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Marburg Schulen sollen wieder zu Oasen von Schutz und Sicherheit werden
Marburg Schulen sollen wieder zu Oasen von Schutz und Sicherheit werden
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16:00 28.02.2022
Schüler genießen trotz Maske in dieser Szene die Schule als einen Platz von Schutz und Sicherheit.
Schüler genießen trotz Maske in dieser Szene die Schule als einen Platz von Schutz und Sicherheit. Quelle: Privatfoto
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Marburg.

Gehören Bildungseinrichtungen zur kritischen Infrastruktur, die besonders geschützt werden muss? Gehören sie nach Definition des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (BBK) „zu den Organisationen oder Einrichtungen mit wichtiger Bedeutung für das staatliche Gemeinwesen, bei deren Ausfall oder Beeinträchtigung nachhaltig wirkende Versorgungsengpässe, erhebliche Störungen der öffentlichen Sicherheit oder andere dramatische Folgen eintreten würden“?

Ja, sagt die Marburger Lehrerin Corinna Posingies, die an der Wollenbergschule in Wetter unterrichtet und an der Medical School Hamburg gemeinsam mit Professor Harald Karutz im Auftrag des BBK eine Studie zu diesem Thema verfasst hat.

Posingies sieht im Bildungswesen eine problematische Situation – pandemiebedingt, aber auch mit verursacht durch das Krisenmanagement. Psychosoziale Aspekte der Pandemie hätten stärker berücksichtigt werden müssen, meint die Pädagogin, die sich um ihre Schülerinnen und Schüler Sorgen macht.

Wenig Mitbestimmung über Gestaltung des Schulalltags

Wissenschaftler hätten zwar schon vor Monaten Konzepte erarbeitet, um den Schulbetrieb sicherer zu gestalten. Eine Leitlinie verschiedener Fachgesellschaften wurde aber in keinem Bundesland vollständig und flächendeckend umgesetzt.

Posingies kritisiert auch, dass die betroffenen Schulgemeinden kaum Gelegenheiten hatten, über die Gestaltung des Schulalltags mitzubestimmen. In einer Studie, auf die Posingies verweist, haben 40 Prozent der befragten Jugendlichen angegeben, sie hätten den Eindruck, von Politikern überhaupt nicht wahrgenommen zu werden.

Dass Schulen zuletzt geöffnet geblieben sind, findet Posingies absolut richtig. Aber Schulen müssen natürlich auch sicher sein. Und Studien würden Hinweise darauf geben, dass derzeit viele Kinder und Jugendliche mit sehr gemischten Gefühlen im Unterricht sitzen. Manche Schülerinnen und Schüler haben auch Angst und leiden unter der aktuellen Situation sehr.

Vor allem für Kinder aus vorbelasteten Familien sei die Corona-Krise sehr problematisch geworden. Bei Schulschließungen müsse auf sie ganz besonders geachtet werden, meint Posingies. Nicht immer sind Computer und eine Internetverbindung vorhanden, um zuhause gut lernen zu können.

Und auch nicht alle Eltern können das Homeschooling problemlos unterstützen. Ganz besonders gilt das, wenn sie selbst berufstätig sind. Einer Studie der Universitäten Heidelberg und Frankfurt zufolge sind Eltern tendenziell unzufrieden mit dem Homeschooling. Mehr als die Hälfte wünscht sich beispielsweise auch bessere Informationen durch die Schule.

Generell seien Kinder und Jugendliche besonders anfällig für psychische Folgen der Corona-Krise. Sie befinden sich in einer sensiblen und manchmal auch kritischen Lebensphase, in denen Erfahrungen besonders nachhaltig prägen. Posingies bezeichnet Schülerinnen und Schüler deshalb als eine vulnerable, also besonders verletzliche Gruppe, die man besonders schützen muss.

Aber auch andere Aspekte haben Corinna Posingies und Professor Harald Karutz in den Blick genommen. Das Bildungswesen sei, so Posingies, auch abhängig von anderen Einrichtungen der kritischen Infrastruktur, etwa dem Öffentlichen Personennahverkehr, einer sicheren Stromversorgung oder der IT-Sicherheit.

Die technische Ausstattung für digitalen Unterricht sei an vielen Schulen unzureichend, meint Posingies. Und sie hat festgestellt, dass das Bildungswesen in Deutschland insgesamt nicht gut auf eine Pandemie vorbereitet gewesen ist. Notfall- und Krisenpläne gibt es zwar für Ereignisse wie zum Beispiel ein Feuer oder eine Explosion in der Schule. An langfristige und großflächige Krisenlagen hätte man, so Posingies, bislang aber kaum gedacht.

Wichtig sei, so Posingies, dass man jetzt viel unternimmt, um Schülerinnen und Schüler bei der Bewältigung der Pandemie zu unterstützen. „Die Digitalisierung des Bildungswesens allein kann es nicht retten“, sagt Posingies. Und ergänzt: „Das Wichtigste sind konkrete Ansprechpartner, an die Schülerinnen und Schüler sich mit ihren Sorgen und Nöten wenden können.“ Deshalb sind auch gute Beziehungen zwischen Lehrkräften sowie ihren Schülerinnen und Schülern so wichtig, meint Posingies.

Unsere Kinder sind „das Wertvollste, was es gibt“

Sie schlägt vor, Schulen mehr Spielräume zu geben, um in der Krise eigene Entscheidungen zu treffen. Auf diese Weise könnten besondere Bedürfnisse einzelner Schulgemeinden besser berücksichtigt werden als bisher. Letztendlich müsste es darum gehen, dass auch Bildung zur Krisenbewältigung beitragen kann. Posingies hat dazu ein fächerübergreifendes Rahmenkonzept erarbeitet, mit dem die Pandemie auch als eine Chance genutzt werden könnte: „Aus der Krise können Kinder und Jugendliche eine Menge lernen“, sagt Posingies.

Gesundheitsverhalten, Krisenbewältigungsstrategien, kluge Prioritätensetzungen und Selbständigkeit führt sie beispielhaft an. Posingies wünscht sich, dass Schulen nicht von Druck und Ängsten geprägt sein sollen. „Schulen sollten Oasen von Schutz und Sicherheit sein, an denen Kinder sich wohl fühlen und gestärkt werden“, meint die Pädagogin. Daran möchte sie auch in Zukunft arbeiten. Kinder, sagt Posingies, seien schließlich „das Wertvollste, was es gibt“.

Von Till Conrad

28.02.2022
28.02.2022