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Marburg Handy wird zum digitalen Klassenzimmer
Marburg Handy wird zum digitalen Klassenzimmer
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09:59 17.11.2020
Schüler eines Gymnasiums nutzen im digitalen Klassenzimmer iPads im Unterricht. Quelle: Britta Pederseon/dpa
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Cappel

Wenn der Zeigefinger den Stift ersetzt, leuchten die Augen von Dirk Konnertz. Er steht in einem leeren Klassenraum und wischt auf dem Smartphone hin und her.

Siehe da, die Mathe-Stunde gibt ein Vertretungslehrer. Die Erledigung der Spanisch-Aufgaben steht noch aus. Und nach dem Deutschkurs steht in der Mensa Schnitzel auf dem Speiseplan. Am Nachmittag dann ein Chat mit der Englisch-Lehrerin:

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„Ein Klick, ein Blick und man weiß über alles Wichtige am Schultag Bescheid“, sagt er. Gemeint ist die „Stone-App“, die 1.500 Schüler, Lehrer und Eltern an der Steinmühle täglich auf Smartphones, Laptops oder Desktop-PCs nutzen.

Schüler sehen darin ihren Stundenplan und Raumänderungen, Klassenarbeiten, Unterrichts-Materialien. Lehrer ihre jeweiligen Termine oder Schüler-Nachrichten, und Eltern können mit einem Klick ihr Kind krank melden und ihrerseits die Pädagogen kontaktieren. „Wie die ganze Digitalisierung löst das keine Probleme, auch keine Bildungsprobleme. Aber sie erleichtert den Arbeitsalltag ungemein – für alle“, sagt Konnertz.

Rettungsanker „Stone-App“

Gerade wegen der von vielen Schülern wie Eltern gefürchteten Belastung durch Homeschooling sieht Konnertz in der „Stone-App“ einen Rettungsanker. Digitale Unterrichtsmaterialien, von Tafelschaubildern des Mathelehrers bis Youtube-Links der Fremdsprachen-Lehrerin, sind im System wie selbstverständlich abgelegt, um ein bestmögliches Lernen zu ermöglichen.

Mehr noch: Lehrer können neben Chats mit Einzelnen auch zu Videokonferenzen einladen, sprich Fern-Unterricht geben. Klassenunterricht ohne Klassenraum. Denn das sei es, was Schule, was Lehrer zu gewährleisten hätten: Schüler unterrichten, ihnen Stoff beibringen, Aufgaben stellen, bei deren Lösung helfen, sie begleiten und nicht alleine lassen.

„Während der Schulschließung sind so viele Probleme und Fragen aufgelaufen, die es zu lösen galt. Wir wussten, dass wir uns jetzt nicht nur für den Fall der Fälle etwas einfallen lassen mussten, sondern Lehren und Lernen dauerhaft neu gestalten müssen“, sagt Konnertz. Die Web-App in ihrer jetzigen Form von Ex-Schüler Aaron Stein eigenständig während der Abi-Vorbereitungen programmiert, ist im Corona-Lockdown entstanden.

App könnte auch von anderen Schulen genutzt werden

„Als Schüler bin ich mitten drin gewesen und wusste, was man beim Überblick tatsächlich braucht und was unnötig ist. Man will sich als Schüler ja eher lieber weniger als ständig mit Schule beschäftigen“, sagt der 20-jährige Stein, der mittlerweile bei einem Technik-Konzern als Programmierer arbeitet.

Aaron Stein, er hat die App der Steinmühle programmiert Quelle: privat

Sein Interesse hat vor Jahren begonnen, nachdem er erst einen Lego-Roboter, später Programmierbücher („Ich habe die anfangs null verstanden“) geschenkt bekam. „Ein Grundinteresse an Technik hatte ich immer. Etwas erstellen, das machte mir Spaß. Das war der Einstieg in das, was später kam.“

Konkret: Am PC an Software-Schnippseln tüfteln, mit Codes experimentieren, mal einen Kalender bauen, mal eine Homepage basteln, dann ein eigenes Spiel programmieren.

„Vieles ist unfertig geblieben, war Spielerei“, sagt er. Bis dann im Informatikkurs eine alte Idee der Steinmühlen-Schülervertretung wiederbelebt wurde: Eine Schul-App für Schüler, Eltern und Lehrer. Eine Umfrage später, in der man erfragte, was die Anforderungen an die App sein sollten, setzte sich Stein an das Projekt.

Die App ist nun so weit, dass sie mit wenigen Anpassungen über die Steinmühle hinaus, also von anderen Marburger Schulen oder Bildungseinrichtungen deutschlandweit genutzt werden könnte. Konnertz und Stein sind aktiv auf der Suche nach Investoren, nach Partnern – etwa auf der Start-up-Messe „Futura“ in Marburg, die Anfang November Corona-bedingt abgesagt wurde.

Die Steinmühle hat ihre eigene Schul-App: Niklas Esters (links), Sienna Mayer, Josephine Schmölz und Joris Benavente präsentieren sie. Quelle: Till Buurman

Bedenken, Widerstände, Kritik – das habe es aus dem Lehrer-Kollegium gegeben, sagt Konnertz. Aber mittlerweile, im Praxistext seien selbst die schärfsten Kritiker davon überzeugt, dass die App für alle eine Arbeitserleichterung darstelle.

„Schule wird auch bei uns nicht mehr so, wie sie vor dem Lockdown war“, sagt er und verweist auf andere Länder, wo Digitaltechnik-Einsatz, die Anwendung von Apps und Co. längst Alltag ist. „Es geht nicht darum, nur Technik bereitzustellen. Sie muss von Menschen wie selbstverständlich bedient, eingesetzt, genutzt werden. Auch das muss man lernen, aber man muss es machen. Hier und jetzt.“

Schlechtes Zeugnis für Schulausstattung

Eltern stellen den deutschen Schulen nach der Erfahrung mit dem Lockdown ein schlechtes Zeugnis in Sachen Digitalisierung aus. Für ihre Fähigkeit, im Falle erneuter Schulschließungen den Unterricht aufrechterhalten zu können, erhalten sie lediglich die Note „mangelhaft“, ergibt eine repräsentative Umfrage des Digitalverbandes Bitkom.

Und wie sieht es mit App- und Technik-Ausstattung an Marburgs Schulen aus? Grundsätzlich habe sich das Medienzentrum der Stadt Marburg dafür entschieden, das Schulportal des Landes als Arbeitsplattform zu unterstützen. Das hätte, so heißt es auf OP-Anfrage, allen Schulen bis zu den Sommerferien 2020 zur Verfügung stehen und auch um etwa Videokonferenzmöglichkeiten erweitert werden sollen.

Aber wegen der fehlenden Umsetzung wurden bereits vor den Sommerferien, unabhängig von der Corona-Pandemie, „individuelle Schullösungen unterstützt“ beziehungsweise als zentrale Lösung die „Nextcloud“ sowie verschiedene Videokonferenztools angeboten. Nach OP-Informationen gab es aber wegen des stockenden Prozesses an der Elisabethschule ein Crowdfunding – Eltern und Lehrer sollten Geld für die Technik-Anschaffung sammeln.

Von Björn Wisker

17.11.2020
16.11.2020
16.11.2020