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Marburg Schuld ist der Bundestrend – oder nicht doch der Behringtunnel?
Marburg Schuld ist der Bundestrend – oder nicht doch der Behringtunnel?
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07:58 17.03.2021
Glücklich sieht anders aus: CDU-Spitzenkandidat Dirk Bamberger bei dem Blick auf sein OB-Wahlergebnis am Sonntag.
Glücklich sieht anders aus: CDU-Spitzenkandidat Dirk Bamberger bei dem Blick auf sein OB-Wahlergebnis am Sonntag. Quelle: Tobias Hirsch
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Marburg

Was ist eigentlich mit dem CDU-Kandidaten, Landtagsabgeordneter Dirk Bamberger, bei der Oberbürgermeisterwahl passiert? Die OP analysiert, was neben den bundespolitischen Faktoren Pandemie-Politik, CDU-Maskendeal und Willsch-Party-Video für ihn schiefgelaufen ist, so dass er nicht mal in die Stichwahl einzog.

Ein flächendeckender Absturz

Die Stimmenverluste in traditionellen CDU-Hochburgen, den relativ schnell ausgezählten Außenstadtteilen, machten früh am Sonntag deutlich: Das Rennen ist verloren. Im kleinen Dilschhausen mit dem umtriebigen CDU-Ortsvorsteher Hermann Heck am Wahlwerbe-Ruder verliert Bamberger gleich ein Viertel, ein Absturz um mehr als 25 Prozent sucht seinesgleichen. In Schröck, einer konservativen Bank, beträgt das Minus 13, im nahen Bauerbach elf und im westlichen Michelbach zehn Prozent.

Wer als CDU-Bewerber in den die Kernstadt umgebenden Dörfern nicht deutlich vorne liegt, ist chancenlos – denn im und um das Zentrum herum, in den einwohnerstarken Stadtteilen, ist der Stand stets schwerer; und auch hier sind die Verluste 2021 zweistellig: Cappel und Ockershausen mit jeweils minus 10, Wehrda mit minus 11,5, Marbach gar mit minus 14 Prozent; bei gleichzeitiger Verdreifachung der Grünen, wohl auch dank CDU-Wählerschaft.

Kein Newcomer-Bonus mehr

Ende 2015 stand mit Bamberger ein Kandidat zur Wahl, der bis dato politisch unauffällig war. Feuerwehrmann, Musiker – in der sogenannten Zivilgesellschaft war er bekannt, aber als Kandidat für den Stadtoberhaupt-Posten, als Zugpferd für eine CDU-Regierungsbeteiligung hatte ihn kaum jemand auf dem Schirm.

Eine gewisse Hemdsärmeligkeit, Leutseligkeit, eine forsche Sprache „frei von der Leber weg“, eine unbekümmerte Frische ließen ihn damals in ganz Marburg viele Fans gewinnen. Ein Newcomer als Gegenentwurf zu den damals lange etablierten Egon Vaupel, Matthias Acker oder Dr. Thomas Spies – das wirkte auf so einige Wähler anziehend, sorgte für das beste CDU-OB-Wahlergebnis seit Langem. Mit 35,2 Prozent war es ein Ergebnis, das über dem aktuellen Spies-Resultat liegt; allerdings bei nur halb so vielen Amtsbewerbern wie 2021. Mit dem Landtagseinzug 2018 ist die Newcomer-, die Quereinsteiger-Zuschreibung Bambergers Vergangenheit.

Keine Einheit im bürgerlichen Lager

Sowohl die FDP als auch die BfM traten in diesem Jahr mit eigenen OB-Kandidaten an. Zwar schnitten beide mit je rund drei Prozent unterhalb ihrer eigenen Erwartungen ab.

Aber wenn sich diese Stimmen, wie bei Bambergers erster Amtsbewerbung 2015, mit geschlossenem bürgerlichen Lager auf ihn vereinigt hätten, hätte das für den Stichwahl-Einzug, für einen Vorsprung von rund 2,5 Prozent auf Bernshausen gereicht. Nirgendwo zeigt sich der Mangel an liberaler Unterstützung deutlicher als in der Marbach, wo der Konservative im Vergleich zur ersten Runde 2015 satte 14 Prozent verlor.

Einige Reizthemen, dafür wenig Publikum

Behringtunnel-Bau, Sicherheit mit Stadtpolizei und Videoüberwachung, Stadtbild-Sauberkeit: Eigentlich schien es so einige polarisierende Forderungen zu geben – doch im Distanz-Wahlkampf versendeten sich die Botschaften im Internet, einen Schlagabtausch vor großem Publikum mit Spies und Bernshausen gab es nur beim OP-Talk.

Und dort schien vor allem Bernshausen zu punkten, das Tunnel-Thema verfing offenbar nicht mal rund um die verkehrsgeplagten Viertel Marbach und Nordstadt. Das in Marburg angesichts der Bevölkerungsstruktur besonders relevante Klimaschutz-Thema bekam der CDU-Spitzenkandidat ohnehin nie richtig zu fassen; wie die ganze Partei duldet man es staatstragend, vertritt es leidenschaftslos, wagt aber gleichsam wenig Widerspruch.

Von Björn Wisker

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