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Marburg Maskenpflicht durch die Hintertür?
Marburg Maskenpflicht durch die Hintertür?
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12:00 05.07.2021
Was als eine Erleichterung für die Schüler gedacht ist, sorgt für rege Diskussionen in den Schulen: die Aufhebung der Maskenpflicht.
Was als eine Erleichterung für die Schüler gedacht ist, sorgt für rege Diskussionen in den Schulen: die Aufhebung der Maskenpflicht. Quelle: Matthias Balk
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Die hessische Landesregierung hatte entschieden: Seit mehr als einer Woche dürfen Schülerinnen und Schüler dem Unterricht an ihrem Sitzplatz ohne Maske folgen. Was sich auf den ersten Blick nach einer guten Entwicklung für die Kinder anhört, führt vor Ort zu intensiven Diskussionen in Lehrer- und Elternschaft.

Denn mit dem Verzicht auf die Masken im Klassenraum wächst im Falle einer Corona-Infektion die Gefahr, dass alle Schüler der Gruppe in Quarantäne müssen. Bei Eltern, aber auch Lehrern ist das nicht gern gesehen – manche Schulleiter raten ihrer Schulgemeinde daher dazu, von der Erlaubnis der Landesregierung gar nicht erst Gebrauch zu machen.

Seit dem 25. Juni greift in Hessen die neue Verordnung, um das Coronavirus zu bekämpfen. Sie bringt angesichts bundes- und hessenweit gesunkener Inzidenzwerte manche Lockerungen mit sich. Was den Präsenzunterricht und die Testpflicht angeht, bleibt bei den Schulen alles beim Alten: Die Schüler aller Jahrgangsstufen werden in der Schule unterrichtet, getestet wird zweimal pro Woche.

Lockerungen gelten jedoch für das Tragen der Maske: Die Kinder sollen sie im Schulgebäude und auf dem Weg zum Sitzplatz tragen, dann darf sie aber runter. Zur Pflicht würde sie erst dann wieder, wenn es zu einem „Ausbruchsgeschehen“ an der Schule kommt.

Was sich auf den ersten Blick klar und einfach liest, hat allerdings eine Tücke. Denn: Bei der Entscheidung des Gesundheitsamtes, ob eine Klasse nach einem positiven Fall in Quarantäne muss, ist eins der Kriterien, ob im Klassenverband Masken getragen worden sind.

„Unser vordringlichstes Ziel ist es im Moment, die Ausbreitung der sogenannten Delta-Variante des Coronavirus zu verlangsamen, um Zeit zu gewinnen, damit die Impfungen weiter voranschreiten können“, erklärt Kreispressesprecher Stephan Schienbein dazu.

Schulleiter empfehlen, weiter Masken zu tragen

Auch sei es in der Tat so, dass eine gesamte Klasse oder Lerngruppe in Quarantäne geschickt werden könne, wenn es in dieser Klasse oder Lerngruppe einen Corona-Fall gibt.

Ob solch eine Quarantäne angeordnet wird, hängt laut Schienbein von mehreren Faktoren ab: Eine Rolle spielt, wie lange der Betroffene in der Schule war, ob er Symptome hatte, als er in der Schule war, ob das Lüftungskonzept konsequent umgesetzt und Abstände eingehalten wurden – und eben auch, ob Masken getragen wurden.

Gerade das hat aber an vielen Schulen zu Befürchtungen geführt, beispielsweise an der Lahntalschule in Biedenkopf und dem Gymnasium Philippinum in Marburg. In einem Brief an Eltern und Schüler berichtete Schulleiterin Sabine Schäfer-Jarosz von „Sorgen und Diskussionen“ in der Schulgemeinde. Ein Problem der neuen Verordnung bestehe darin, dass unter Umständen die gesamte Lerngruppe in Quarantäne geschickt werden müsste, wenn im Unterricht keine Masken getragen wurden.

„Quarantäne bedeutet konkret, dass man bis zu zwei Wochen zuhause bleiben müsste, nicht in Urlaub fahren könnte, nicht einmal das Zuhause verlassen dürfte“, warnte die Schulleiterin der LTS. Daher legte sie den Eltern nahe, dass ihre Kinder aus Solidarität und im Sinne aller im Unterricht weiterhin Masken tragen.

Von „großer Sorge“ sprach auch Schulleiter Michael Breining (Philippinum) in einem Brief an die Eltern. Er halte es für „unheimlich schade“, kommentierte er die neue Verordnung der hessischen Landesregierung, die erreichten Erfolge drei Wochen vor den Ferien „unvorsichtig aufs Spiel“ zu setzen.

Und weiter: „Daher spreche ich eine dringende Empfehlung an alle Schülerinnen und Schüler sowie alle Lehrkräfte aus, weiterhin in den Unterrichtsräumen eine medizinische Maske zu tragen und bitte hierbei auch um die Unterstützung der Eltern und Erziehungsberechtigten.“

Gerade dieser Umgang mit der Verordnung gefällt aber auch nicht allen. Eltern und Kinder würden von Schulleitung und Lehrern unter Druck gesetzt, beschwerte sich ein Vater, dessen Kind die Biedenkopfer Lahntalschule besucht. Dabei sei die Verordnung der Landesregierung doch eindeutig und erlaube ausdrücklich, auf die Maske zu verzichten.

Sabine Schäfer-Jarosz betont dagegen, keinen Druck ausgeübt zu haben. Natürlich habe jeder Schüler das Recht, die Maske nicht zu tragen. Allerdings sei sie als Schulleiterin auch für den Schulfrieden verantwortlich – und das bedeute, die Bedenken von Eltern und Lehrern ernst zu nehmen.

Im Übrigen sei ihr nach ihrem Brief viel Positives, aber nur eine einzige Kritik zu Ohren gekommen. Der Unmut nach Bekanntwerden der neuen hessischen Verordnung sei dagegen massiv gewesen. Viele hätten sich Sorgen um ihre Gesundheit und die Ferien gemacht.

Schulamt ist sich der Zwickmühle bewusst

Der Leiter des Staatlichen Schulamts, Burkhard Schuldt, ist sich nach eigenen Worten der „Zwickmühle“ bewusst, in der sich Schüler, Eltern, Lehrer und Schulleitungen befinden. Das habe es während der Pandemie aber immer wieder gegeben. Er stellt sich ausdrücklich hinter die Entscheidung der hessischen Landesregierung: Die jüngsten Lockerungen sind aus seiner Sicht „abgewogen“, der Verzicht auf die Maskenpflicht im Unterricht „verantwortbar“.

Das zeige schon ein Blick auf die Zahlen: Unter Lehrern und Schülern gebe es extrem wenige Fälle Infizierter. „Die Wahrscheinlichkeit, dass sich jemand in der Schule infiziert, ist extrem gering“, sagte Schuldt.

Er persönlich spreche daher keine Empfehlung aus, anders zu verfahren, als es die neuen Regelungen vorsehen. Auf der anderen Seite komme es natürlich immer darauf an, mit Augenmaß vorzugehen. Und wenn Schulleiter sachlich darüber informieren, welche Konsequenzen ein bestimmtes Verhalten nach sich ziehen kann, sei dagegen auch nichts zu sagen. Wobei immer klar sein müsse, dass kein Schulleiter eine Maskenpflicht verordnen kann.

Allerdings lassen sich die Dinge wohl auch nicht auf die einfache Formel bringen „Alle Kinder haben Maske getragen – keine Quarantäne; ein Kind oder mehrere Kinder haben keine Maske getragen – Quarantäne.“ Laut Kreispressesprecher Stephan Schienbein müssen die Fachleute des Gesundheitsamtes jeden Fall und jede Entscheidung sehr genau überprüfen.

„Trägt ein kompletter Klassenverband oder eine komplette Lerngruppe beispielsweise Masken (medizinische Masken, FFP2-Masken oder Masken mit vergleichbarem Standard) und wurden Abstände eingehalten und regelmäßig gelüftet, kann die Ausgangslage wesentlich einfacher sein, und es kann unter Umständen darauf verzichtet werden, für eine ganze Klasse eine Quarantäne anzuordnen.“ Wenn einzelne Schüler keine Maske getragen hätten, mache dies die Bewertung deutlich schwieriger.

Dem Kreis sei dabei klar, dass das Anordnen einer Quarantäne für einen ganzen Klassenverband weitreichende Folgen haben kann, etwa mit Blick auf geplante Urlaubsreisen. Auf der anderen Seite sei auch klar, dass das Tragen der Masken im Unterricht für die Schüler eine Belastung darstellen kann. Schienbein: „Deshalb raten wir dazu, das Für und Wider des Maskentragens in Innenräumen der Schulen besonnen abzuwägen.“

Von Hartmut Bünger

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