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Marburg Angeklagtem bleibt Gefängnis erspart
Marburg Angeklagtem bleibt Gefängnis erspart
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13:58 20.11.2019
Ein Bauunternehmer aus dem Hinterland soll unter anderem Schwarzarbeit ermöglicht haben. Quelle: Christian Charisius/dpa/Archiv
Marburg

Ursprünglich standen den Sozialkassen und dem Finanzamt entgangene Einnahmen von rund 925.000 Euro in der Anklageschrift, es wurde während des Verfahrens aber schnell klar, dass es bei den Berechnungen der Rentenversicherung erhebliche Fehler gab.

Letztlich wurde die Anklage auf den dann im Urteil festgeschriebenen Anteil an fehlenden Sozialabgaben beschränkt. Nach umfangreicher Beweisaufnahme beendete eine Einigung aller Beteiligten den Prozess.

Dem Angeklagten wurde für den Fall eines Geständnisses, auch wegen der nun wesentlich geringeren Schadenshöhe, eine Höchststrafe im bewährungsfähigen Rahmen von zwei Jahren zugesagt. Und die Einlassung sei glaubhaft, betonte die Vorsitzende, Landgerichtsvizepräsidentin Beate Mengel, werde sie doch durch die zahlreichen Zeugenaussagen gestützt.

Abdeckrechnungen für saubere Buchführung

Die Kammer ging daher davon aus, dass der Gladenbacher Anfang 2012 Geschäftsführer des neu gegründeten Unternehmens wurde. Wegen schwankender Auftragslage, da folgte das Gericht Staatsanwältin Sarah Otto, habe er nur einen kleinen Stamm angemeldeter fester Mitarbeiter vorhalten können. Bei Großaufträgen hätte es weiterer Mitarbeiter bedurft, meist aus Osteuropa, die er schwarz gezahlt habe. Auch die eigenen hätten zusätzliches Schwarzgeld bekommen.

Um das zu vertuschen und für eine saubere Buchführung ließ sich der Angeklagte laut Urteil von anderen Unternehmen sogenannte Abdeckrechnungen ausstellen für Leistungen, die sie ihm gegenüber als Subunternehmer nie erbracht haben. Das Geld sei dann abzüglich einer Provision bar zurückgeflossen und die Schwarz­zahlungen ­damit vorgenommen worden.

Angeklagter übernahm illegale Gepflogenheiten

Strafmildernd, so folgte die Kammer der Argumentation von Verteidiger Stefan Adler, sei eine fehlende eigene Bereicherung. „Sie sehen sich nicht als Geschäftsführer irgendeiner windigen Firma, sondern als ­jemand, der arbeitet.“ Adler hatte angeführt, dass sein ­
Mandant nur zwei Jahre selbstständig war, in dieser Zeit auf den Baustellen mitarbeitete und seit einer kurzen Untersuchungshaft als Polier bei einem großen Hinterländer Bauunternehmen angestellt ist. Und das, obwohl dieses als Auftraggeber des Betriebs des Gladenbachers auch durchsucht wurde, „das spricht für den Menschen“.

Das Unternehmen des Angeklagten habe von Anfang an unter keinem guten Stern gestanden, sagte Mengel, habe er doch illegale Gepflogenheiten von Vorunternehmen übernommen, wie deren Mitarbeiter „die entsprechende Ansprüche auf Schwarzzahlungen hatten“. Es sei zwischen 2012 und 2014 aber nur eine Episode in seinem Leben gewesen, so Adler, „und deshalb auch nicht nur eine Spitze des Eisbergs, die wir hier zu verhandeln hatten“.

Mitangeklagter muss 50.000 Euro zahlen

Auf die von Sarah Otto geforderte Bewährungsauflage in Höhe von 5.000 Euro verzichtete das Gericht. „Es geht in erster Linie um Schadenswiedergutmachung“, so Mengel und die Kassen haben laut Adler bereits Klage eingereicht.

Das Verfahren gegen einen 35-jährigen Mitangeklagten wurde gegen Zahlung von 50.000 Euro wegen geringer Schuld eingestellt, wie es dessen Verteidiger Sascha Marks bereits seit längerem als Ziel verfolgte. Der Mann war der Beihilfe angeklagt, weil der den Bauunternehmer unter anderem beim Rechnungsschreiben unterstützt hatte, was er auch gestand.

von Heiko Krause