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Marburg Schulstandorte in Gefahr: Azubis dringend gesucht
Marburg Schulstandorte in Gefahr: Azubis dringend gesucht
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14:00 30.06.2022
Ein Metallbauer beim Schweißen: Die heimischen Metaller suchen dringend Auszubildende – denn die Berufsschulstandorte in Marburg und Biedenkopf sind bedroht.
Ein Metallbauer beim Schweißen: Die heimischen Metaller suchen dringend Auszubildende – denn die Berufsschulstandorte in Marburg und Biedenkopf sind bedroht. Quelle: Klaus-Dietmar Gabbert
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Marburg

Die Situation ist für die Betriebe der heimischen Metall-Innung „sehr herausfordernd“, wie Obermeister Gerhard Fach in seinem Rückblick auf das vergangene Jahr erläutert. Zwar seien die Betriebe zunächst weitestgehend stabil durch das weiterhin durch die Pandemie geprägte Jahr gekommen. „Aber unsere Zulieferer hatten mit zum Teil existenzbedrohenden Auswirkungen der weltweit aufgetretenen Verwerfungen zu kämpfen.“

Zwei Drittel der Betriebe erwarten eine Stagnation

Lieferengpässe, immense Preissteigerungen, zusammenbrechende Lieferketten – „zusätzlich zum Fachkräftemangel war davon letztlich dann die ganze Branche betroffen und geriet unter massiven Druck“, so Fach. Laut einer aktuellen Umfrage des Bundesverbands Metall erwarten zwei Drittel der Betriebe im Metallhandwerk für die nahe Zukunft eine Stagnation, „jedes fünfte Unternehmen rechnet mit einer Eintrübung der wirtschaftlichen Lage“, so Fach. Lediglich 13 Prozent seien noch optimistisch gestimmt. An die neue Ampel-Koalition habe man hohe Erwartungen, denn, so Fach: „Ohne die 33 000 Betriebe des beschäftigungsintensiven Metallhandwerks sind am Produktionsstandort Deutschland technische Innovationen und Transformationen kaum denkbar.“ Man sorge nicht nur für Wertschöpfung, sondern als Arbeitgeber auch für Wohlstand und Stabilität. „Die Politik muss diese Betriebe auf der Agenda haben und auskömmliche Rahmenbedingungen schaffen“, so Fach.

Wie viele Unternehmen haben auch die Metaller Personalprobleme: „Wir benötigen dringend Fachkräfte – diese zu bekommen wird zunehmend schwieriger“, verdeutlicht der Obermeister. Gründe dafür seien der demografische Wandel ebenso „wie die zunehmende Akademisierung“. Zahlreiche Nationen würden Deutschland um das „Erfolgsmodell duale Ausbildung“ beneiden. Nun sei die Politik gefordert, dieses Modell „in den Fokus zu nehmen und zu fördern, wann immer es geht“, so Fach.

Man fordere gleiche Chancen für akademische wie berufliche Ausbildung. „Ausbildungsbetriebe zahlen zusätzlich zur Ausbildungsvergütung noch Sozialabgaben, BG- und Versicherungsbeiträge und Ausbildungsgebühren.“ Die Ausbildungsstätten des Handwerks seien von Fördergebern abhängig, was die technische Ausstattung angehe – die sei dadurch häufig nicht auf dem neuesten Stand. „Hochschulen erhalten diese Förderung jedoch ohne Restriktion“, sagt Fach.

Anzahl an Azubis reicht auf Dauer nicht aus

„Das Metallhandwerk kämpft – Ukraine-Krieg, Corona-Folgen, Materialengpässe und Fachkräftemangel sind Schwierigkeiten, die nicht schnell beseitigt werden können“, fasste Fach die Situation auch der heimischen 18 Innungsbetriebe zusammen, in denen derzeit 32 Azubis ausgebildet würden. Und diese stehen symbolisch für ein großes Problem: Um die beiden Berufsschulstandorte in Biedenkopf für die Metallbauer und in Marburg an der Adolf-Reichwein-Schule (ARS) für die Feinwerkmechaniker zu erhalten, reicht diese Anzahl auf Dauer nicht aus.

Denn in diesem Jahr greifen erstmals die neuen Zahlen des Konzepts „zukunftsfähige Berufsschule“ des Hessischen Kultusministeriums. Meinhard Moog, Geschäftsführer der Kreishandwerkerschaft, erläuterte dieses Konzept: „Die Idee war, die Berufsschulstandorte zu sichern, indem die Mindestklassengrößen herabgesetzt werden.“ Waren bisher 15 Schüler je Klasse nötig, um eine Lehrerzuweisung zu erhalten, so genügen nun zwölf Schüler im ersten Lehrjahr, neun im zweiten, acht im dritten und fünf im vierten Lehrjahr. „Wenn diese Zahlen nicht erreicht werden, gibt es eine Gelbe Karte, wird die Zahl im nächsten Jahr wieder nicht erreicht, kommt die Rote Karte – der Standort fällt weg.“ Dann komme es zunächst zu regionalen und dann zu landesweit zuständigen Schulen.

Bei den Feinwerkmechanikern gibt es derzeit drei Azubis im ersten und jeweils vier vom zweiten bis vierten Lehrjahr, „viel zu wenig“, wie Moog erläutert, „und doch sind die Zahlen im hessenweiten Vergleich nicht schlecht“. Die ARS wolle sich als Fachschule bewerben, „die Kreishandwerkerschaft unterstützt dies“ so Moog. In Biedenkopf – Schulstandort der Metallbauer – gibt es derzeit 16 Azubis im ersten, sechs im zweiten und neun im dritten Lehrjahr. Auch dort sind zumindest für das zweite Lehrjahr die Mindestanforderungen unterschritten. Die Versammlung sprach sich dafür aus, vielleicht durch Blockunterricht eine Verbesserung zu erreichen.

Obermeister Gerhard Fach (von rechts) zeichnete Karl-Heinz Böttner mit dem goldenen Meisterbrief und Diana Schüler für ihr 25-jähriges Meisterjubiläum aus. (Foto: Andreas Schmidt)

Diana Schüler wurde während der Versammlung für ihr 25-jähriges Meisterjubiläum geehrt. Karl-Heinz Böttner wurde von Obermeister Gerhard Fach für sein 50-jähriges Meisterjubiläum ausgezeichnet.

Von Andreas Schmidt