kanal, der bereits mehr als 1.000 Follower hat.

Noah und Basti sammeln Müll aus der Lahn. Quelle: Nadine Weigel

Sie haben eine Kooperation mit dem DBM, der den Müll, den sie aus der Lahn fischen, kostenfrei abholen. Bei den 1160 Kilogramm wird es wohl nicht bleiben. „Auch an Stellen, die wir bereits abgesucht haben, findet sich ein paar Tage später leider wieder etwas“, bedauern die beiden.

Am meisten freuen würden sie sich darüber, wenn sie mit ihrem Einsatz für ein bisschen mehr Achtsamkeit bei den Marburgerinnen und Marburgern sorgen würden, so dass sie bald nicht mehr so viel Müll in der Lahn finden. Damit rechnen tun sie aber nicht. Deshalb werden sie weitermachen, egal wie kalt die Lahn auch sein mag.

Von Nadine Weigel