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Marburg Schulen öffnen! Marburger kämpft gegen Corona-Bedenkenträger
Marburg Schulen öffnen! Marburger kämpft gegen Corona-Bedenkenträger
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09:58 07.04.2021
Björn Gemmer, Schulleiter der Steinmühle, ist wütend über den Corona-Kurs für die Schulen.
Björn Gemmer, Schulleiter der Steinmühle, ist wütend über den Corona-Kurs für die Schulen. Quelle: Björn Wisker
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Marburg

Verbieten, einschränken, schließen: Er kann sie nicht mehr hören, die seit einem Jahr wiederkehrenden Forderungen in Deutschland, in Hessen, im Landkreis und in Marburg. „Es gibt funktionierende Schutzkonzepte, aber sie einzusetzen, wird verweigert, mindestens erschwert. Also machen wir Schulen dicht und beschädigen damit die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen.“ Das sagt Björn Gemmer, Schulleiter der Steinmühle in Cappel.

Der 45-Jährige kämpft seit Pandemie-Beginn dafür, dass seine Schüler nicht abgehängt werden, dass Schule nicht nur als Lernort – also Stoff pauken, Fachwissen vermitteln –, sondern als Sozialraum, als Treffpunkt von Freunden erhalten bleibt. „Die jungen Leute verlieren sozial so viel, es werden über geschlossene Schulen ganze Lebensphasen negativ beeinflusst“, sagt er.

Fernunterricht klappt gut

Der Fernunterricht funktioniere soweit ganz gut, aber das für die persönliche Entwicklung so wichtige Miteinander bleibe auf der Strecke. „Der Preis dieser Pandemiebekämpfung ist hoch, zu hoch.“

Doch das Unterfangen, Schulen offen zu halten, wird nach Gemmers Aussagen von niemandem schwerer gemacht als von den verschiedenen Lehrerverbänden, den Pädagogen-Lobbygruppen, die wiederum Einfluss auf politische Entscheidungsträger nehmen. Dabei würden die Verbände ein Zerrbild zeichnen, eine „Minderheit von überängstlichen, arbeitsscheuen Egomanen“ vertreten, Lehrer als „feige, faule, verantwortungslose Deppen“ darstellen, die noch nie einen Computer bedient oder dienstlich E-Mails genutzt hätten. Es gebe bei einigen offenkundig eine „Unlust an Wegen aus der Krise“.

„Destruktive Haltung“ zum Schaden von Kindern?

Gemmer ist wegen der „destruktiven Haltung“ aus seiner Gewerkschaft, dem Philologenverband, ausgetreten – und das wutentbrannt. Er hat einen offenen Brief geschrieben, in dem er sich bitter über die Forderungen, das Auftreten des Verbands sowie auch anderer Gruppen wie GEW und BLLV beschwert. Gemmer schreibt: „Sie stellen sich gegen alles, was dazu beitragen könnte, Schüler zurück in die Schulen zu bringen und Lehrkräften einen halbwegs normalen Arbeitsalltag zu bescheren.“

Mit den seit Monaten andauernden Forderungen nach geschlossenen Schulen hätten sich Gewerkschaften „gegen Bildung positioniert“, es schimmere gar eine „ kinder- und jugendverachtende Grundhaltung“ heraus, wenn die Isolation von jungen Menschen – eben durch das Eintreten für Schulschließungen statt etwa von Selbsttests gestützten Öffnungen – befördert werde. Die Verbände würden einen „ganzen Berufsstand beschmutzen“, ihn „widert das an, ich schäme mich dafür“.

Philologenverband weist Kritik zurück

In den sozialen Netzwerken wird der Steinmühlen-Schulleiter für seine klaren Worte gefeiert, bekommt Zustimmung. Der Hessische Philologenverband weist die Kritik indes zurück, äußert sich auf OP-Anfrage so: Man sei wegen der Vorwürfe „ausgesprochen konsterniert“ und empfinde das als „unangemessen“, Gemmer „verwechselt Vorsicht mit Destruktivität“.

Vielmehr sei die Forderung nach ausreichendem Infektions- und Gesundheitsschutz „das Mindeste, was man von einer Lehrergewerkschaft erwarten kann“, und Bildung und guter Unterricht seien zentrale Ziele. Aber: „Die gesundheitlichen Risiken nehmen enorm zu.“ Daher sei die Forderung: „Schulen können nur wieder öffnen, wenn Gesundheits- und Infektionsschutz für alle Beteiligten gewährleistet werden.“ Die laufenden Osterferien müssten dazu genutzt werden, alle Lehrer zu impfen.

Nicht mehr als ein Prozent positiv

Das Staatliche Schulamt Marburg-Biedenkopf legte zuletzt Zahlen vor, wonach im Jahr 2020 zeitgleich nie mehr als ein Prozent aller 31.000 Schüler und 2.500 Lehrkräfte positiv getestet waren. „Das Infektionsgeschehen war und ist sehr gering“, sagte Schulamtsleiter Burkhardt Schuldt im März. Anfang April waren nach Angaben des Gesundheitsamts rund 150 der etwa 800 Corona-Fälle im Schul-, 50 im Kita-Alter.

Für Gemmer ist klar: Nach mehr als einem Jahr Corona-Pandemie brauche es weder auf Bundes-, Landes- noch auf kommunaler Ebene „Bedenkenträger“, zumal Befürchtungen etwa nach massenhaften Infektionen in Schulen von den Daten nicht gedeckt seien. „Das Verantwortungsbewusstsein der Lehrerschaft ist hoch, die meisten wollen, können und werden sich für ihre Schüler einsetzen. Sie müssen es aber auch dürfen, dafür und nicht dagegen müsste gekämpft werden.“ Nach den Osterferien sollten alle Schüler und Lehrer, vorübergehend eben flankiert von Schnelltests „in eine Umgebung zurückkehren, in der sie lernen, aber eben auch leben können“.

Von Björn Wisker