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Marburg Schwerkranker sagt: „Corona ist keine Verschwörung!“
Marburg Schwerkranker sagt: „Corona ist keine Verschwörung!“
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07:44 12.11.2020
Infiziert, schwere Symptome, genesen - und gewarnt: Dirk Otto Hahn (41) aus Marburg hat sich zu Beginn der zweiten Corona-Welle mit Covid-19 angesteckt. Er berichtet von seinen Krankheitserfahrungen und wie sehr er unter der Isolation gelitten hat. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Langsam, schleppend, nach jedem zweiten Wort ein bemühter Atemzug – Dirk Otto Hahn drückt auf eine Taste seines Handys und spielt eine Sprachnachricht ab, die er eines Tages seinem Bruder schickte. „Noch“, sagt er darin, „noch schaffe ich das. Ich will nicht die 112 wählen müssen.“ Denn dass der 41-Jährige einen Notruf hätte absetzen müssen, davon war er nicht weit entfernt als er Mitte Oktober zehn Tage lang mit heftigen Symptomen, einem eher „schweren Verlauf“ der Corona-Erkrankung in seiner Wohnung lag.

„Mir ging es echt schlecht. Die Nachricht habe ich an einem der besseren Tage abgeschickt“, sagt Hahn und deutet auf das Bett in seiner Zweizimmer-Wohnung im zweiten Stock eines Oberstadt-Altbaus. „Das war mein zu Hause im Zuhause. Jeder Weg in die Küche oder zum Klo war wie ein Marathon.“ Vor allem die ständige Atemnot habe ihm massiv zugesetzt. Und Angst, Todesangst gemacht. „Du stürzt da so von jetzt, also gesund und munter, auf gleich rein und bist dem ausgeliefert. Man hört nur noch angespannt in sich, seinen Körper, ob es besser oder schlechter wird.“

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Anfang Oktober infizierte sich Hahn mit dem Coronavirus, den positiven PCR-Test und ein Schreiben der Behörden zeigt er der OP als Beleg. Es geschah wohl irgendwo in Marburg, irgendwann zu Beginn der zweiten Welle im Herbst. Weder erinnert sich der Alleinstehende an eine bestimmte Situation, noch konnte das Gesundheitsamt ihn zu einem Infektionsgeschehen zuordnen.

Krank im Bett – dann steht die Polizeizur Quarantäne-Kontrolle vor der Tür

Was die Behörde konnte: Ihm einen Brief mit der Anordnung der Quarantäne, der Isolation schicken, den so seit März schon rund 2000 positiv-getestete Landkreisbewohner bekommen haben. Die Anweisungen: Wohnung nicht verlassen, sonst gibt es 2000 Euro Strafe. Zutritt zur Wohnung aber jederzeit etwa für Befragungen durch „Beauftragte des Gesundheitsamtes“ gewähren. Kritikern zufolge untergräbt das Infektionsschutzgesetz an dieser Stelle das Grundrecht der Unverletzlichkeit der Wohnung.

Und Hahn spürte diese Rechts-Kollision versehentlich am eigenen Leib. Eines Tages habe er wegen Corona im Bett „still vor sich hin gelitten“ und offenbar Anrufe der Behörde verpasst. Keine Stunde später habe es mehrfach an der Tür geklingelt, er schlurfte kurzatmig zur Tür, öffnete sie einen Spalt und schaute maskierten Polizisten in die Augen. „Das fand ich“, sagt er und sucht nach dem richtigen Wort: „grenzwertig.“ Was sie wollten? Na, schauen, ob er zu Hause, wie angeordnet in Quarantäne sei. Schließlich sei er ja nicht ans Telefon gegangen.

Das habe ihn, wie ohnehin die vielen Telefonanrufe des Gesundheitsamts, „wütend gemacht“. Denn: Zwar habe man sich seitens der Behörde, meist mehrmals täglich nach seinem Befinden erkundigt. „Nette, freundliche Menschen.“ Doch er habe gerade wegen seines schlechten Gesundheitszustands schnell den Eindruck gewonnen, dass „es nicht um Hilfe bei der Erkrankung, sondern um Kontrolle der Quarantäne geht.“ Dies, das Misstrauen sei „belastend“ gewesen.

Bleibende Erinnerung: „Der Eindruck, gemieden zu werden“

Für Hahn eine besonders bittere Erfahrung: Als er sich schwerer krank fühlte und bei Amt und verschiedenen Ärzten vergeblich darum bat, dass ein Mediziner ihn mal in seiner Wohnung kurz untersucht, wenigstens abhört, bevor es gleich zur Krankenhaus-Einlieferung komme. „Für meinen Kopf wäre das wichtig gewesen. Mir ging es gar nicht gut und ich war voll auf mich alleine gestellt. Ich ahnte aber, dass es mir nicht so schlecht geht, dass ich einem anderen in der Klinik den Platz wegnehme.“

Als Single und jemand mit einem ausreichend großen Freundes- und Bekanntenkreis in Marburg, habe er die Quarantäne, die Isolation sich ohne zu große Sorgen in der Wohnung zurückziehen, von Vorräten zehren und still auskurieren können. Für Familien mit kleinen Kindern oder Älteren ohne Kontakt nach draußen müsse das aber „der Horror“ sein.

Für ihn habe sich Corona im Rückblick wie eine Kombination aus Influenza –also der richtigen Grippe, nicht den simplen grippalen Infekt – Magen-Darm-Infekt und Erkältung angefühlt. „Ich empfand Corona zwar als weniger zerstörerisch als die Grippe, aber man siecht länger auf schlechtem Niveau vor sich hin, dadurch ist es zermürbender, gerade für den Kopf, wegen der ständigen Angst.“ Für Hahn, der immerhin ohne Fieber davonkam, ist seit dem Positiv-Test beziehungsweise der spürbaren Erkrankung klar: „Corona ist real, keine Verschwörung.“

Hahn geht es jetzt, er ist etwa drei Wochen symptomfrei, wieder gut. Ab und an habe er noch leichtere Atemprobleme, sein Gedächtnis sei manchmal etwas träge – er fühlt sich soweit wieder hergestellt. Was aber angesichts der Erfahrungen bleibt: „Der Eindruck, gemieden und zum Mensch zweiter Klasse geworden zu sein.“

Von Björn Wisker

12.11.2020
12.11.2020