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Marburg Fernunterricht wäre „pädagogische Katastrophe“
Marburg Fernunterricht wäre „pädagogische Katastrophe“
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08:00 07.01.2022
Wie geht es nach den Weihnachtsferien weiter an den Marburger Schulen? Vor dem Schulhof der Elisabethschule in Marburg weist ein Graffito auf die Maskenpflicht hin.
Wie geht es nach den Weihnachtsferien weiter an den Marburger Schulen? Vor dem Schulhof der Elisabethschule in Marburg weist ein Graffito auf die Maskenpflicht hin. Quelle: Thorsten Richter
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Marburg

Ab Montag (10. Januar) strömen nach den Weihnachtsferien wieder tausende Schülerinnen und Schüler sowie Lehrkräfte zurück an die hessischen Schulen. Sie können strömen und zwar allesamt, da es trotz angespannter Pandemie-Lage weiterhin beim Präsenzunterricht bleiben soll. Dafür sprachen sich am Mittwoch (5. Januar) die Kultusminister der Länder aus. Klassen aller Jahrgangsstufen werden weiterhin an den Schulen und nicht im Homeschooling unterrichtet.

Das sah vor einem Jahr anders aus: Zum Schulstart im Januar 2021 war die Präsenzpflicht – so wie schon vor den Weihnachtsferien 2020 – für die Klassen eins bis sechs komplett ausgesetzt. Damals gab es noch die Notbetreuung für Kinder, deren Eltern in den sogenannten systemrelevanten Berufen arbeiteten. Für höhere Jahrgänge ab Klasse sieben galt Fernunterricht, nur die Abschlussklassen wurden an den Schulen in Präsenz unterrichtet.

Nun zeigt sich ein völlig anderes Bild. Das Land hält am Präsenzunterricht fest, auch durch die Erfahrungen aus dem damaligen Lockdown, der zeigte, dass viele Schüler vor allem unter der sozialen Distanz mit langwierigen Folgen leiden.

Schulleiter: Distanzunterricht wäre eine Katastrophe

Im Mittelpunkt des Schulbetriebs stehen weiterhin Maskentragen, Testungen und Lüften der Klassenräume, um „ein hohes Maß an Sicherheit“ zu gewährleisten, betont das Kultusministerium bereits zum Jahresende und verweist zudem auf eine hohe Impfbereitschaft unter den Lehrkräften von rund 95 Prozent. Außerdem auf die Impfangebote für Schülerinnen und Schüler – durch die anlaufenden Kinderimpfungen ab fünf Jahren mittlerweile auch für Grundschüler.

Die Schulen müssen sich nach den drei Ferienwochen also vorerst nicht umstellen. „Wir sehen dem Schulbeginn so entgegen wie auch nach den anderen Ferien – mit Vorsicht, aber nicht mit Angst“, sagt Michael Pichl, stellvertretender Schulleiter der Martin-Luther-Schule, und verweist auf Maskenpflicht und Corona-Tests.

Die Erfahrung sei, dass die Familien verantwortungsbewusst mit dem Thema Corona umgehen. Dass nun wieder Präsenzunterricht stattfindet, sieht Pichl als großen Vorteil: „Die Kinder werden beim Lernen tatsächlich betreut, man kann in Dialog treten. Die Nachteile des Distanzunterrichts sind nicht wegzuwischen.“ Sollte aber wieder Distanzunterricht beschlossen werden, wären Lehrkräfte, Schülerinnen und Schüler darauf eingerichtet.

Das sieht Björn Gemmer, Schulleiter an der Steinmühle, genauso. „Es wäre technisch kein Problem, schnell wieder in den Distanzunterricht zu gehen, weil wir an der Steinmühle die Infrastruktur haben. Allerdings hielte ich es für eine pädagogische Katastrophe, weil wir immer noch mit den Folgen der letzten Schulschließungen kämpfen.“

Viele Schülerinnen und Schüler hätten Wissenslücken, weil der Lernerfolg im Distanzunterricht nicht so hoch sei wie im Präsenzunterricht. Zudem zeigten sich auch psychische Belastungen. „Und auch aus pandemischer Sicht wäre es nicht sinnvoll, weil wir an der Schule die Möglichkeit haben, zu testen und so die Infizierten zu finden. Wir sind Teil der Prävention“, sagt Gemmer.

Gemmer erwartet mit Spannung, „ob es noch weiterführende Hinweise zum Schulbetrieb“ von der Landesregierung gibt: „Ich hatte damit gerechnet, dass wir aufgefordert werden, auch die Geimpften regelmäßig zu testen.“ Bislang müssten nur Ungeimpfte sich dreimal wöchentlich testen, für die anderen – über 90 Prozent der Schülerinnen und Schüler ab zwölf Jahren seien geimpft – sei dies ein freiwilliges Angebot. Die Schule werde die Geimpften dazu auffordern, dieses Angebot zu nutzen.

Und was ist, wenn Schülerinnen und Schüler oder Lehrkräfte in Quarantäne müssen? Grundsätzlich, sagt Pichl, werde damit wie mit einem Krankheitsfall umgegangen. Für Lehrkräfte gebe es einen Vertretungs-Pool. Für Schüler, die zu Hause bleiben müssen, würden Lerninhalte digital eingestellt – nicht nur bei Corona-Fällen.

An der Steinmühle ist es ähnlich. Die Klassen ab der Jahrgangsstufe sieben sind dort ohnehin mit Tablet-Computern ausgestattet, Arbeitsblätter werden nicht mehr ausgedruckt, sondern sind über die „Stone-Cloud“ und die „Stone-App“ verfügbar. Wer nicht am Präsenzunterricht teilnehmen kann, kann also digital mitarbeiten. Allerdings nicht per Video-Übertragung aus dem Klassenraum, sagt Gemmer, das sei technisch und datenschutzrechtlich schwierig.

Pichl sagt: „In Fällen, wo das eingeübt ist, gerade bei älteren Schülern, kann sich aber auch mal ein einzelner Lehrer per Videokonferenz in den Klassenraum zuschalten.“

Keine Schulschließungen erwartet

Derzeit ziehen die Corona-Einschränkungen in vielen Bereichen des Alltags wegen der Verbreitung der Omikron-Variante an. An den Schulen ist aktuell noch nicht mit noch schärferen Regeln zu rechnen, erst recht nicht mit einer Rückkehr zum Distanzunterricht: „Ich gehe im Moment nicht davon aus, dass es zu Schulschließungen kommen wird“, sagt auf Nachfrage Gesche Herrler-Heycke, stellvertretende Leiterin des Schulamts Marburg-Biedenkopf.

Schulen gelten nicht als Pandemie-Treiber, Maßnahmen wie Masken- und Testpflicht hätten sich „als probate Mittel erwiesen, die offensichtlich erfolgreich sind“. Ob und wie sich der Vormarsch von Omikron künftig auf neue Regelungen auswirken könnte, ist ungewiss.

„Niemand weiß, wie sich Omikron hier ausbreiten wird und welche Auswirkungen das auch auf den Schulbetrieb hat“, so Herrler-Heycke. Das werde sich zeigen, aber zurück zur Lockdown-Lage vor einem Jahr wolle niemand, „da wollen wir nie wieder hin und müssen das unbedingt vermeiden“.

Diese Regeln gelten an den Schulen

Für den am Montag wieder startenden Schulbetrieb gelten bislang dieselben Corona-Regeln wie vor den Weihnachtsferien.

Es wird grundsätzlich eine Pflicht zum Tragen einer medizinischen Maske auch am Sitzplatz bis auf Weiteres bestehen bleiben.

Schülerinnen und Schüler, die weder vollständig geimpft noch genesen sind, müssen für die Teilnahme am Präsenzunterricht dreimal pro Woche einen negativen Testnachweis erbringen, wobei die Testung am Beginn jedes Schultags nicht länger als 48 Stunden zurückliegen darf (Ausnahme: 14 Tage tägliche Testpflicht bei positiv bestätigtem PCR-Test in der Klasse/Lerngruppe).

Auch geimpfte und genesene Schülerinnen und Schüler erhalten mindestens einmal pro Woche ein Testangebot in der Schule.

Das Testheft für die Schüler soll außerdem für das neue Jahr neu aufgelegt und an die Schüler verteilt werden.

Von Ina Tannert und Stefan Dietrich

06.01.2022
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